Ziemlich umstritten ist das Ausbringen von Gülle im Landkreis. Das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten will mit seiner neuen Vortragsreihe aufklären und Zusammenhänge aufzeigen. Ziel ist es, Bürger sowie Land- und Forstwirte wieder mehr zusammenzubringen.
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Ziemlich umstritten ist das Ausbringen von Gülle im Landkreis. Das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten will mit seiner neuen Vortragsreihe aufklären und Zusammenhänge aufzeigen. Ziel ist es, Bürger sowie Land- und Forstwirte wieder mehr zusammenzubringen.

INTERVIEW - Elisabeth Kitzeder über Biodiversität, Landwirtschaft und die neue AELF-Vortragsreihe

„Wir wollen einen kritischen Dialog“

  • Dieter Dorby
    vonDieter Dorby
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Spätestens seit dem Volksbegehren „Artenvielfalt“ im vergangenen Jahr ist der Begriff Biodiversität in aller Munde. Doch nicht für alle ist das Wort positiv belegt. Viele Land- und Forstwirte fühlen sich seitdem als Alleinschuldige an den Pranger gestellt – eine Situation, auf die das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Holzkirchen nun gezielt reagiert.

Holzkirchen – Mit einer offenen Vortragsreihe sollen Landnutzer, Naturschützer und Verbraucher gemeinsam ins Gespräch kommen. Im Interview erklärt Elisabeth Kitzeder, Sachgebietsgebietsleiterin für Beratung und Bildung beim AELF, was die „Holzkirchner Vortragsreihe“ erreichen soll.

Frau Kitzeder, eine Vortragsreihe, die die Biodiversität fördern soll – wie kam es dazu?

In erster Linie ist es unser Ziel, mit der Vortragsreihe den Dialog und das Verständnis füreinander zu fördern. Wir haben am AELF im Zuge des Volksentscheids „Artenvielfalt“ festgestellt, dass zum Thema Biodiversität viel übereinander gesprochen wird, aber kaum miteinander. Viele Land- und Forstwirte fühlten sich nicht gehört. Wir wollen die Diskussion aber nicht nur innerhalb der beiden Gruppen führen, sondern das Thema nach außen öffnen und so einen kritischen Dialog starten. Die neue Vortragsreihe soll eine Möglichkeit bieten, dass alle Beteiligten, Land- und Forstwirte, Naturschützer – ganz allgemein interessierte Bürger – in einen Austausch kommen. Deshalb möchten wir alle Biodiversitäts-Interessierten einladen, die Vorträge zu besuchen, Fragen zu stellen und mitzudiskutieren.

„Wir möchten Biodiversität aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten“

Es gibt vier Vorträge mit verschiedenen Themen. Wie wurden diese entwickelt?

An der Organisation der Vortragsreihe waren bei uns am AELF der Bereich Landwirtschaft und der Bereich Forsten beteiligt. Wir haben uns im Vorfeld gefragt: Wen wollen wir hören? Welcher Experte hat etwas zu transportieren? Wir möchten den Begriff der Biodiversität aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten: aus denen der Land- und Forstwirtschaft, aber auch aus dem der Gesellschaft.

Die Termine der neuen Vortragsreihe

Die „Holzkirchner Vortragsreihe“ findet an vier Terminen mit diesen Themen statt:

Dienstag, 13. Oktober: „Landwirtschaft nach dem Volksbegehren – was sich bereits getan hat und weiter tun wird“ mit Dr. Anette Freibauer von der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) in Freising;

Dienstag, 20. Oktober: „Step by step – können Trittsteinkonzepte die Waldartenvielfalt sichern?“ mit Ulrich Mergner, Forstbetriebsleiter in Ebrach im Steigerwald;

Mittwoch, 11. November: „Biodiversitätsverlust – Stand, Ursachen und mögliche Lösungen“ mit Prof. Dr. Wolfgang Weißer, Lehrstuhl für terrestrische Ökologie an der TU München in Weihenstephan;

Mittwoch, 18. November: „Stadt gegen Land: Echte Konflikte, falsche Gegensätze und Lösungsmöglichkeiten aus ethischer Perspektive“ mit Prof. Dr. Thomas Potthast, Lehrstuhl für Ethik, Theorie und Geschichte der Biowissenschaften an der Universität Tübingen.

