Zufrieden trotz Herausforderungen: Johann Brandhuber, Leiter der Polizei-Dienststelle in Holzkirchen.
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Zufrieden trotz Herausforderungen: Johann Brandhuber, Leiter der Polizei-Dienststelle in Holzkirchen.

Weniger Einbrüche und Unfälle

Polizei Holzkirchen über „Ausnahmejahr“ 2020: Cyberkriminalität boomt

  • vonKatrin Hager
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Der Sicherheitsbericht der Polizei Holzkirchen umfasst ein ganz neues Aufgabenfeld: den Infektionsschutz. Auch sonst lief 2020 einiges anders. Während Einbrüche und Unfallzahlen sanken, boomt die Cyberkriminalität: Der Schaden daraus summiert sich in der Region auf mehr als eine Million Euro.

Holzkirchen – „2020 war ein Ausnahmejahr, das muss man klar sagen“, stellt Johann Brandhuber fest. Der Leiter der Polizeiinspektion Holzkirchen zog jetzt, nach Einzelterminen mit den Bürgermeistern, bei einem Pressegespräch Bilanz über das Jahr 2020 in den Gemeinden Holzkirchen, Otterfing, Valley, Warngau und Weyarn.

Straftaten

Die Zahl der Straftaten stieg auf 1636 (Vorjahr: 1231), was einem Plus von 33 Prozent entspricht. Gleichzeitig sank die Aufklärungsquote. Für beides sei im Wesentlichen ein Bereich verantwortlich, der auch unabhängig von Corona boomt: die Vermögens- und Fälschungsdelikte (443 Fälle, Vorjahr 320), zu denen auch Internet- und Callcenterbetrug zählen. Letztere legten im Vergleich zu 2019 um 54 Prozent zu. Gleichzeitig sank die Aufklärungsquote in dem Bereich von 65,3 auf 46,7 Prozent. Gerade diese Delikte sind für Ermittler besonders schwierig: „Wir stoßen an Landesgrenzen und den Datenschutz“, erklärt Brandhuber.

Beispiel Telefonbetrug: Fast immer sitzen falsche Polizisten, falsche Enkel und falsche Microsoft-Mitarbeiter im Ausland, in Callcentern organisierter Banden, die meisten laut Brandhuber in der Türkei, viele etwa in Indien. Per Google Maps eignen sich die Anrufer Kenntnisse an, mit denen sie am Telefon vorgaukeln, sie seien ortskundig. Vor Ort agieren „Läufer“, die an der Haustür etwa für die falsche Polizei Bargeld und Wertsachen an sich nehmen. Deshalb treten Betrugsversuche auch so gehäuft in einer Region auf. Allein der Bereich Callcenter-Betrug habe sich 2020 verfünffacht auf 156 Fälle (Vorjahr: 23). Den Schaden, der dadurch Opfern im Nordlandkreis entstand, beziffert die PI mit über einer Million Euro. „Der Trend wird sich fortsetzen“, sagt Brandhuber: Die Zahl der Delikte habe heuer bereits die 100er-Marke geknackt. Weil die Aufklärung so schwierig ist, müsse man auf Aufklärung setzen. Er danke dafür der Presse, sagte Brandhuber. „Für uns ist es eine Bestätigung, wenn Bürger anrufen und einen Fall melden, bei dem aber kein Schaden entstanden ist, weil sie davon schon gelesen haben.“

Exorbitant gestiegen sind auch die Sachbeschädigungen (199 Fälle, Vorjahr: 108), insbesondere durch Schmierereien. Der Schaden summiert sich auf 141 000 Euro.

Den Einbrechern – die in den vergangenen Jahren oft Hochkonjunktur im Raum Holzkirchen hatten – hat dagegen Corona das Handwerk gelegt: weil die Bürger bei Homeoffice, Homeschooling und Ausgangssperre daheim hocken. Entgegen der Befürchtungen ging auch die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt zurück, um 29 Prozent. Von einer umso höheren Dunkelziffer geht Brandhuber nicht aus. Er glaubt eher an einen Umstand, auf den Weyarns Bürgermeister Leonhard Wöhr, früher selbst Kripo-Beamter, hingewiesen habe: dass wegen geschlossener Gaststätten auch seltener Alkohol als enthemmendes Moment im Spiel ist.

Infektionsschutz

Tagtäglich hat die Polizei mit Verstößen gegen die Corona-Infektionsschutzverordnung zu tun. Die PI Holzkirchen hat voriges Jahr 655 Anzeigen erstattet und ans Landratsamt weitergeleitet, das die Ordnungswidrikeiten als zuständige Stelle sanktioniert. Von ausgeprägtem „Denunziantentum“, wie Querdenker ja gerne postulieren, kann nicht die Rede sein: Etwa 90 Prozent der Verstöße werde durch die Polizei selbst im öffentlichen Raum festgestellt, erklärt Brandhuber: vor allem gegen die Maskenpflicht, „sehr, sehr selten“ gegen die Ausgangssperre. Nur etwa zehn Prozent der Fälle, schätzt der PI-Chef, werden durch Anrufe anderer Bürgern aufgedeckt – in der Regel besonders dreiste Fälle mit Feiern bei lauter Musik.

Die Frage, ob die Polizisten bei den Kontrollen oft angegangen würden, beantwortet Brandhuber diplomatisch: „Die Kollegen sind kritischen Äußerungen ausgesetzt.“ Der Klassiker: ob sie nicht „richtige“ Verbrecher jagen könnten. „Wir als Polizei müssen die Einhaltung überwachen“, stellt Brandhuber klar. „Wer soll es denn sonst tun?“

Unfälle

Corona hat das Verkehrsaufkommen drastisch gesenkt – und damit die Unfallzahlen: Sie sanken auf 664 (Vorjahr: 798) – ein Minus von 17 Prozent. Hauptursache: Fehler beim Ab- oder Einbiegen oder beim Wenden (211) sowie zu geringer Sicherheitsabstand (151). Bei 113 Unfällen wurden insgesamt 185 Menschen verletzt, nach dreien waren Tote zu betrauern. Ein Autofahrer starb im Februar, als er an der Allee bei Unterdarching in einen Baum fuhr, ein Motorradfahrer, als er im Juli zu spät die Einmündung der Staatsstraße aus Richtung Dietramszell in die B 13 südlich von Holzkirchen erkannte und in die Böschung prallte. Ein Pedelec-Fahrer erlag im Juni nach Wochen im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen nach einem Unfall auf der B 472 bei Wall: Ein Sattelzug-Fahrer hatte ihn überholt, war aber zu früh wieder eingeschert – weil er das Pedelec langsamer eingeschätzt hatte als es tatsächlich fuhr. „Fahrer müssen der Geschwindigkeit von Pedelecs Rechnung tragen“, appelliert Brandhuber.

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