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Löwe Simba wuchs bei Familie Gsimsl in Holzkirchen auf. Das Bild zeigt ihn und Vater Franz Gsimsl.

Familie zog Wildkatze auf

Simba, der Löwe von Holzkirchen

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Holzkirchen - Er brüllte bei Vollmond, hatte eine glänzende Mähne und ein Katzenklo in XXL: Vor 40 Jahren kaufte Franz Gsimsl einen Löwen, den er in seinem Garten in Holzkirchen hielt. Nachbarn, Behörden, Gerichte schlugen Alarm. Simba entkam nur knapp der Todesspritze. Erinnerungen an eine Berühmtheit.

Die Erinnerung an Simba ist haarig. Edith Gsimsl, knallrosa Pulli, schlägt ein Fotoalbum auf. Struppige Strähnen kleben auf der ersten Seite: Es ist ein Stück Mähne. „Mein Mann bürstete den Löwen immer, da fiel schon mal Fell aus“, erinnert sich die 73-Jährige, ihre Nase kräuselt sich beim Lachen. Dann deutet sie auf das Bild darüber. Es zeigt ihren Franz, er schmiegt sich eng an einen Löwen. Franz schon mit Glatze, Simba noch ohne Mähne. „Ich habe das Album angelegt, als alles schon vorbei war“, sagt sie. Eine bauschige Hauskatze schleicht in diesem Moment neben ihr durchs Wohnzimmer, schnurrt. Früher tollten im Hause Gsimsl ganz andere Katzen-Kaliber herum.

Wohnzimmer-Löwe: Familie Gsimsl mit dem jungen Simba.

40 Jahre ist es nun her, dass ihr inzwischen verstorbener Franz sich einen Löwen kaufte, den er in seinem Garten in Holzkirchen hielt. Mitten im Wohngebiet. Das löste vielleicht einen Rabatz aus. „Solange wir den Löwen hatten, gab es Ärger mit den Behörden“, sagt die 73-Jährige. Man jagte Simba durch mehrere Gerichtsprozesse und die Presse. Ja sogar die Todesspritze drohte ihm zwischendurch. Trotzdem blieb die Raubkatze bis zum Schluss in Holzkirchen. Elf Jahre lang.

Die Gsimsl-Kinder sahen ihn zuerst. Christine und Markus beobachteten 1976 in einem Zoogeschäft im Holzkirchner Ortskern ein Löwen-Baby, das hinter dem Schaufenster herumtigerte. „In einem winzigen Käfig“, erzählt Tochter Christine, 45, lange Haare, Brille. Seine Augenbrauen waren abgerieben – weil er seine Schnauze dauernd an die Scheibe presste.

Zuhause berichteten die beiden von dem Raubkätzchen. Der tierliebe Vater war entsetzt. „Den hol ich da raus“, sagte er. Seine Frau zögerte, aber: „Wenn ich ja gesagt hätte, hätte er ihn gekauft. Und wenn ich nein gesagt hätte ebenso.“ So war er, ihr Franz. Stark, drahtig vom Boxen, resolut. „Er hat immer alles durchgesetzt.“ Sein Motto: „Nie aufgeben.“ Einmal brachte er ein Pony mit nach Hause. Im Mercedes. „Rückbank raus, Pony rein“, sagt seine Tochter. So war er, ihr Vater.

Also marschierte Franz Gsimsl zum Geschäft und kaufte den vier Monate alten Simba – für 1100 Mark. So steht es in der Rechnung, die Edith Gsimsl aufbewahrt hat. Dort heißt es: „Bei Rücknahme 500 Mark Gutschrift.“ Wer den Löwen also zurückgab, kassierte Verluste. „Der Verkäufer hat ein Geschäft gemacht“, sagt sie. Ein paar Leute hatten Simba zu sich geholt, jedoch wieder abgeliefert. Zu viele Probleme. „Das ist wie bei einer Katze“, sagt sie. „Kleine Löwen zerkratzen Vorhänge und Sofas.“

