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„Das ist Etikettenschwindel“: Lehrer packen über die Realität an den Schulen aus

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Von: Bettina Stuhlweißenburg

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Lehrkräfte Verbeamtung
Schreiben lehren ist nur eine Aufgabe, die Lehrer an Grundschulen übernehmen. Darüber hinaus sollen sie die ganzheitliche Entwicklung der Kinder im Blick haben. Das ist schon lange nicht mehr möglich.  © Sebastian Gollnow

Vollgestopfte Klassen, Lehrer ohne Qualifikation und fragwürdige Methoden des Unterrichts: Die Realität an Schulen entspricht nicht dem Bild, das die Politik vermittelt. Sechs Lehrer aus dem Landkreis haben jetzt ausgepackt.

Landkreis – Bayerns Schüler sind spitze in Mathe und Deutsch! Sagenhafte 210 Millionen Euro für die individuelle Förderung, zusätzliche Kurse außerhalb des Regelunterrichts: Wer über die Seite des Bayerischen Kultusministeriums surft, wähnt sich im Bildungsparadies. Weit gefehlt – zumindest den Repräsentanten des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) Miesbach zufolge. Sie haben in einen Seminarraum in Hartpenning geladen, um, wie sie sagen, ein realistisches Bild von Schule und Bildung im Kreis Miesbach zu vermitteln. Hintergrund ist der Lehrermangel.

Lehrermangel in Bayern: „Kultusministerium soll aufhören mit dem Schönreden“

„Das Kultusministerium soll aufhören mit dem Schönreden und sich dem Problem stellen“, sagt Jochen Fischer, Sprecher der Fachgruppe Förderlehrer im BLLV. Sein Kollege Markus Rewitzer, Sprecher der Schulleiter im BLLV wirft seinem Dienstherrn gar „Etikettenschwindel“ vor. Die Verbandsfunktionäre weisen auf Missstände weil: „Man Kindern ihr Recht auf Bildung nimmt“, wie BLLV-Miesbach-Chef Markus Schäffner sagt, der sich auch als Schülervertreter sieht. Die Kinder seien die Leidtragenden. Aber auch Arbeitgeber, die sich von Jahr zu Jahr lauter über mangelhaft qualifizierte Bewerber beklagten.

Wer im Kreis Miesbach als Lehrer arbeitet, ist nicht immer einer: Zehn Prozent der Lehrkräfte sind dem BLLV Miesbach zufolge nicht adäquat für ihre Schulart ausgebildet. Bayernweit stehen 26 verschiedene Professionen vor Schulklassen. Stefanie Lechner, die im BLLV die Junglehrer vertritt, berichtet, dass Lehramtsanwärter, die noch gar nicht befugt sind, allein zu unterrichten, sondern als in Ausbildung befindliche Lehrer hospitieren sollen, im Kreis Miesbach alleinverantwortlich viele Wochenstunden unterrichten.

Lehrermangel in Bayern beschönigt: Pädagogen decken auf

BLLV-Schriftführerin Bärbel Unsin erzählt von einer 71 Jahre alten, sogenannten Substitutionslehrkraft an einer Mittelschule im Kreis Miesbach, die alters- und krankheitsbedingt hohe Fehlzeiten hatte: „Aber das Kultusministerium konnte sagen: Wir haben die Stelle erfolgreich besetzt.“ So werde der Lehrermangel beschönigt. Sogar Lehramtsanwärter, die durchs Examen gefallen seien, unterrichten demnach.

Die Lage ist ernst: Die BLLV-Funktionäre (v.l.) Stefanie Lechner, Jochen Fischer, Markus Schäffner, Markus Rewitzer, Bärbel Unsin und Birgit Kowolik sprechen Klartext.
Die Lage ist ernst: Die BLLV-Funktionäre (v.l.) Stefanie Lechner, Jochen Fischer, Markus Schäffner, Markus Rewitzer, Bärbel Unsin und Birgit Kowolik sprechen Klartext. © THOMAS PLETTENBERG

Lehrermangel im Landkreis Miesbach: „Solange Kinder in der Schule sind, gilt das nicht als Unterrichtsausfall“

Theoretisch stehen an Grundschulen im Kreis Miesbach 200 Wochenstunden durch die sogenannte mobile Reserve zu Verfügung. Darunter versteht man Lehrer ohne festen Dienstort, die auf Abruf erkrankte Kollegen vertreten. Aber tatsächlich sind aktuell 170 Stunden aufgebraucht. Erkranken landkreisweit nur zwei Lehrkräfte, die je 24 Stunden arbeiten, kommt es zu Unterrichtsausfällen. „So lange die Kinder aber in der Schule sind, gilt das nicht als Unterrichtsausfall“, erklärt Schäffner.

