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So viele wie schon lange nicht mehr: Bucheckern, die Früchte der Buchen.

„Der alte Baum fühlt sein Ende nahen“

Mysteriöses Naturschauspiel: Darum gibt es heuer so viele Bucheckern

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Holzkirchen – Die Buchen tragen heuer so viele Früchte wie noch nie. Hier erklären Experten die Hintergründe dieser außergewöhnlichen Buchenmast. Soviel vorweg: Ein gutes Zeichen ist das nicht.

Das Phänomen ist deutlich sichtbar. Obwohl die Buchen noch ihr sommerlich grünes Blätterkleid tragen, wirken ihre Kronen aus der Entfernung eher braun. Kiloweise hängen Bucheckern an den Ästen. Das erstaunt sogar die Fachleute des Bayerischen Forstministeriums. Seit Beginn der Ernteaufzeichnungen im Jahr 1950, so heißt es in einer Pressemitteilung, blühten Bayerns Buchen nicht so stark wie in diesem Jahr.

„Der alte Baum fühlt sein Ende nahen“

Eine Laune der Natur? Gerhard Penninger, Geschäftsführer der Waldbesitzervereinigung (WBV) Holzkirchen, schüttelt den Kopf. Die Bäume, sagt er, wissen genau, was sie machen. Der Entschluss, in diesem Jahr besonders stark zu fruktifizieren, er fiel im Sommer 2015. „Es war ein sehr trockener Sommer“, erinnert sich Penninger. Die Bäume registrierten das, spürten Stress und schließlich sogar Lebensgefahr. „Der alte Baum fühlt sein Ende nahen“, erklärt Penninger, „so entsteht der Impuls, alle Kraft in möglichst viele Nachkommen zu stecken, um den Fortbestand der Art zu sichern.“ Das sei vielleicht dramatisch formuliert, treffe aber den Kern. „Jedes Jahr viele Früchtezu produzieren, würde den Baum zu viel Kraft kosten.“

Mastjahr kommt so überraschend, damit Tiere sich nicht drauf einstellen

War früher gar nicht so unüblich im Oberland: Buchenwald, hier mit Robert Wiechmann.

Man könnte meinen, die Buchen „erinnern“ sich an den trockenen Sommer 2015 und reagieren ein Jahr später. Das aber haben Bäume nicht nötig, sie bauen vor. „Schon 2015 haben die Buchen entschieden, ob 2016 aus einer Knospe ein Zweig oder eine Blüte wird“, erklärt Revierförster Robert Wiechmann. Die unregelmäßige Fruchtbildung überrasche in ihrer Wucht auch die Fressfeinde. Auf die plötzliche Fülle an Bucheckern können sich Vögel, Mäuse, Eichkätzchen oder Wildschweine nicht regelmäßig einstellen und womöglich mit stärkeren Populationen reagieren. So bleiben in einem „Mastjahr“ mehr Samen in der Erde. „Ein genialer Trick der Bäume“, findet Wiechmann.

„Bucheckern schmecken aber gar nicht schlecht.“

Noch sind die Bucheckern nicht reif, erst im Oktober werden sie in größeren Mengen zu Boden fallen. „Ist ein wenig mühsam, den Kern frei zu legen“, weiß Penninger, „Bucheckern schmecken aber gar nicht schlecht.“ Früher wurde aus den dreikantigen Nüssen sogar Öl und Kaffee-Ersatz gepresst. Von übermäßigem Genuss ist allerdings abzuraten, da rohe Bucheckern auch leicht giftige Substanzen aufweisen.

Früher waren Bucheckern Kaffee-Ersatz

Wildschweine freilich kennen solche Probleme nicht. Sie werden sich unter den Buchen gerne den Wanst vollschlagen. „Die Buchenmast verbessert das Leben der Schweine“, weiß Wiechmann. Eine entscheidende Rolle für die Ausbreitung der Schwarzkittel spiele das aber nicht, glaubt Penninger.

Wenn demnächst mehr Buchensetzlinge aufkommen, kehrt das Oberland ein Stück weit zu seinen Wurzeln zurück. „Hätte der Mensch nicht eingegriffen und die Fichte angesiedelt, hätten wir hier überwiegend Buchen- und Tannenwälder stehen“, erklärt Wiechmann. Denn anders als die Buche lässt sich die Fichte besser vermarkten: Sie wächst schnell kerzengerade, während sich die Buche gerne krümmt und viele Äste ausbildet.

Für die Fichte wird es eng

Allerdings wird es eng für die flach wurzelnde Fichte, der die zunehmende Trockenheit zusetzt. Ob man an den Klimawandel glaube oder nicht, „wir beobachten, dass sich rund um München ganze Fichtenbestände auflösen“, sagt Penninger. Der Buche gehöre wohl die Zukunft, auch wenn es selbst ihr im Vorjahr zu trocken war. Die WBV werde versuchen, Buchen besser zu vermarkten. „Man kann Buchen zu Bauholz erziehen, das erfordert aber mehr Aufwand.“

Für Förster Wiechmann ist die Buche einer der wichtigsten Bäume, um heimische Wälder in stabile Mischwälder umzubauen. Die künstliche Einbringung in Nadelreinbestände werde sogar staatlich gefördert. Im Landkreis Miesbach läuft die Verjüngung aber überwiegend über natürlichen Samenflug. „Zum Glück haben wir in den Mischwäldern noch Altbestände“, sagt Wiechmann. In drei oder vier Jahren wird sich zeigen, ob es den Buchen gelungen ist, durch die „Fruchtexplosion“ 2016 Fressfeinde zu überraschen und altes Terrain zurückzuerobern.

avh

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