Bei den Gsimsls blieb Simba. Für immer. Dabei war das anfangs gar nicht geplant. „Mein Vater wollte ihn in einen Zoo oder Zirkus geben“, erinnert sich die Tochter. „Wir hätten ihn gern woanders, in einem Rudel, untergebracht“, meint die Mutter. Auch, damit er artgerechter leben kann. „Aber er war nicht vermittelbar.“ Zwischendrin schien es mal so. Etwa 20 Kilometer von Paris entfernt gab es einen Safaripark. „Das war ein riesiges Gebiet“, erinnert sich Edith Gsimsl. Überall streunten Löwen herum. „Ich dachte, vielleicht kann er sich dort ein Weibi nehmen.“ Simba war immerhin ein Prachtkerl. Sechs Zentner wog er, seine Mähne glänzte, weil sein Herrchen ihn so fleißig duschte. Kurz vor dem Transport starb der Park-Besitzer. Und der Löwe wurde Gsimsls Schicksal. Nie aufgeben.

Als Baby schlief Simba im Keller. War Papa zuhause, durfte er sogar ins Wohnzimmer, mit den Kindern spielen. „Wie mit einer Hauskatze“, sagt die Tochter. Ihre Mutter meint: „Der Löwe gehörte zur Familie.“ Das Herrchen selbst sprach von einer „innigen Freundschaft“. Anfangs konnte man mit Simba Gassi gehen. „Einmal haben wir ihn mit in die Schule genommen“, erinnert sich Christine Gsimsl. Auch zum Holzkirchner Frühlingsfest schleifte ihr Vater den Löwen mit. Zunächst kaufte die Familie das Futter beim Metzger. Simba bevorzugte Kalb, gerne schlabberte er Sahne. „Als er größer wurde, ging das ins Geld“, sagt Edith Gsimsl. Ein Viertel Kalb war seine Tagesration. Nachdem sich das mit dem Löwen herumgesprochen hatte, boten Bauern totgeborene Kälber oder vom Blitz erschlagene Kühe an. Das Fleisch lagerten die Gsimsls in kolossalen Gefriertruhen.

Doch mit Simbas Hunger und Größe wuchsen die Probleme. Bald beschwerten sich Nachbarn bei der Gemeinde, sie fürchteten sich vor dem Raubtier von nebenan, meckerten über den Lärm. „Vor allem nachts bei Vollmond brüllte er“, sagt die Tochter. Ein tiefer, grollender Ton. Erst wenn ihr Vater draußen übernachtete, kehrte Ruhe ein.

Eine Prozess-Schlacht begann. „Es war ein ewiges Hinundher aus Mahnungen, Klagen und Einspruch“, sagt Edith Gsimsl und blättert in einem der vielen Ordner, in dem sich damals der Schriftverkehr ansammelte. Ein Nachbar, ein Jura-Student, half der Löwen-Familie. „Wir hätten uns das sonst nicht leisten können.“

Die Auflagen verschärften sich, artgerecht war die Haltung ja nicht gerade. Obwohl die Vorschriften damals viel laxer waren als heute, eine geordnete Regelung gab es erst später. „Das Halten gefährlicher Tiere wurde in Bayern erstmalig 1982 im Landesstraf- und Verordnungsgesetz geregelt“, sagt Birger Nemitz vom Landratsamt Miesbach. Wer heute ein gefährliches Tier einer wildlebenden Art oder einen Kampfhund halten will, müsse die Erlaubnis der Gemeinde einholen – soweit das Bundesrecht nichts anderes vorschreibt. So steht es in Artikel 37. Halten dürfe diese Tiere nur, wer ein „berechtigtes Interesse“ nachweisen kann, sagt Nemitz. Ein solches Interesse könne wissenschaftlicher, wirtschaftlicher oder sonstiger persönlicher Art sein, wie die Gefährdung des Besitztums. „Ein reines Liebhaberinteresse genügt nicht.“

Um den Behörden zu genügen, baute Franz Gsimsl mit dem Direktor des Tierparks Hellabrunn ein ausbruchssichereres Gehege im Garten. Tochter Christine deutet durchs Fenster: „Genau da war der Käfig“, sagt sie. Dort, wo heute die Terrasse liegt. Mit Vor- und Hauptgehege. Simba bekam sogar ein Katzenklo in XXL. Eine große Grube, gefüllt mit Sand.

