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Ausgepackt: Pfarrgemeinderats-Vorsitzender Matthias Hefter (r.) und Wunibald Mayer, Mitglied der Kirchenverwaltung, haben die Grundstein-Kapsel der alten Kirche St. Josef geöffnet, die auch in den Neubau kommt.

Kirche St. Josef

Zeitreise mit der Zeitkapsel

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Holzkirchen - Heute wird der Grundstein für die neue Kirche St. Josef gelegt. Höchste Zeit für einen Blick in die Vergangenheit. 

Die Vorfreude ist riesig. Endlich bekommt das stetig wachsende Holzkirchen eine neue Kirche. Das ist 2016 so – und das war vor 55 Jahren so, als die katholische Gemeinde an gleicher Stelle erstmals einem spektakulären Neubau entgegenfieberte. Bei der heutigen Grundsteinlegung spannt sich ein Bogen zwischen 1961 und 2016: Neben einer neuen Zeitkapsel wird die alte Kapsel eingemauert, die beim Abriss des baufälligen Vorgängers gesichert worden war. 

Alte Zeitkapsel 

Ehrfürchtig und ein wenig schmunzelnd blicken Pfarrgemeinderats-Vorsitzender Matthias Hefter und Wunibald Mayer, Mitglied der Kirchenverwaltung, über den Inhalt der alten Zeitkapsel, den sie vor sich fein säuberlich ausgebreitet haben. „Vieles ändert sich, aber manches wohl nie“, stellt Hefter beim Blick auf die Wochenend-Ausgabe des Holzkirchner Merkur fest, die am 11. Juni 1961, dem Tag der ersten Grundsteinlegung, druckfrisch in die Zeitkapsel gerollt worden war. „Blamable Auftritte im Otterfinger Gemeinderat“, lautete damals eine Schlagzeile. Bürgermeister Andreas Mang lieferte sich Wortgefechte mit Gemeinderäten, man warf sich gegenseitig vor, die Unwahrheit zu sagen. „Könnte heute natürlich nicht mehr passieren“, sagt Hefter schmunzelnd. 

Viel Wind um Kirche 

Natürlich war auch der aufsehenerregende Kirchenneubau ein Thema im Blatt. Das „Zelt Gottes“, entworfen von Architekt Franz Ruf, erforderte im Vorfeld ungewöhnliche Statik-Versuche. „Viel Wind um die neue Kirche“, titelte der Redakteur. Ein Modell des Bauwerks wurde damals extra im Windkanal auf Sturmbeständigkeit geprüft – ein teures Verfahren. „Starker Schneefall könnte (während der Bauzeit) ein Missgeschick herbeiführen“, hieß es im Text. Bekanntlich halfen alle Berechnungen nichts: Weil handwerklich unsauber gearbeitet wurde, faulte die Dachkonstruktion durch. Die Kirche war nicht mehr zu retten. Als Zeitkapsel dient, damals wie heute, ein Kupferzylinder, 35 Zentimeter hoch und 14 Zentimeter im Durchmesser. Aus der alten Kapsel riecht es ein wenig rauchig, einige Ecken der alten Dokumente sind verkohlt. „Der Zylinder wurde heiß verlötet“, erklärt Mayer, „deswegen gab es leichte Brandschäden.“ Das kann heute nicht passieren, 2016 wird kalt verlötet. 

Papst und Adenauer 

Die alte Kapsel war prall gefüllt: Aktuelle Ausgaben des Holzkirchner Merkur und der Kirchenzeitung, ein Katechismus, ein Gotteslob, ein komplettes Briefmarkenset (auf allen das Konterfei von Theodor Heuss) und eine Plastikdose mit allen damals gängigen Pfennig- und Markmünzen. Vermerkt sind die politisch Verantwortlichen jener Zeit: Bundeskanzler Konrad Adenauer, Bundespräsident Heinrich Lübke, Ministerpräsident Hans Ehard, Landrat Walter Königsdorfer und Bürgermeister Otto Mair. In Rom bereitete Papst Johannes XXIII. gerade das bahnbrechende Zweite Vatikanische Konzil vor. 

