Dr. Thomas Straßmüller impft Patientin gegen in einer Praxis.
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Viele Ärzte impfen – aber immer mehr nicht gegen Grippe. Ihnen fehlt der Impfstoff. Dr. Thomas Straßmüller hofft auf baldige Verfügbarkeit.

Experten hoffen auf baldige Verfügbarkeit

Risikopatientin ist sauer: Sie wartet wie viele auf den Grippe-Impfstoff

  • Stephen Hank
    vonStephen Hank
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  • Marlene Kadach
    Marlene Kadach
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Risikopatienten wie Theresia Widmair warten auf eine Grippeimpfung. Doch der Impfstoff ist knapp. Experten bleiben entspannt, hoffen aber auf eine baldige Verfügbarkeit. 

Holzkirchen – Theresia Widmair ist sauer. Stinksauer. „Ich bin so narrisch, weil sich keiner zuständig fühlt“, schimpft die Holzkirchnerin. Dabei hat sie es überall versucht. Nachdem sie bei ihrer Hausärztin leer ausgegangen war, rief sie bei der Krankenkasse an, bei Apotheken, im Gesundheitsamt Miesbach, ja sogar im Büro von Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder. „Die Telefonnummer hatte ich, weil er mir heuer zum 80. Geburtstag einen Brief geschrieben hat.“ Denn der Landesvater verschickt an betagte Jubilare im Freistaat Glückwünsche per Post. Doch selbst an höchster Stelle – Söder war natürlich nicht selbst am Apparat – wurde Widmair nur vertröstet.

Seither wartet die 80-Jährige darauf, endlich gegen Grippe geimpft zu werden. Doch bislang war kein Impfstoff mehr verfügbar. Wie andere Bürger auch, steht Widmair auf der Warteliste ihrer Hausarztpraxis. Denn inmitten der Corona-Pandemie wollen sich heuer deutlich mehr Menschen als sonst gegen Grippe impfen lassen. Und auch früher. Viele befürchten, beide Infektionen zu bekommen, was für den Körper belastend wäre. Deshalb ist der Influenza-Impfstoff vielerorts knapp.

Gerade in der Corona-Pandemie rät Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zur Grippeschutzimpfung: „Gleichzeitig eine größere Grippewelle und die Pandemie kann das Gesundheitssystem nur schwer verkraften“, heißt es auf der Internetseite seines Ministeriums. Vor allem Risikogruppen sollten sich gegen Grippe impfen lassen. Dazu zählen laut der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut unter anderem ältere Menschen ab 60 Jahren sowie Personen mit chronischen Krankheiten der Atmungsorgane.

Also Menschen wie Widmair, die lungenkrank ist. Seit Mitte Oktober versucht sie es nun schon mit der Impfung. Sie versteht nicht, warum ihre Hausärztin nicht für Fälle wie sie eine Dosis reserviert hat. „Wenn ich Corona bekäme, wäre ich sicher ein Beatmungspatient“, meint Widmair. Als ehemalige Krankenschwester weiß sie, was Sache ist. Aber sie betont: „Ich passe auf.“ Wegen Corona noch mehr. Sie meide Kontakte, bleibe viel daheim. Und sie gehe selbstverständlich mit Maske zum Einkaufen, wasche sich oft die Hände und habe stets ein Desinfektionsmittel in der Tasche. Sie glaubt, dass sich durch die Corona-Schutzmaßnahmen in dieser Saison weniger Menschen als sonst mit Grippe anstecken. Trotzdem will sie kein Risiko eingehen. Denn sei weiß: „Wenn das Immunsystem geschwächt ist, braucht der Körper Hilfe.“ Also eine Impfung.

Und immerhin habe Spahn vor Kurzem in den Medien noch behauptet, dass es – abgesehen von lokalen und zeitlichen Lieferengpässen – nicht zu Versorgungsengpässen komme. Über 26 Millionen Dosen Influenzaimpfstoffe seien für die Saison 2020/21 in Deutschland verfügbar.

Die Experten im Landkreis können die Unruhe verstehen, die Alarmglocken schrillen bei ihnen aber noch nicht: „Ich sehe die Lage nach wie vor entspannt und Risikopatienten durch eine fehlende Impfung aktuell nicht gefährdet“, sagt Dr. Thomas Straßmüller, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands. Die Influenza sei vorwiegend eine Erkrankung der kalten Jahreszeit, tatsächlich habe sie momentan noch nicht um sich gegriffen. „Wir haben auch gemerkt, dass sie im Frühjahr, als damals wegen Corona der erste Lockdown kam, sehr schnell rückläufig war.“ Straßmüller hat Vertrauen, dass der Impfstoff rechtzeitig eintrifft. Allerdings gibt er zu, „gerade ziemlich im Ungewissen“ zu sein. „Man nennt uns kein genaues Lieferdatum“, berichtet er. Seines Wissens nach sei ein Großteil der Praxen im Landkreis nicht versorgt. „Wir machen jetzt – auch über den Ärztlichen Bezirksverband – noch mal Druck, dass der Impfstoff schnell ausgeliefert wird.“

Prof. Günter Pilz, Chefarzt der Kardiologie am Krankenhaus Agatharied, meint, „eine gewisse Beunruhigung bei Menschen zu spüren, die impfwillig sind“. In seinen Augen wäre es deshalb gut, wenn die Politik einen klareren Zeithorizont nennt. Auch er sieht noch keinen akuten Druck. „Wenn der Impfstoff in den nächsten zwei bis drei Wochen verfügbar ist“, sagt er, „wäre das aber nicht schlecht.“

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