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Karl Bär vor Gericht: „Es geht darum, Kritiker mundtot zu machen“

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Grüner Gemeinderat Karl Bär bei einer Pressekonferenz in Bozen zum Thema Pestizideinsatz in Südtirol
Die Äpfel im Blick: Bei einer Pressekonferenz in Bozen äußerten sich Karl Bär (M.), sein Rechtsanwalt Nicola Canestrini (l.) und der österreichische Autor Alexander Schiebel zum Pestizideinsatz in Südtirol. © Umweltinstitut München

Karl Bär, der Grüne Kreisrat aus Holzkirchen, steht bald vor Gericht. Hintergrund ist seine öffentliche Kritik am Pestizideinsatz in Südtirol. Ein Gespräch.

Herr Bär, machen Sie gerne Urlaub in Südtirol?

Ich habe früher gerne Urlaub in Südtirol gemacht, hauptsächlich im Schnalstal. Wenn man oben auf dem Berg steht, ist es wunderbar. In Südtirol wird aber auch intensiv Landwirtschaft betrieben, zehn Prozent aller Äpfel für den gesamten Kontinent werden in der Region produziert. Der Pestizideinsatz ist in der Gegend pro Hektar anwendbarer Fläche sechsmal höher als der italienische Durchschnitt. Zum Vergleich: In Italien wird etwa doppelt so viel gespritzt wie in Deutschland.

Interessant. Und was haben Sie damit zu tun?

Der jetzige Bezug ist ein beruflicher. In den letzten fünf Jahren hat sich das Umweltinstitut, wo ich arbeite, mit der Landwirtschaft in Südtirol beschäftigt.

Warum denn das?

Dort gab es in der Gemeinde Mals im Vinschgau eine Bürgerinitiative, die es auf kommunaler Ebene erfolgreich geschafft hat, synthetische Pestizide zu verbieten. Diese Geschichte wollten wir europaweit verbreiten. Das ist Demokratie im Umweltschutz. Aber die Südtiroler Landesregierung hat diesem Prozess Steine in den Weg gelegt.

Über solche Steine stolpern Sie nun auch: Der Landesrat für Landwirtschaft, Arnold Schuler, hat Strafanzeige gegen Sie erstattet, wegen übler Nachrede zum Schaden der Landwirtschaft. Kennen Sie den Mann persönlich?

2019 habe ich ihn persönlich getroffen, als ich mit ihm im öffentlichen Rundfunk über Pestizideinsatz diskutierte. Damals war die Anzeige schon am Laufen, er hatte sie 2017 erstattet. Er ist ein Berufspolitiker auf lokaler Ebene und eigentlich kein unrechter Mensch. Aber die Anzeige ist schon ein anderes Level, die bedroht mich massiv.

Was sagen Sie zu den Vorwürfen?

Die sind reine Schikane. Da geht es primär darum, Kritiker mundtot zu machen. Das ist eine häufig praktizierte Methode, um die Ressourcen der Leute zu erschöpfen. Wenn sich einer zu weit aus dem Fenster lehnt, dann kriegt er eins auf den Deckel.

Und jetzt kriegen Sie eins auf den Deckel?

Die italienische Justiz hat zwei Jahre gegen mich ermittelt und auch eine europäische Ermittlungsanordnung eingeleitet. Diese aber hat die Oberstaatsanwaltschaft München I abgelehnt, mit der Begründung, dass mein Vorgehen durch die Meinungsfreiheit gemäß der europäischen Grundrechte-Charta geschützt ist.

Sind sie trotzdem nervös vor der Verhandlung?

Das Ärgerliche ist, dass mich der Prozess viel Energie und Zeit kostet und mich bei anderen Projekten blockiert. Eine Verhandlung in Italien kann um die acht Jahre dauern.

Welche Chance rechnen Sie sich vor Gericht aus?

Es kann gut sein, dass ich in erster Instanz verurteilt werde. Und wenn man dann eine Instanz höher geht, kostet das natürlich noch mehr Geld. Da ich persönlich angeklagt bin und nicht das Umweltinstitut, ist die Finanzierung noch unklar. Auf jeden Fall erfahre ich viel Solidarität von Kollegen aus ganz Europa. Aus Lettland, Spanien, Italien und Deutschland zum Beispiel. Und ich habe gute Anwälte, dieselben, die auch die deutsche Kapitänin und Klimaschutzaktivistin Carola Rackete vertreten.

Apropos Mitstreiter: Parallel ist der Österreicher Alexander Schiebel, Autor des Buches „Das Wunder von Mals“, angeklagt...

Er hat eine ähnliche Stoßrichtung wie wir, und ich habe auch schon mit ihm zusammengearbeitet. Aber es handelt sich um ein paralleles Gerichtsverfahren – das zum selben Zeitpunkt startet wie meines.

Eine Woche vor Prozessauftakt hat das Umweltinstitut eine Pressekonferenz rund um das Thema mitorganisiert. Eine Offensivaktion?

Damit wollen wir der Öffentlichkeit erklären, warum die Kritik an dem massiven Pestizideinsatz in Südtirol gerechtfertigt ist. Für den ersten Prozesstag haben wir mit italienischen Kollegen eine Demonstration am Gerichtsplatz in Bozen organisiert.

Bleiben Sie bis zum Prozessbeginn in Südtirol?

Nein, ich fahre hin- und her. Das wird in Zukunft noch öfters der Fall sein.

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