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Teil-Aus fürs Anruf-Sammel-Taxi: Holzkirchen, Otterfing, Valley und Warngau gestrichen

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Von: Jonas Napiletzki

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AST-Haltestelle an der Miesbacher Straße in Holzkirchen mit Gerd Majewski
Abgehängt: Die faktische Einstellung des Anruf-Sammel-Taxis (AST) im Raum Holzkirchen stellt den Holzkirchner Gerd Majewski vor Probleme. Er hatte das AST – hier eine Haltestelle an der Miesbacher Straße in Holzkirchen –vergleichsweise oft genutzt. © Thomas Plettenberg

Das Anruf-Sammel-Taxi im Landkreis-Norden gibt es nicht mehr – es wurde zum Jahreswechsel eingestellt. Kommuniziert wurde das vom Landratsamt nicht. Nun ärgern sich die Fahrgäste.

Holzkirchen – Bis zum MVV-Beitritt des Landkreises hätte das Anruf-Sammel-Taxi (AST) noch mal richtig Gas geben sollen. Denn: Die vom Kreis bezuschussten Taxifahrten waren zuletzt weniger genutzt; das Tegernseer Tal ist seit 2014 – mit Ausnahme von Gmund – nicht mehr angebunden. Weil eine Alternative erst mit dem MVV-Beitritt geplant ist, entschied sich der Kreisentwicklungsschuss im März 2021 für die Fortführung des AST. Bis 2024 wollte man keine Rückschritte. Sogar eine erneute Anbindung des Tegernseer Tals mit 400 Haltestellen und doppelt so viele Nutzer waren gewünscht.

Doch es kam anders: Nicht nur das Tegernseer Tal bleibt vom AST abgeschnitten, auch der nördliche Landkreisteil wurde erstmals seit 1998 abgesägt. Betroffen sind die Gemeinden Otterfing, Holzkirchen, Valley und Warngau. Dort fährt kein AST mehr.

Die Fakten

Warum? Einer Sprecherin des Landratsamts zufolge könne die AST-Insel III „bedauerlicherweise aus wirtschaftlichen und verkehrspolitischen Gründen nicht in das Konzept aufgenommen werden.“ Mit Verkehrspolitik ist dabei gemeint, dass das Landratsamt nur Taxiunternehmer beauftragt, die ihren Sitz nahe dem Einsatzgebiet haben. Längere Anfahrten könne man wegen der Verkehrsbelastung nicht vertreten. „Zudem wäre das umweltethisch eher bedenklich“, schreibt die Sprecherin auf Nachfrage. Mit der Erklärung werden auch die wirtschaftlichen Gründe klarer: Die eingegangenen Angebote der Unternehmen aus dem Raum Holzkirchen scheinen dem Landratsamt zu teuer gewesen zu sein.

Aufteilung der AST-„Inseln“ im Landkreis Miesbach
Die Karte zeigt die Aufteilung der AST-„Inseln“ im Landkreis. Derzeit gilt: aus vier mach’ zwei. Dem Aus im Raum Tegernsee (gestreifte Zone) vor einigen Jahren folgt jetzt die Insel III „Nördlicher Landkreis“ (rot). Die blaue und gelbe Zone (Miesbach und Schlierach-/Leitzachtal) werden weiterhin bedient. © Grafik: Landratsamt

Zur Situation erklärt die Sprecherin: „Die jetzige Ausführung ist für das Landratsamt nicht zufriedenstellend.“ Die Leistungen seien wegen auslaufender Verträge neu ausgeschrieben worden – doch das Ausschreibungsergebnis habe „nicht die erhofften Verbesserungen ergeben“. Nun überlegt die Behörde, welche kurzfristigen Lösungen es geben könne. Aber: „Noch ist man auf keinen wirklich zufriedenstellenden Verbesserungsvorschlag gekommen, weil die Rahmenbedingungen so starr sind.“ Die Behörde bleibe dran, schreibt die Sprecherin.

+++ Lesen Sie auch: Aus für das Anrufsammeltaxi am Tegernsee +++

Bis 2024 soll derweil ein Konzept entwickelt werden, das den Bedarfsverkehr in die Systeme des MVV integriert. Langfristig soll das AST einem Zubringer- und Ergänzungsmodell für Linien- und Schienenverkehr weichen.

Die Folgen

So lange kann Gerd Majewski nicht auf eine neue Lösung warten. Er war einer der AST-Nutzer und ist unmittelbar von der Situation betroffen. Der 64-Jährige wohnt an der Wagnerbreite in Holzkirchen – nicht ganz abgelegen –, ist wegen einer Prothese jedoch mobilitätseingeschränkt. Der ehemalige Speditionsbetreiber hat das AST bisher regelmäßig genutzt, um zum Bahnhof oder zu Ärzten zu gelangen. „In den Ferien und am Wochenende fahren die Busse einfach zu selten“, sagt Majewski. Das AST habe ihn für vier Euro zum Bahnhof gebracht, wegen der Schwerbeschädigung sogar ab der Haustür. „Der Normalpreis mit dem Taxi liegt bei acht bis zehn Euro – das ist preislich ein riesen Unterschied.“

Neben der Situation an sich ärgert sich der Holzkirchner auch darüber, dass das Landratsamt die Einstellung des AST-Angebots nicht kommuniziert hat. Viele Senioren – etwa aus Oberlaindern – oder Eltern mit Kindern stünden nun vor vollendeten Tatsachen. Er selbst wurde von einem Taxifahrer informiert.

Die Sprecherin des Landratsamts schreibt in Sachen Kommunikation von „Reibungsverlusten“ durch eine „Umstellungsphase“. Der Bereich Mobilität am Landratsamt sei zum Jahreswechsel neu aufgestellt worden.

Die Hintergründe

Auch wenn auswärtige Bewerber „verkehrspolitisch“ fürs Landratsamt nicht in Frage kamen: Es gab Angebote aus dem Raum Holzkirchen. Taxiunternehmer Manfred Wengerter – er fährt fürs AST seit über 20 Jahren – bestätigt, er habe sich beworben. In der jüngsten Ausschreibung seien jedoch viele Punkte im Vergleich zu den Vorjahren verändert worden: „Die Anfahrt wäre nicht mehr bezahlt worden“, schildert der Unternehmer.

Stattdessen habe er eine Bereitstellungsgebühr nennen sollen. „Das haben wir gemacht“ – auf Basis der Tatsache, dass er nun damit rechnen müsse, 80 Prozent einer Strecke unbezahlt leer zu fahren und 20 Prozent kassieren zu dürfen. „Das ganze Risiko wird auf Unternehmer abgewälzt“, schimpft Wengerter.

Doch die Bereitstellungsgebühr sei dem Landratsamt wohl zu hoch gewesen: „Mein Angebot wurde abgelehnt.“ Schon früher habe er vom Landratsamt nicht die Taxameterpreise bezahlt bekommen, aber immerhin Pauschalen für Anfahrten und Fehlfahrten. Dass das Anruf-Sammel-Taxi nun ganz eingestellt wurde, sei auch ihm nicht kommuniziert worden. Er bekomme nun Beschwerden von älteren Leuten und Eltern mit Schulkindern. Wengerter: „Es gibt viele Menschen, die jetzt richtig Probleme haben.“

Neue Preise für AST

In den verbleibenden Inseln I und II (Raum Miesbach und Schlierach-/Leitzachtal) zahlen Fahrgäste künftig nur 30 Prozent des Normalpreises – bisher waren es 60. Eine Buchung über die Wohin-Du-Willst-App soll zeitnah möglich sein.

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nap

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