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Aufkleber fürs Schaufenster: Mario Haitzer (l.), Initiator der Kampagne, und Stefan Szabo vom gleichnamigen Modegeschäft in Holzkirchen, der sich an der Initiative beteiligt.

Interview 

Weckruf an den Lokalpatriotismus: Diese Aktion soll regionale Geschäfte stärken

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Mit seiner Initiative „In Hoizkiacha dahoam. Ich kauf lokal“ will Mario Haitzer den regionalen Einzelhandel stärken. Wie er sich das vorstellt, hat er uns im Interview verraten.

Holzkirchen – Na, wer hat sie schon entdeckt? Die bunten Aufkleber in den Schaufenstern von Geschäften in Holzkirchen und Warngau. Die Sticker sind Bestandteil der Initiative „In Hoizkiacha dahoam. Ich kauf lokal“, die es im gleichen Wortlaut auch in der Nachbargemeinde gibt. Initiator ist der Warngauer Mario Haitzer, der am Holzkirchner Bahnhof ein Immobilienbüro betreibt. Er sagt: „Hinter jedem regionalen Geschäft stehen Menschen und Familien.“ Und er ist der festen Überzeugung, dass wer vor Ort einkauft, seine Heimat ein Stück weit attraktiver macht. Mit seiner Aktion will er nun mehr Bewusstsein schaffen für den Wert des Lokal-Einkaufens. Ein Gespräch über den unnachahmlichen Charme regionaler Händler, deren Faustpfand und goldene Paläste.

-Herr Haitzer, Amazon boomt, und mittlerweile können Kunden sogar Lebensmittel übers Internet bestellen und sich an die Haustür liefern lassen. Selbst schon mal ausprobiert?

Selber noch nicht, aber ich habe es von Bekannten schon gehört. In Holzkirchen gibt es ja auch schon erste Anbieter, die auf den Zug aufgesprungen sind. Das wird die Zukunft sein, aber das ist genau der Punkt, warum wir uns überlegt haben: Was kann man tun, um trotzdem ein Bewusstsein für die Regionalität zu schaffen?

-Der Alles-Online-Strömung wollen Sie mir Ihrer Initiative entgegensteuern.

Exakt. Mir ist durchaus bewusst, dass wir hier von heute auf morgen die Welt nicht verändern werden. Aber der stete Tropfen höhlt den Stein.

-Woher stammt die Idee?

In der täglichen Arbeit mit meinen Kunden, den Gewerbetreibenden, mit denen man sich unterhält, ist es immer wieder Thema. Die Umsätze gehen zurück, sie verlieren hier und da. Teilweise kommt Beratungsdiebstahl hinzu. Sprich: Kunden lassen sich im Laden ausführlich beraten, kaufen dann aber im Internet. Die Frage ist doch: Ist es im Internet tatsächlich billiger? Wie sehr schätze ich das Vorort-Einkaufen? Will ich in einem Ort leben, der vollkommen ausgestorben ist?

-Sie versuchen nicht nur, an die Kunden zu appellieren, Sie wollen auch die Einzelhändler aufrütteln. Was ist damit gemeint?

Die Einzelhändler müssen auch was tun. Es bringt nichts zu resignieren. Durch eine konzentrierte Aktion kann man was machen.

-Und was genau kann man machen?

Zuerst den Leuten ins Bewusstsein rufen: Ich bin vor Ort für Euch da. Das ist keine brandneue Idee. Aber wir wollten sie hier umsetzen. Die Flyer sind dabei vielleicht schnell vergessen, aber die Aufkleber – das erhoffe ich mir schon – sollen die Aktion am Leben halten. Vielleicht denkt der ein oder andere ja darüber nach.

-Dafür braucht es ja keinen grundlegenden Sinneswandel.

Nein, gar nicht. Ich bin ja auch nicht weltfremd. Wir haben das Internet, Smartphones, das ist die Zukunft. Aber warum überlegt denn zum Beispiel Amazon, vor Ort Läden aufzumachen? Den persönliche Service der Gewerbetreibenden schätzen die Kunden. Klar wollen Kunden alles billiger haben, aber ist das so erstrebenswert?

-Sagen Sie es mir.

Na, wer sponsort denn die örtlichen Vereine zum Beispiel? Wer bietet Praktika und Lehrstellen? Das sind die Gewerbetreibenden im Ort.

-Deren Faustpfand ist und bleibt die Beratung?

Die Persönlichkeit an sich, der Charme von Ladenzeilen. Klar gibt es Produkte, die ich in Holzkirchen nicht bekomme, aber ich versuche, wann immer es möglich ist, im Ort einzukaufen. Es geht darum, bewusst Kaufentscheidungen zu fällen.

-Und die Aufkleber dienen als Signal, als Weckruf?

Sie sind ein Bekenntnis für den Lokalpatriotismus, wenn man das so nennen kann. ‘Da bin ich dahoam.‘ Und daheim sein heißt nicht nur wohnen, da steckt mehr dahinter, da steckt ein Lebensgefühl drin. Eine Lokalverbundenheit. Genau das wünsche ich mir: einen lebendigen Ort. Keinen, wo alle Läden leerstehen oder jeden Monat der Betreiber wechselt.

-Aber wäre nicht das für Sie ein Traum: Bewegung im Immobilienmarkt?

Eben nicht. Der Wohnwert ist entsprechend nicht da. Und alle drei Monate was neu vermieten, macht keinen Spaß.

-Anders gefragt: Warum kümmert Sie als Makler das Thema regional einkaufen? Wie passt das zusammen?

Das passt sehr gut zusammen. Ich bin sehr viel draußen unterwegs, meine Kollegen genauso, und wir sprechen mit den Leuten, wir wohnen, wir leben in der Region. Wir wollen eine ansprechende Gemeinde haben, wo’s einfach passt. Durch unsere Maklerarbeit bekommen wir ja viel mit. Warum ziehen die Leute hierher? Was passt nicht?

-Welche Kriterien muss ein Laden erfüllen, um sich eine Plakette ins Schaufenster kleben zu dürfen?

Genau eine: ortsansässig. Ich habe lange überlegt, ob ich die großen Ketten ausschließen soll. Aber nehmen wir Rewe: Für mich ist das lokal. Sie haben viele Waren aus der Region im Angebot, es arbeiten dort viele Leute aus der Region. Rewe gehört zum Ort.

-Bestenfalls wollen Sie die Aktion und die Digitalisierung unter einen Hut bekommen. Wie kann das funktionieren?

Die Holzkirchner Gewerbetreibenden sind ja nicht abstinent. Sie sind auch im Netz unterwegs. Da kann ich entsprechend Kontakte zu Kunden knüpfen, Informationen über das Angebot bereitstellen. Hier ist reger Austausch da. Den wollen wir aber ein bisschen bündeln und verstärken.

-Was erhoffen Sie sich von der Aktion?

Ein Umdenken des Einzelnen. Muss ich wirklich alles im Internet bestellen? Schauen Sie: Wenn ich hier wohne gehen meine Kinder hier zur Schule, in den Sportverein, der wird gesponsort von lokalem Gewerbe. Und die Beratung im Laden will ich haben, nur einkaufen tue ich woanders. Das passt nicht zusammen. Die Mitarbeiter leben davon, Geschäftsleute auch. Es geht nicht darum, dass sich jemand einen goldenen Palast baut. Die Zeiten sind vorbei. Es geht bei vielen ums Überleben.

fp

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