Die Vorträge beginnen jeweils um 19.30 Uhr im Gasthof Neuwirt, Tölzer Straße 112 in Hartpenning. Aufgrund der aktuellen Corona-Vorgaben ist für jede Veranstaltung eine Anmeldung zur Teilnahme beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten unter Telefon 0 80 24 / 4 60 39-0 oder per E-Mail an poststelle@aelf-hk.bayern.de notwendig.

Wobei Sie mit der Auswahl der Referenten natürlich Einfluss auf die Positionen beim jeweiligen Thema nehmen können.

Genau das ist es aber, was wir nicht wollen. Unser Ziel war es, Redner zu bekommen, die eine offene, kritische und doch konstruktive Diskussion möglich machen. Das ist uns – wie ich denke – ganz gut gelungen. Mit Professor Potthast von der Uni Tübingen haben wir zum Beispiel jemanden, der sich von Seiten der Umweltethik der Frage widmet, ob es den Konflikt „Stadt – Land“ wirklich gibt? Welche Gründe es gibt, dass sich Stadt und Land so auseinanderentwickelt haben. Das ist ein unglaublich spannendes Thema. Allein schon wenn man vergleicht, wie Landwirtschaft in Bilderbüchern dargestellt wird und wie sie wirklich ist. Das passt nicht zusammen, und das irritiert.

„Es geht nicht darum, jemandem Schuld zu geben“

Was versprechen Sie sich von einem offenen, kritischen Diskurs?

Man findet so die wunden Punkte. Wie gesagt: Es geht nicht darum, jemandem Schuld zu geben. Es geht darum, über Themen zu diskutieren, andere Meinungen zu hören, vielleicht sogar andere Meinungen zu verstehen und eine neutrale Basis zu schaffen. Vielleicht ergeben sich so Punkte, an die man gemeinsam anknüpfen kann.

Elisabeth Kitzeder ist Sachgebietsleiterin für Bildung und Beratung am AELF in Holzkirchen.

Sie sprechen davon, dass sich Land- und Forstwirte am Pranger sehen. Welche Positionen nehmen Verbraucher und Bürger aus Ihrer Erfahrung ein?

Wir bekommen immer wieder Anrufe und Beschwerden, gerade wenn ein schöner Baum gefällt wird, alle Wiesen eines Dorfes an einem Tag gemäht werden oder am einzigen Schönwettertag Gülle ausgefahren wird. Da wird auch gefragt, ob das mit rechten Dingen zugeht. Wenn wir dann die rechtlichen und vor allem fachlichen Zusammenhänge und Hintergründe erklären, gelingt es immer wieder, ein bisschen mehr gegenseitiges Verständnis zu gewinnen. Dafür sind die Leute oft sehr dankbar.

„Überzeugung bewirkt oft einiges“

Wie viel kann ein Dialog bringen, wenn gerade die EU mit ihren Vorgaben den rechtlichen Rahmen definiert?

Als erstes einmal Wertschätzung für das Gegenüber. Es gibt gesetzliche Vorgaben, an die muss man sich halten. Die stehen aber nicht zwingend der Biodiversität entgegen. Meiner Meinung nach kann jeder seinen Teil beitragen. Jeder Betrieb hat einen Spielraum und kann etwas tun. Man kann eine unattraktive Wiese zum Beispiel extensiver bewirtschaften. Die Frage ist dann: Braucht es wirklich einen dritten, vierten oder fünften Schnitt? Die Gegenfrage ist oft: Wer zahlt mir das? Klar geht es darum, Flächen zu bewirtschaften. Aber es haben sich im Oberland verschiedene Vermarktungsschienen ergeben, die in neue Richtungen gehen. Die gilt es auszuprobieren und weiter zu entwickeln. Und zum gesetzlichen Rahmen muss man sagen: Überzeugung bewirkt oft einiges, auch über gesetzliche Forderungen hinaus.

Wie groß ist denn die Bereitschaft bei Land- und Forstwirten, neue Wege zu gehen?

Betrachtet man die Strukturen in den Landkreisen Miesbach/Bad Tölz-Wolfratshausen mit denen im restlichen Bayern, dann gibt es keinen Grund, schwarzzumalen. Ein Prozess der Veränderung ist im Gange, und ein Großteil ist bereit zu hinterfragen und gegebenenfalls anzupassen. Aber es ist ein Umdenken in der gesamten Gesellschaft notwendig. Insgesamt brauchen wir mehr Wertschätzung für die Arbeit der Land- und Forstwirte, mehr Verständnis für das Gegenüber und insgesamt mehr Wertschätzung für den Umgang mit der Natur.

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