Historischer Moment: Im März 1927 holte die Feuerwehr Holzkirchen die neue motorbetriebene Feuerspritze am Bahnhof ab.
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Historischer Moment: Im März 1927 holte die Feuerwehr Holzkirchen die neue motorbetriebene Feuerspritze am Bahnhof ab.

Feuerwehr blickt auf denkwürdiges Datum zurück

Epochaler Schritt: Vor 100 Jahren bekam Holzkirchen die erste motorbetriebene Feuerspritze

  • Bettina Stuhlweißenburg
    vonBettina Stuhlweißenburg
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Der 27. März vor hundert Jahren war ein denkwürdiges Datum für die Holzkirchner Feuerwehr: An diesem Tag bekam sie ihre erste motorbetriebene Löschpumpe. Ein epochaler Schritt.

Holzkirchen – Die Feuerwehrleute, die am 27. März 1921 – also vor hundert Jahren – mit einem Pferdegespann zum Holzkirchner Bahnhof fuhren, waren stolz und nervös zugleich. Schließlich holten sie nichts Geringeres als die fabrikneue motorbetriebene Feuerspritze ab, die gerade mit der Bahn aus dem Magirus-Werk in Ulm eingetroffen war – eine Sensation.

Denn bis zu diesem Datum hatte die Holzkirchner Feuerwehr nur zwei Handfeuerspritzen. Ihr Einsatz erforderte Muskelkraft, war kräftezehrend und nicht sehr effektiv. Für Holzkirchen, das in der Vergangenheit unter zahlreichen Bränden gelitten hatte, war die Ankunft der vierrädrigen, benzinbetriebenen Motorspritze also ein historischer Moment.

Stolze 93.349,20 Mark hatte die Spritze gekostet, die von Pferden gezogen werden musste – finanziert mit Spenden der Holzkirchner. Kein Wunder also, dass ihre Blicke auf die Neuanschaffung gerichtet waren. Die Bürger wollten schon wissen, ob sie die Investition auch wert war. Mit einem Pferdewagen wurde die festliche geschmückte Motorspritze vom Bahnhof zum Feuerwehrhaus transportiert, das damals dort war, wo sich heute die Gemeindebücherei befindet.

Ehrenkommandant hat Geschichte der Motorisierung recherchiert

„In den kommenden Wochen übten die Feuerwehrleute mit der Spritze, damit sie sich bei der Präsentation für die Öffentlichkeit nicht blamierten“, erzählt Franz Festl, Ehrenkommandant der Holzkirchner Feuerwehr. Der 72-Jährige hat die Geschichte der Motorisierung der Feuerwehr sorgfältig recherchiert – und aus Anlass des 100. Jahrtags ein Dokument mit alten Zeitungsartikeln und historischen Fotos erstellt. „Seit ich in Rente bin, brauche ich ein bisschen Beschäftigung“, sagt Festl über seine Recherche. „Außerdem interessiert mich die Geschichte einfach.“ Nicht nur die der Holzkirchner Feuerwehr – der ehemalige Fuhrunternehmer ist auch in Sachen Geschichte der Wasser- und Stromversorgung der Marktgemeinde kundig.

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Warum es wichtig ist, an die Anschaffung der ersten Motorspritze vor 100 Jahren zu erinnern? „Weil die junge Generation den Wert der heutigen Löschfahrzeuge nur versteht, wenn sie weiß, wie das früher funktioniert hat“, sagt Festl. Der Chronist der Holzkirchner Feuerwehr, Franz Bettendorf, ergänzt: „Die Dokumentation der technischen Entwicklung ist historisch interessant. Die Umstellung von Hand- auf Motorbetrieb war ja ein epochaler Schritt.“

Maschine konnte 800 Liter Wasser pro Minute spritzen

Mit Blick auf die Leistung moderner Löschzüge mag die der vierzylindrigen Motorfeuerspritze läppisch erscheinen. Aber in den 20er-Jahren war es eine Errungenschaft, 800 Liter Wasser pro Minute spritzen zu können – bis zum Turm der Holzkirchner Kirche hoch, wie die öffentliche Präsentation an Christi Himmelfahrt 1921 eindrucksvoll belegte. Auch vor dem Oberbräu zeigte die Feuerwehr an jenem Tag, was die neue Spritze drauf hatte.

Der Automobilspritze wollte man damals nicht so recht trauen

Dabei war eine motorbetriebene Spritze, die von Pferden gezogen werden musste, zu dieser Zeit gar nicht mehr so wirklich en vogue: „Der damalige Bürgermeister hatte eigentlich für den Kauf einer Automobilspritze plädiert, die damals aufkamen“, weiß Festl. „Aber die Zeit war für diesen vorausschauenden Plan wohl noch nicht reif. Man misstraute dem noch neuen Automobil, da war eine gewisse Ängstlichkeit.“ Außerdem wäre eine Automobilspritze noch teurer gewesen.

1929 legte sich die Holzkirchner Feuerwehr dann doch eine Automobilspritze zu. Aber die Motorspritze blieb weiter im Einsatz, wie Festl weiß. Vor allem in Holzkirchen. Denn mit der Automobilspritze unterstützte die Holzkirchner Feuerwehr während des Zweiten Weltkriegs ihre Kollegen in München – die Stadt war anders als Holzkirchen oft Ziel von Bombenangriffen.

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Die Motorspritze ist heute nicht mehr im Besitz der Feuerwehr. Sie wurde 1957 von der Gemeinde an das Baugeschäft Kirchberger verkauft – zu einem unbekannten Preis und ohne zuvor den Vorstand der Feuerwehr zu informieren. Das führte damals Unstimmigkeiten, wie aus einem Dokument hervorgeht, das Festl gefunden hat.

Die Spritzen gibt‘s nicht mehr - sie gelten als verschollen

Auch die mühsam von Hand betriebenen Spritzen hat die Feuerwehr nicht mehr. „Sie gelten als verschollen. Zumindest ist ihr Verbleib nicht dokumentiert“, sagt Chronist Bettendorf

Umso stolzer ist die Holzkirchner Feuerwehr auf die Automobilspritze „Magirus Neuengamme“, benannt nach dem Ort, dem Magirus die erste Spritze dieser Art verkauft hatte. „Es gab nur 13 Stück von diesem Typ, der eine Luxusausführung war“, sagt Festl. Die Feuerwehr restaurierte sie hingebungsvoll und setzt sie bei historischen Festen ein. Festl: „Magirus hat uns vor 30 Jahren eine Menge Geld dafür geboten. Aber die verkaufen wir nicht. Wir halten sie sehr in Ehren.“

bst

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