Marktplatz im Bild 

Schwarzweiß-Fotos zeigen den Holzkirchner Marktplatz, die bestehende Pfarrkirche St. Laurentius sowie Pfarrer Max Bengl, den „Bauherrn“, und Kardinal Julius Döpfner, der gerade erst zum Erzbischof ernannt worden war. Vorgänger Joseph Wendel war ein halbes Jahr zuvor, just am Silvestertag, überraschend gestorben. Pfarrer Bengl, der 1996 verstarb, hatte den Neubau entscheidend vorangetrieben. Seit den 50er Jahren häuften sich die Stimmen, dass St. Laurentius, die alte Pfarrkirche am Marktplatz, „den seelsorgerischen Bedürfnissen nicht mehr gewachsen war“, wie es auf der Grundstein-Urkunde von 1961 heißt. Eine große Kirche sollte den alteingesessenen und den vielen Neubürgern eine gemeinsame Heimat sein. 

Heiliger Josef, hilf! 

Bengl aber tat sich schwer, ein Grundstück zu finden. Wie er später erzählte, bedurfte es der Hilfe eines Heiligen, um die Sache ins Rollen zu bringen. Der verzweifelt Suchende hatte Trost im Kirchenraum von St. Laurentius gesucht, so berichtet es Wunibald Mayer. Vor einer Statue des Hl. Josef blieb er stehen und blickte ihr ins Gesicht. Der Pfarrer bot dem Heiligen einen Deal an: „Wenn Du mir hilfst, einen Bauplatz zu finden, bekommst Du das Patrozinium.“ St. Josef ließ sich nicht lange bitten. Auf den Tipp eines Gläubigen suchte Bengl den Kontakt zu Josef und Anna Wild. Das Ehepaar betrieb in der Haid, damals außerhalb von Holzkirchen, eine Backpulver-Fabrik und trug sich mit Verkaufsabsichten. „Sie hatten wohl schon einen Käufer an der Hand“, weiß Mayer. In letzter Minute gelang es dem Pfarrer, das fromme Paar dazu zu bewegen, der Pfarrei ein Grundstück neben dem Anwesen zu schenken – für den Bau einer neuen Kirche. „Um 14 Stunden bin ich dem Käufer zuvor gekommen“, erzählte Bengl später. Das Wohnhaus samt Fabrik, erworben zu einem günstigen Preis, wurde zum Pfarrzentrum. Bengl wusste, wem er zu danken hatte: Die Kirche wurde St. Josef geweiht. 

Bauen auf der Wiese 

Damals lag der Bauplatz auf der grünen Wiese – und an einem symbolträchtigen Ort. „Es war ziemlich genau der geografische Mittelpunkt der damaligen Pfarrei“, sagt Mayer. Die Nähe zum Bahnhof sei ein Argument gewesen. „Und man ging zurecht davon aus, dass sich Holzkirchen in diese Richtung entwickeln wird“, sagt Mayer. Der Bauplatz von 1961 ist der von 2016 geblieben, wenn auch längst umringt von Wohnbebauung. 

Das Zelt Gottes 

Der erste Bau, das „Zelt Gottes“, hat zwei Generationen von Holzkirchner Gläubigen geprägt. Technisch mag der Abriss alternativlos gewesen sein, emotional hat er Wunden geschlagen. Viele Gemeindemitglieder wünschen sich, dass wenigstens einiges der liebgewonnenen Kirchenausstattung in der neuen Kirche weiterlebt. Hier hat Mayer gute Nachrichten: „Die Orgel wird wieder aufgebaut.“ Für das große Kreuz aus dem Inneren der alten Kirche fehle zwar der Platz, dafür gibt es Pläne für das vergoldete Kreuz, das ehedem auf dem Kirchendach thronte. „Es ist wind- und wetterfest“, sagt Mayer, „wir wollen es im Gelände aufstellen.“ Feldgottesdienste an diesem Kreuz kann sich der Pfarrgemeinderats-Vorsitzende Hefter gut vorstellen. Er wünscht sich, dass auch der alte Altar samt Tabernakel übernommen wird. „Er ist gestalterisch zeitlos. Viele Gläubige, auch ich, identifizieren sich damit.“ Das letzte Wort ist dazu noch nicht gesprochen. „Unser Ziel ist es, so viel wie möglich von der alten Kirche in den Neubau zu integrieren.“

Von Andreas Höger

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