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In der Praxis müssten Lehrer in solchen Situationen zwei Klassen gleichzeitig unterrichten, um einen kranken Kollegen zu vertreten. „Dann werden in der Klasse, in der man nicht anwesend sein kann – aber trotzdem die Aufsichtspflicht hat – Arbeitsblätter ausgeteilt und der Klassensprecher geschimpft, wenn es nicht ruhig ist“, sagt Rewitzer bitter. Dieser Unterricht heiße dann „eigenverantwortliches Arbeiten“. Oder man fasse alle Schüler in der Turnhalle zusammen und zeige irgendeinen Film. „Auch das gilt dann als Unterricht“, sagt Schäffner. Die Schule gerate dadurch zu einer Aufbewahrungs- statt einer Bildungsanstalt.

Um den Lehrermangel zu beschönigen, sei im Kreis Miesbach die Zahl der Unterrichtsstunden für Dritt- und Viertklässler sowie für Siebt- bis Zehntklässler reduziert worden. Vor allem im musisch-kreativen und sportlichen Bereich.

Wegen Lehrermangel: Keine AGs mehr - „Bildungsweg wird immer mehr zur Glückssache“

Sogenannte AGs, die Schüler zusätzlich zum regulären Unterricht entsprechend ihren Neigungen wählen können, wie Chor oder Schulspiel, gibt es im Kreis Miesbach nicht mehr. „Dabei sind Kinder, die in Mathe oder Deutsch keine Erfolgserlebnisse haben, in diesen AGs oft sehr gut und blühen richtig auf“, sagt Fischer. Birgit Kowolik ergänzt: „Eine ganzheitliche Bildung, wie es unserer Prämisse ist, findet nicht mehr statt.“ Nicht in jedem Elternhaus sei es selbstverständlich, dass Kinder im Sportverein seien oder ein Instrument lernten. „Der Bildungsweg von Kindern wird immer mehr zur Glücksache“, sagt Schäffner.

Problematisch für die Schüler sei auch die Kürzung von Förderlehrern, die abgezogen wurden, um andernorts personelle Löcher zu stopfen. Sie haben die Aufgabe, ergänzend zum Klasslehrer schwache, aber auch sehr gute Schüler individuell zu fördern. „Die starken Schüler und jene mit Defiziten fallen jetzt hinten runter.“

Landkreis Miesbach: Schüleranzahl in Klassen - „Überhaupt nicht aussagekräftig“

Im Kreis Miesbach haben Grundschulklassen durchschnittlich 21,8 Schüler, Mittelschulklassen 19,9. „Das ist aber überhaupt nicht aussagekräftig“, sagt Schäffner. Nicht zuletzt, weil Klassenzusammenlegungen an der Tagesordnung sind, wenn ein Lehrer erkrankt. Manche Grundschulklassen im Landkreis wachsen so auf 30 Schüler an.

Maßnahmen, die den Beruf des Lehrers insbesondere an Grund- und Mittelschulen attraktiver machen, wie eine Anhebung des Solds, fruchten erst in einigen Jahren, meint Rewitzer. Vor allem der anstehende Winter werde „dramatisch“, wenn es weitere Krankheitsfälle gebe. „Dann müssen die Kinder daheim bleiben.“

Lehrermangel: Anstehender Winter wird „dramatisch“

Dass schwangere Lehrerinnen seit Anfang Oktober nun doch wieder unterrichten dürfen, sei nur bedingt hilfreich. Unter anderem wegen der wenig praktikablen Vorgaben, die sie dabei einhalten müssen. Etwa ein Mindestabstand von 1,50 Metern zum Schüler. „Das ist in der Grundschule nicht machbar“, sagt Rewitzer.

Um den Lehrermangel zu lindern, hat das Kultusministerium die Möglichkeit von Lehrern zur Teilzeitarbeit eingeschränkt. „Das macht den Beruf ja noch unattraktiver“, sagt Rewitzer und verweist auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie: „Man nimmt ja nicht ohne Not ein geringeres Gehalt durch Teilzeit in Kauf, noch dazu in diesen Zeiten.“ Lehrer seien „keine faulen Säcke“.

Zukunftsperspektive

Corona habe die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Schulen gelenkt: „Beim Homeschooling hat man gemerkt: Hoppla, Schule leistet ja was! Da steht kein Hanswurscht vorne, der unsere Kinder beaufsichtigt“, so Rewitzer. Nun sei es wichtig, jahrelange Versäumnisse aufzuholen. „Bildung hat einen Langzeiteffekt“, so Fischer. „Wer in Bildung investiert, wird Erfolg haben.“

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