Marion Weiß wickelt ihr Kind mit Stoffwindeln
+
Stoffwindelberaterin Marion Weiß verzichtet so gut es geht auf Plastik. Auch ihre eigenen Kinder werden mit Stoffwindeln gewickelt.

Interview mit Beraterin Marion Weiß

Stoffwindeln liegen voll im Trend: „Einfach schön für die Umwelt“

  • Marlene Kadach
    vonMarlene Kadach
    schließen

Mehrweg liegt voll im Trend: Beraterin Marion Weiß (31) aus Föching berichtet von den Vorzügen von Stoffwindeln.

Frau Weiß, unsere Großmütter haben noch mit Stoffwindeln gewickelt. Dann kam irgendwann die Wegwerfwindel, was sicher ein Quantensprung für Hausfrauen war. Warum machen jetzt viele Eltern die Rolle rückwärts?

Das ist keine Rolle rückwärts. Denn das Wickeln mit Stoffwindeln ist gar nicht mehr so aufwendig wie früher. Man muss sie nicht mehr im Topf auskochen, sondern kann sie einfach mit einem Vollwaschmittel bei 60 Grad in der Waschmaschine waschen. Je nach Material kann man sie sogar in den Trockner legen. Außerdem gibt es die Stoffwindeln jetzt mit schönen Motiven. Die haben einen richtigen Modehype hinter sich.

Scheint ja auch modisch ein Trend zu sein. Wie sind Sie persönlich auf den Geschmack gekommen?

Als ich mit meiner Tochter schwanger war, bin ich in den Drogeriemarkt gegangen und wollte mir eine Packung Wegwerfwindeln kaufen. Plötzlich dachte ich: 15 Euro für Müll? Anschießend bin ich zu einer Stoffwindelberaterin gegangen. Dazu muss ich sagen, dass wir davor schon damit angefangen hatten, Plastik zu vermeiden.

Ein ehrenwertes Unterfangen. Produzieren die Wegwerfwindeln wirklich so viel Müll?

Man braucht im Schnitt 5000 bis 6000 Wegwerfwindeln pro Kind, bis es trocken ist. Das sind in der Summe bis zu 1,5 Tonnen Restmüll. Laut dem Abfallunternehmen VIVO im Landkreis Miesbach, sind circa 14 Prozent des Hausmülls Windeln. Das macht zusammen rund 1600 Tonnen Müll im Jahr. Das Problem ist, dass man den Superabsorber – der die Flüssigkeit aufsaugt – schlecht verbrennen kann. So bleiben bei jedem Brennvorgang etwa 2,5 Prozent giftiger Sondermüll übrig. Übrigens: Würde man eine Einmalwindel nicht verbrennen, bräuchte sie 450 Jahre, um zu verrotten.

Die Zahlen klingen dramatisch.

Stoffwindeln sind einfach schön für die Umwelt. Deshalb fördert die VIVO die Verwendung von Mehrwegwindeln durch einen einmaligen pauschalen Zuschuss in Höhe von 50 Prozent der Anschaffungskosten, höchstens jedoch mit 50 Euro.

Da bekommt man also eine Belohnung. Wie fällt der Preisvergleich aus?

Bei Wegwerfwindeln kommt man auf circa 1500 Euro pro Kind. Hinzu kommen noch die Kosten für die Windelsäcke, weil die Windeln meist gar keinen Platz mehr im Restmüll haben. Bei der VIVO zahlt man pro Stück einen Euro.

Lassen die Mehrwegwindeln mehr im Geldbeutel zurück?

Für eine Vollausstattung Stoffwindeln muss man 300 bis 700 Euro ausgeben. Es gibt Neugeborenengrößen und dann eine Einheitsgröße, die man mit Knöpfen verstellen kann und die von vier bis 15 oder 18 Kilo geht, je nach Hersteller. Der Vorteil: Plant man mehrere Kinder, kann man sie mehrfach verwenden. Übrigens haben sie auch einen relativ hohen Wiederverkaufswert. Die Kosten für ein Set variieren je nach System und Material.

Da steckt also eine richtige Wissenschaft dahinter...

Es gibt viele Systeme, aber jedes besteht im Prinzip aus zwei Komponenten. Innen ist das Saugmaterial, das kann aus Baumwolle, Hanffasern, Leinen, Bambusviskose oder Mikrofasern bestehen. Drüber kommt der Nässeschutz nach außen. Dieser besteht meist aus PUL (Polyurethan – laminierter Stoff) oder kann auch aus Wolle sein. Beides ist atmungsaktiv.

Stimmt es, dass Kinder mit Stoffwindeln schneller sauber werden?

Ja, weil eine Stoffwindel ein Nässefeedback zulässt. Das heißt, ein Kind spürt, dass es nass wird, weil es etwas länger dauert, bis das Material die Flüssigkeit aufsaugt. Dadurch lernen sie, schneller zu verknüpfen. In der Regel werden die Kleinen dann mit 18 Monaten oder zweieinhalb sauber. Der zeitliche Aufwand ist übrigens nicht viel größer. Und sie halten auch nachts für gut zwölf Stunden den Popo trocken.

Auf welche Zielgruppe haben Sie sich bei Ihren Beratungen spezialisiert?

Die Stoffwindeln sind inzwischen überall angekommen. Nicht nur bei den Ökos. Viele möchten einfach, dass keine Chemie – die oft in den Wegwerfwindeln vorhanden ist – an den Babypopo kommt. Wieder andere haben Kinder mit Hautproblemen. Ich berate die Eltern ganz individuell. Es ist wichtig, dass sie die verschiedenen Materialien in der Hand halten können. Meine Beratungen sind allerdings kein Verkaufsgespräch. Denn ich verkaufe keine Windeln.

Sie haben selbst zwei Wickelkinder. Hand aufs Herz: Wenn’s mal pressiert, greifen Sie dann mal zur Einmalwindel?

Als wir mal im Urlaub eine Woche lang im Hotel waren, und wir keine Waschmaschine hatten, habe ich auch eine Packung Wegwerfwindeln gekauft. Ich bin ja kein Hardliner (lacht).

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare