+
Dass es deswegen ein Erdbeben gibt, ist nahezu ausgeschlossen, sagt der verantwortliche Geologe: Geothermie in Holzkirchen.

Interview mit Geologen: So groß ist die Erdbebengefahr

Wegen Geothermie: Bebt auch in Holzkirchen bald die Erde?

  • schließen

Holzkirchen - Anfang Dezember war in Poing ein kleines Erdbeben zu spüren. Wurde es von einem Geothermie-Projekt ausgelöst? Wir fragten nach, wie es um die Erdbeben-Gefahr in der Alten Au bestellt ist.  

Es war weniger ein Erdbeben als ein „Erdbebchen“: Vor gut einer Woche, am 7. Dezember, frühmorgens um 6.30 Uhr war in Poing (Landkreis Ebersberg) ein Erdstoß zu spüren. 2,1 auf der Richterskala, keine Schäden. Etliche Bürger im Raum Ebersberg spürten aber die Erschütterung – und machen die dortige Geothermie-Anlage des Unternehmens Bayernwerk AG für die Erschütterung verantwortlich.

Während das Unternehmen seine Unschuld beteuert, ist der Leiter des Bayerischen Erdbebendienstes da ganz anderer Meinung: Heiner Igel, Professor für Seismologie in München, ist überzeugt, dass die Geothermie den Erdstoß verursacht hat. „Das Eingeben von Wasser in eine Gesteinsschicht verändert den Spannungszustand im Erdinneren“, erklärt der Erdbeben-Forscher. Kleine Beben als Folge von Geothermie seien eher die Regel denn die Ausnahme. Allerdings gehe davon keine große Gefahr aus, ergänzt der Experte, der die Geothermie grundsätzlich „als tolle Sache“ bezeichnet.

Trotzdem: Könnte auch im Umfeld der Holzkirchner Bohrung die Erde wackeln? Wir fragten nach bei Franz Böhm, Diplom-Geologe bei der Firma Erdwerk, die das Projekt in Holzkirchen betreut.

Herr Böhm, ist es denkbar, dass durch das Holzkirchner Geothermie-Projekt ein Erdbeben ausgelöst wird?

Böhm: Nein, ich halte es für nahezu ausgeschlossen. Das Süddeutsche Molassebecken, in dem wir uns hier befinden, gilt als seismisch äußerst inaktiv. Das schaut im vergleichsweise tektonisch aktiven Oberrheingraben, etwa zwischen Basel und Frankfurt, ganz anders aus.

Und dort wird so stark gebohrt, dass dann die Erde bebt?

Böhm:  Das liegt weniger am Bohren selbst als vielmehr an der praktizierten geothermischen Nutzung. Im Geothermieprojekt Basel zum Beispiel wurde kaltes Wasser von der Oberfläche in die Tiefe gepresst, um es dort aufzuheizen und die Energie später oben wieder abschöpfen zu können. Dabei wurden künstlich Spannungen und dadurch Risse im Gestein erzeugt, was dann zu seismischen Ereignissen geführt hat. Wir aber setzen auf hydrothermale Geothermie, bei uns wird das natürlich vorkommende Thermalwasser gefördert und abgekühlt wieder in die Tiefe geschickt. Es ist ein stabiler und nachhaltiger Kreislauf.

Muss das Wasser nicht auch in Holzkirchen wieder in die Tiefe gepresst werden? Das erzeugt doch auch Druck?

Böhm:  Nein, das wird nicht nötig sein. Alles deutet darauf hin, dass das Wasser bei unserem Projekt im freien Fall natürlich und drucklos zurück in die Tiefe fällt.

Es wird also rund um Holzkirchen nichts wackeln?

Böhm:  Da wird nichts wackeln, jedenfalls nichts, was zu spüren ist. Man darf nicht vergessen, dass es seismische Aktivität unter der Fühlbarkeitsschwelle häufiger gibt als man denkt. Das ist aber nur mit Spezialgeräten messbar. Von einem „Erdbeben“ kann man in diesem Zusammenhang nicht wirklich sprechen. Die Fühlbarkeits-Schwelle wird da nicht erreicht. Meines Wissens waren die fühlbaren Erdbeben in der Molasse in den letzten Jahrzehnten ausschließlich auf Erbeben in Norditalien zurückzuführen.

Gibt es im Falle eines Falles einen „Erdbeben“-Warner an der Bohrstelle?

Böhm:  Den gibt es tatsächlich. In der alten Au mussten wir, wie in jedem neueren Geothermieprojekt im Großraum München, eine seismische Messstation installieren. Darauf hat unsere Aufsichtsbehörde, das Bergamt Südbayern, bei der Genehmigung bestanden. Das Bergamt schaut sehr genau darauf, was wir hier machen.

Aktuell hängt das Holzkirchner Projekt mit der zweiten Bohrung fest. Wo liegt das Problem?

Böhm:  Idealerweise ist der Druck in den durchbohrten Erdschichten mit der Bohrung etwa im Gleichgewicht. Das war aber bei unserer zweiten Bohrung leider nicht der Fall. Im ersten Versuch haben wir bedauerlicherweise sogar ein bereits verrohrtes Segment verloren, das wir aufgeben mussten.

Auch die erste Nachbohrung („Sidetrack“) glückte nicht.

Böhm:  Die Bohrarbeiten selbst bis zum Erreichen der Sektionsteufe verliefen bei der zweiten Bohrung stets perfekt. Die Druckunterschiede in den langen Passagen durch Sandstein- und Tonmergelschichten waren aber dem Anschein nach wieder so groß, dass es schon bei den Vorbereitungen für die Rohreinbringung Probleme gab. Geologie in dieser Tiefe ist leider unberechenbar. Wir bohren jetzt einen „Sidetrack“ vom „Sidetrack“ Bis Weihnachten wollen wir da endlich durch sein.

Wann darf man auch bei der zweiten Bohrung auf Fündigkeit hoffen?

Böhm:  Die zwei letzten Sektionen führen durch relativ druckstabile Kreide- und Malmschichten, das sollte weniger Probleme machen. Wir hoffen, Ende Januar das Thermalwasser zu finden.

Das Gespräch führte Andreas Höger.

Mehr zum Thema

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Geothermie: Zweite Bohrung fast auf der Zielgeraden
Holzkirchen – Die schwierige dritte Sektion der zweiten Bohrung beim Geothermieprojekt, die in zwei vorhergehenden Anläufen zu technischen Problemen geführt hatte, ist …
Geothermie: Zweite Bohrung fast auf der Zielgeraden
Die große Aufgabe Klimawandel
Holzkirchen – Der Wald ist seine Domäne: Elfeinhalb Jahr war Wolfgang Neuerburg (65) Forstdirektor am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Jetzt wird er …
Die große Aufgabe Klimawandel
Kommentar: Wie wär‘s mit erst reden und dann Schuld zuweisen?
Holzkirchen - Die Heizung in der Holzkirchner fällt aus. Ein Noteinsatz ist die Folge - und gegenseitige Schuldzuweisungen. Die hätte man sich nun wirklich sparen können.
Kommentar: Wie wär‘s mit erst reden und dann Schuld zuweisen?
Kaputte Heizung: Jetzt will man gemeinsam Fehler finden
Holzkirchen – Dieser Vorfall hat für Wirbel gesorgt. Und er kommt auch nicht zur Ruhe, wie jetzt eine gemeinsame Pressemitteilung von Landratsamt und der Betreiber-Firma …
Kaputte Heizung: Jetzt will man gemeinsam Fehler finden

Kommentare