Nur Franz Gsimsl schlüpfte ins Gehege. „Ich traute mich nicht mehr“, sagt seine Frau. „Wenn der mit der Tatze zuschlug, haute es mich um.“ Auch wenn er nur spielte. Passiert sei Gott sei Dank nie etwas. Ein Foto allerdings zeigt Franz Gsimsl mit Kratzern am Rücken – Simba hatte scharfe Krallen. Franz Gsimsl löste einen Wirbel aus. Kinder kamen vorbei. Wie in einem Zoo. Kurz darauf besorgte sich ein Mann im benachbarten Otterfing einen Tiger. „Aber das war ein kurzes Intermezzo“, meint Christine Gsimsl. Dabei existierten mehr Raubtierbesitzer in Deutschland. „Viele andere meldeten sich bei uns“, sagt sie. „Die meisten aber hatten Löwinnen.“ Die sind wohl pflegeleichter.

Doch Franz Gsimsl wählte den Löwen, den schwierigeren Weg. So wie immer. „Er war irgendwie extrem“, sagt seine Frau. Und mutig. Er führte eine Fernmeldebaufirma. Wenn es eine Telefonleitung für eine Berghütte zu verlegen gab, sagten die Leute: „Holt mir den Gsimsl.“ Ein anderer hätte die ganze Prozedur mit dem Löwen gar nicht durchgestanden. „Franz hat elf Jahre wie ein Löwe für seinen Löwen gekämpft“, schrieben die Zeitungen damals. Nie aufgeben, das war Franz Gsimsl. Auch dann nicht, als Simba die Todesspritze drohte.

1984 scheint das Ende nah: Das Verwaltungsgericht verbietet die Löwenhaltung. Das Raubtier soll eingeschläfert werden, wenn sich kein Großgehege findet. „Ich glaube das Todesurteil ist gefällt“, sagt Franz Gsimsl damals zu Moderator Thomas Gottschalk in einem Radio-Interview. Doch in letzter Sekunde zieht der Löwenhalter eine Lösung aus dem Hut. Er bekommt das Angebot, auf einem Einöd-Hof bei Tölz einen Käfig zu bauen.

Auch hier schlägt ein Nachbar Alarm: „Der hatte Angst, dass seine Kühe keine Milch mehr geben“, sagt Edith Gsimsl. Am Ende platzen die Pläne. Simba bleibt in Holzkirchen. Nie aufgeben, sagt sich Franz Gsimsl.

Noch bevor die Entscheidung der Regierung von Oberbayern eingeht, erledigt sich die Sache von selbst. Simba wird apathisch, krank. Am 17. März 1987 liegt er tot in seinem Gehege. Im mittleren Löwenalter.

„Woran er gestorben ist, wissen wir nicht“, sagt Edith Gsimsl. Die Familie ließ ihn sogar in der Pathologie in München untersuchen. Das Beruhigende: „Vergiftet wurde er nicht.“ Die Münchner kümmerten sich um die Entsorgung. Denn was macht man mit einem toten Löwen? Auf einen Grabstein verzichtete die Familie. Tierfreunde schickten Beileidskarten. Nach Simbas Tod meldeten sich viele Leute bei der Familie Gsisml,sie boten Gorillas und Bären an. Franz Gsimsl nahm nie wieder ein Wildtier bei sich auf. 2008 starb er, mit 75 Jahren.

Was von Simba neben der Mähne bleibt, ist ein Gipsabdruck von seiner Tatze, den Edith Gsimls nun in der Hand wiegt. Das Entstehungsdatum ist eingeritzt: 12. Januar 77.

Ein Stück aus glücklichen Tagen. Damals tapste der kleine Simba im Garten durch den Schnee. Franz Gsimsl goss Gips in den Abdruck. Für die Ewigkeit.

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