Thomas Plettenberg

Zugunglück: Stimmungsbilder vom Holzkirchner Bahnhof

Das Unerklärliche macht sprachlos

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Holzkirchen - Der Schock sitzt tief. Die Mitarbeiter von BOB und Meridian haben sich am Dienstag am Hauptsitz in Holzkirchen versammelt, um nach dem Unglück von Bad Aibling zusammenzustehen. Kollegen wurden getötet, Fahrgäste sind gestorben. Trauer mischt sich mit Entsetzen. Auch die Mitarbeiter fragen sich: Wie konnte es nur zu dieser Katastrophe kommen?

Torsten Leuschner steht vor dem Personalraum von BOB und Meridian am Holzkirchner Bahnhofsvorplatz. Immer wieder schüttelt er den Kopf. „Wir können uns das nicht erklären.“ Er selbst ist zwei Jahre als Triebfahrzeugführer auf der Mangfalltal-Route Holzkirchen-Rosenheim gefahren. „Es ist mir ein Rätsel, wie das passieren kann.“ Sein Betriebsrats-Kollege Helmut Pasterk steht neben ihm. „Wir wollen wissen, was da los war“, sagt der 59-jährige Tegernseer. 

Die Belegschaft steht unter Schock. Der Betriebsrat und das Ersthelfer-Team der BOB, das sich um die psychologischen Folgen von Bahnunfällen kümmert (der Fachjargon nennt das „posttraumatische Belastungsstörungen“), haben schon bald nach der Nachricht aus Aibling einen Treffpunkt eingerichtet. „Die Kollegen sollen darüber sprechen können“, sagt Leuschner. Viele können nicht einmal das, sind sprachlos. 

Der 9. Februar 2016 hat den kleinen Kosmos von BOB und Meridian in seinen Grundfesten erschüttert. Als der Meridian 79505 um 6.10 Uhr Holzkirchen verlässt, ist die Welt noch in Ordnung. Eine halbe Stunde später, etwa 30 Gleiskilometer weiter östlich, zerschellt diese heile Welt. 

„Man befasst sich nicht damit, dass so etwas passieren könnte“, sagt Leuschner. Sehr wahrscheinlich haben die beiden getöteten Triebfahrzeugführer, laut Leuschner sehr erfahrene Kollegen, erst in den letzten Sekunden vor dem Zusammenprall den anderen Zug überhaupt wahrgenommen. Zu bewaldet und zu kurvig ist die verhängnisvolle Passage zwischen den Stationen Bad Aibling-Kurpark und Kolbermoor. 

Der Meridian-Bahnsteig in Holzkirchen, das Gleis 5, ist verwaist. Drei Zuggarnituren sind dort abgestellt. Wann sie wieder in Richtung Mangfalltal starten können – niemand weiß es. Die Bergung der verunglückten Züge dürfte einige Zeit in Anspruch nehmen. 

Fast schon routiniert ist gestern der „Schienenersatzverkehr“ angelaufen, neun Busse pendeln zwischen Holzkirchen und Rosenheim. „Das läuft alles sehr geordnet und ruhig“, sagt ein BOB-Mitarbeiter vor Ort. Die Busse verlassen den Bahnhof, wie es der Zugfahrplan vorgibt. Alle Bahnhöfe auf der Strecke klappern sie ab. 

Busfahrer Daniel Lindner ist die Tour in Richtung Rosenheim in der Früh gefahren. Um 8.15 Uhr war der Bus gut gefüllt, berichtet der Weyarner. Mittags um 12.30 Uhr steigt jedoch nur eine Handvoll Passagiere zu. „Es sind Ferien, sonst wäre sicher mehr los“, glaubt Lindner.

Eine Stunde und 20 Minuten braucht der Bus bis Rosenheim – eine halbe Stunde länger als der Zug. „Aber die Leute haben das akzeptiert, da hat keiner gemotzt“, ist dem Weyarner aufgefallen. Nicht selbstverständlich bei Schienenersatzverkehr, wie er aus Erfahrung weiß. „Sonst sind oft wir Busfahrer die Schuldigen und es wird kräftig gemosert.“ Unter der Wucht des Unglücks sei es im Bus aber ungewöhnlich still gewesen. „Die Leute mussten das wohl selbst irgendwie verarbeiten und waren froh, dass trotz des Unglücks immerhin ein Bus fährt.“ 

In Bad Aibling kam der Bus am Unglücksort vorbei. „All die vielen Blinklichter, die vielen Retter“, berichtet Lindner, „ein sehr bedrückendes Gefühl.“ Hier fahre der Bus „und da drüben liegen Tote und Verletzte“. Er schnauft durch. Kurz darauf wirft er den Motor an, die nächste Tour startet. 

Mit dabei sind die Fahrgäste Patrick Chibeles und Sarah Zeller. Der Holzkirchner und die Wasserburgerin hatten sich am Montag überlegt, nach Wasserburg zu fahren, es aber dann doch gelassen. „Gut möglich, dass wir sonst in dem Unglücks-Meridian gesessen wären, der aus Rosenheim kam“, sagt der Holzkirchner, „das ist der Wahnsinn.“ Auf dem Smartphone checkt er vor dem Einsteigen noch die aktuellen News von der Unglücksstelle. „Zehn Tote“, murmelt er entsetzt, „ich habe ein sehr flaues Gefühl, das ich so noch nicht kannte.“

Von Andreas Höger

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