1. Startseite
  2. Lokales
  3. Holzkirchen

Ein Lehrstück ohne Zeigefinger

Erstellt:

Kommentare

null
Gelebter Widerstand: Der Wiener Vorstadt-Fleischhauer Karl Bockerer (l. Sepp Weindl) lässt sich von keiner Staatsmacht beeindrucken, und von dem angepassten Inspektor Gurritsch (Bernhard Schäfer) sowieso nicht. © Thomas Plettenberg

Valley - Die Schlossbergler Valley haben mit „Der Bockerer“ ein Stück über die NS-Zeit auf die Bühne des Trachtenheims gebracht.

Großes Theater bringen die Schlossbergler Valley mit der Wiener Kult-Tragikomödie „Der Bockerer“ auf ihre kleine Bühne im Trachtenheim. Damit erfüllt ein bewährtes Ensemble nicht nur einen lang gehegten Traum von Regisseur Sepp Floßmann, das Lehrstück ohne Zeigefinger in Valley aufzuführen. Die Truppe stellt sich bravourös der Herausforderung, binnen knapp drei Stunden mit 17 Darstellern 26 Rollen vor 13 Bühnenbildern zu spielen.

Als tragende Säule der flotten Inszenierung agiert ein fantastisch vielschichtiger Sepp Weindl in der Titelrolle des Wiener Vorstadt-Fleischhauers Karl Bockerer. Mit enormer Präsenz zeigt er, wie jemand geradlinig und verständnislos, aber hellsichtig, gewitzt und selbstbewusst nach dem Anschluss seiner Heimat ans Dritte Reich dem braunen Treiben um sich herum widersteht. Obwohl ihm die Autoren Ulrich Becher und Peter Preses sogar noch denselben Geburtstag wie dem „Führer“ zugedacht haben. Mit weniger Text, aber auf ebenso hohem Niveau führen Kordula Killer als Ehefrau Binerl und Michael Wieser als Sohn Hansi vor, wie schnell Phrasen, Aufmärsche und Fahnen Menschen zu überzeugten Mitläufern einer unheilvollen Entwicklung werden lassen. Lächerlich und erschreckend kritiklos machen sie sich wichtig in der NS-Frauenschaft und als SA-Mann der ersten Stunde.

Als Einziger unter Opportunisten wie Bernhard Schäfers angepasst-eifrigem Inspektor Gurritsch, Sepp Hubers gruseligem SS-Mann Ferdinand Gstettner und den düsteren Stasi-Schlapphüten oder zackigen Parteigenossen hält noch der pensionierte Postoffizial Hatzinger zu Bockerer. Sepp Dittmayer gibt ihn überzeugend als gutherzigen, pragmatisch-verschmitzten Tarockpartner, der wie sein Freund unpolitisch mit Wiener Schmäh den Alltag bewältigt. So können die beiden sich auch unbefangen nach dem Krieg wieder mit ihrem jüdischen Freund Dr. Rosenblatt zum Karteln setzen. Diesen Rechtsanwalt, der nach der Auswanderung als US-Soldat zurückkehrt, formt berührend Sepp Hechenthaler. Eindrucksvoll sind auch Franz Lechners sozialistischer Eisenbahner Hermann, der Bockerer nicht durch ein gemeinsames Glaserl Wein gefährden will, und Maria Floßmann als dessen Witwe Annerl, der Bockerer die KZ-Rechnung für Einäscherung und Urne zahlt.

Besonders drastisch zeigen sich die kabarettartige Komik und der schaurige Ernst des Stücks bei Bockerers Vorladung zur Gestapo. Gabi Neuner hat hier – neben der verhuschten jüdischen Frau Singer und der kernigen Hausmeisterin Klobassa – eine Paraderolle als oberster Aktenfresser Dr. von Lamm. Ihre eiskalte Staatsgewalt und ihr hemmungsloses Zorn-Crescendo gegenüber dem unbezähmbaren Fleischhauer lassen den Zuschauern das Blut in den Adern gefrieren. Wolfgang Neuner erschüttert, indem er bis zum verstörenden Schluss im Wahnsinn glaubwürdig als Philosoph Alois Selchgruber die ideologischen Verirrungen des – nicht grundlos namensähnlichen – Adolf Schicklgruber (Hitlers Geburtsname) verbreitet.

Eine Hauptrolle in der Aufführung spielt das gelungene Bühnenbild von Floßmann, das die Akteure gemeinsam verwirklichten. Zügig dreht, verschiebt, entfaltet und tauscht das Ensemble im Dämmer zwischen den Szenen die liebevoll gestalteten Elemente und die Möbel zu Wohnstube, Wirtsgarten, Gestapo-Büro, Café, Ruinenszene, Park und Westbahnhof. Der grandiose Einsatz des Teams machte die Premiere zu einem vollen Erfolg – auch Wirtschaftsministerin und Vize-Ministerpräsidentin Ilse Aigner applaudierte begeistert.

Weitere Aufführungen Die Schlossbergler zeigen „Der Bockerer“ nochmals am Freitag, 9., 16. und 30. Januar, am Samstag, 17. und 31. Januar, und am Sonntag, 11. Januar, jeweils um 20 Uhr, außerdem am Sonntag, 18. Januar, um 13.30 Uhr. Karten gibt es unter z 0 80 24 / 24 84.

Von Gudula Beyse

Auch interessant

Kommentare