Volker Camehn schlägt eines seiner Bücher auf uns liest darin
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Volker Camehn aus Otterfing hat ein neues Buch herausgebracht.

„Lauschangriffe vom anderen Ende“

Kreatives aus der Corona-Zeit: Neues Buch von Volker Camehn

Volker Camehn (56) aus Otterfing hat mit „Lauschangriffe vom anderen Ende“ ein neues Buch herausgebracht. Es ist der fünfte Band in seiner Reihe „Prost und Prosa“.

Otterfing - Er selbst hätte sicher eine knackigere Formulierung parat, als Abgegriffenes wie das eine Bein, auf dem man schlecht steht, oder das doppelte Jubiläum. Volker Camehn, gelernter Journalist, leidenschaftlicher Lyriker und kultureller Tausendsassa, konnte jüngst gleich zweifach feiern: Dass er vor fünf Jahren den Schritt zum Literatur-Projekt „Prost und Prosa“ wagte und dass er mit „Lauschangriffe vom anderen Ende“ sein mittlerweile fünftes Buch dieser Reihe präsentierte.

Rein zufällig sei diese Parallelität gewesen, sagt der Otterfinger, und ergänzt schmunzelnd, dass es diesbezüglich keinen Masterplan gab. „Es hat sich einfach angesammelt und war an der Zeit.“ Vorlagen lieferten ihm die vergangenen Monate mehr als genug. Allein das hätte reichlich Stoff geboten, um die gereimten Gedanken unter dem Cover mit gelben Lettern zu versammeln. Doch es ist nicht mehr nur die typische Lyrik mit explosiv konzentrierten Wortspielen und tiefgründigen Gedanken, mit der er durch die Zeilen jagt. Gab es schon in Vorgänger-Bänden den ein oder anderen Liedtext eingestreut, widmet der 56-Jährige nun ein eigenes Kapitel Songtexten, die er von Anfang an auch als solche angelegt hat. Und dann sind da noch die „Corona-Tage“ im dritten Abschnitt: Texte und Wortspiele von Händewaschen, Hygienestandards und Verschwörungstheorien, zu denen ihn die besondere Situation inspirierte, „ohne, dass es dabei zu jammerig werden würde“.

Noch nie sei er in kurzer Zeit so geballt kreativ gewesen, wie während des Lockdowns im Frühling, erzählt Camehn. Und er berichtet, wie sich trotz aller Einschränkungen Neues ergab. Die gemeinsam mit der Olchinger Coverband „Icebirds“ geplante Veranstaltung im Valleyer Sudhaus fiel damals dem Veranstaltungsverbot zum Opfer. Doch ungeachtet dessen sollte die Kombination aus Text und Musik Camehn in den folgenden Wochen intensiver beschäftigen, als zuvor. Mit Icebird-Sänger Stefan Sandmaier etwa realisierte er im Projekt „Die Waagen“, was sie lange schon im Sinn hatten. Nämlich Text und Musik noch gezielter miteinander zu verbinden. So entstand „eine musikalische Fernbeziehung, die eine unheimliche Dynamik bekam“. Da wurden Riffs und Textpassagen hin und her geschickt, mal im Fundus nach Passendem gesucht und immer öfter gezielt auch Neues geschrieben. So hätten sie sich perfekt ergänzt: der akribische Sandmaier und der impulsive Camehn. „Ich bin eher der Drängler, der Treibende, er der Frickler, der mich wieder einbremst“, erklärt er. Daraus sei ein breites und stimmiges Repertoire entstanden. Die musikalische Richtung ist nicht festgelegt – mal Jazz, mal Blues aber auch Punkiges. „Worauf wir gerade Lust haben. Von einem Stück gibt es sogar zwei Versionen.“

So sei seine Reihe „Prost und Prosa“ mittlerweile so etwas wie eine Kernmarke geworden, von der immer mehr Wege abzweigen. Die Musik ist dabei aktuell eine breite Hauptstraße. Ein schmales Weglein betritt der Otterfinger gerade mit Kurzgeschichten. „Fünf Gedichtbände sind ganz schön, und auf Gedichte möchte ich auch weiter nicht verzichten, aber ich muss mal wieder experimentieren“, sagt er tatendurstig. Das sei sicher etwas aufwendiger sagt er und zieht einen sportlichen Vergleich: Sprint sei ihm immer lieber gewesen, als ein 1000-Meter-Lauf. Kurzgeschichten wären etwas wie die Mittelstrecke, an die er sich gerade gedanklich näher herantaste.

Wer trotz aller Einschränkungen im Kulturbetrieb das Erlebnis einer Live-Lesung haben möchte, kann über eBay eine Wohnzimmer-Lesung ersteigern. Unter dem Motto „Verse in den eigenen vier Wänden“ kann man sich den Dichter ins Wohnzimmer holen, um mit entsprechendem Abstand und Hygieneregeln unter coronatauglichen Voraussetzungen die Tradition des literarischen Salons wieder aufleben zu lassen. Startgebot sind 50 Euro.

Übrigens: Zu dem Titel „Lauschangriffe vom anderen Ende“ regte den gebürtigen Wolfsburger, der auch der Stadt seiner Kindheit samt Klassentreffen einst ein Andenken im Versmaß gesetzt hatte, ein Karl-Valentin-Zitat an. „Wer am Ende ist, kann von vorn anfangen“, sinnierte der Münchner Komiker einst – und inspirierte Camehn dazu, einen weiten Bogen zu schlagen.

Erhältlich

ist „Lauschangriffe vom anderen Ende“ in der Holzkirchner Bücherecke, im Kiosk Schaal in Otterfing und direkt beim Autor (www.facebook.com/Prosa64/ oder vcamehn@web.de)

Von Heidi Siefert

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