Antje Lipsdorf sitzt vor einem Mikrofon und spricht ihr Hörbuch ein
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Gesprochene Erinnerungen: Antje Lipsdorf ist unheilbar krank. Sie möchte ihrer Tochter Erinnerungen hinterlassen. Deshalb hat sie ihr ein Familientagebuch als Hörbuch aufgenommen.

Das etwas andere Familientagebuch

Als Erinnerung für ihre Tochter: Krebskranke Mutter nimmt Hörbuch auf - „Damit sie meine Stimme nicht vergisst“

  • Laura Forster
    vonLaura Forster
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Antje Lipsdorf weiß nicht, weiß lange sie noch leben wird. Ihr Brustkrebs ist unheilbar. Als Vermächtnis für ihre kleine Tochter hat sie nun ein Hörbuch aufgenommen.

Mitterdarching - Das Licht am Mikrofon leuchtet. Antje Lipsdorf sitzt am Tisch in ihrem Haus in Mitterdarching (Kreis Miesbach), vor ihr liegen Notizen und Erinnerungen aus ihrem Leben. Aus dem Laptop blickt sie ihre Audiobiografin aufmunternd an. Lipsdorf atmet aus und beginnt ihre Geschichte in das Aufnahmegerät zu sprechen. „Am Anfang denkt man, es ist ein komisches Gefühl, wenn man jemand Fremden seine komplette Lebensgeschichte erzählt“, sagt die 38-Jährige im Nachhinein. „Doch es hat total viel Spaß gemacht.“

Als Erinnerung für Ihre Tochter: Krebskranke Mutter nimmt Hörbuch mit Lebensgeschichte auf

Als es Antje Lipsdorf im vergangenen September immer schlechter ging war ihr klar, dass der Krebs zurückgekehrt ist. Seit 2012 kämpft sie gegen die Krankheit. Mehrere Chemotherapien hat sie schon hinter sich. „Im Sommer ging es mir so übel, dass ich nicht wusste, ob ich Weihnachten noch erlebe“, sagt Lipsdorf.

23 Kilo hat sie in der Zeit abgenommen, vier Mal war sie im Harlachinger Krankenhaus. Den ersten Schultag ihrer zehnjährigen Tochter Vroni auf der weiterführenden Schule musste Lipsdorf in der Klinik verbringen. „Bis 2020 hatte ich den Krebs super im Griff“, sagt die 38-Jährige. „Doch dieses Mal hat er mich richtig gebeutelt.“

Brustkrebs nun unheilbar: „Bis 2020 hatte ich den Krebs super im Griff“

Über ihrer Stuhllehne hängt ein Rucksack, aus dem ein Schlauch bis zu einer Stelle oberhalb ihrer rechten Brust führt. Über den sogenannten Portkatheter bekommt sie eine Infusion. Äußerlich das einzige Zeichen darauf, dass Lipsdorf nicht ganz fit ist. Das gemeinsamen Familienleben mit ihrem Mann und ihrer Tochter dominiert die Krankheit jedoch schon seit ein paar Monaten. „Doch durch den Krebs sind wir drei noch mehr verbunden“, sagt die Ingenieurin für pharmazeutische Technik.

Trotz all ihrer positiven Energie, bleibt Lipsdorf realistisch. Als die 38-Jährige im Spätsommer immer weniger Kraft hatte und nicht wusste, wie es weitergeht, wurde sie auf das Kölner Projekt Familienhörbuch aufmerksam. Sterbenskranke Mütter und Väter können ihren Kinder auf einer CD ihre Lebensgeschichte hinterlassen.

Projekt Familienhörbuch: Sterbenskranke Mütter und Väter hinterlassen Kindern CD mit Lebensgeschichte

„Ich hatte davor schon die Idee meiner Tochter ein Buch von Astrid Lindgren vorzulesen“, sagt Lipsdorf. „Damit sie meine Stimme nicht vergisst. Das Hörbuch ist natürlich noch besser.“ Sie bewarb sich bei der gemeinnützigen Organisation – und wurde angenommen.

Mittlerweile geht es der 38-Jährigen gesundheitlich zwar schon besser, das Hörbuch ist für sie aber immer noch eine Herzensangelegenheit. Nach Köln konnte sie wegen der Pandemie nicht fahren, deshalb funktionierte sie Mitte Dezember ihr Zuhause für eineinhalb Tage in ein Aufnahmestudio um.

„Kritiker sagen, dass man sich mit so einem Projekt eh schon aufgegeben hat“, sagt Lipsdorf. Doch genau das Gegenteil sei der Fall. „Das alles gibt mir so viel neue Kraft“, sagt sie. Mehrere Stunden sprach sie über ihre Kindheit, ihre erste Jugendliebe, das Aufwachsen ihrer Tochter und vieles mehr. „Über 80 Kapitel sind es geworden“, sagt Antje Lipsdorf. Nun wird die Aufnahme zusammengeschnitten und mit Musik unterlegt.

Valley: Krebskranke Mutter nimmt für Tochter Hörbuch auf - „Das alles gibt mir so viel neue Kraft“

5000 Euro kostet jede aufgenommene Familiengeschichte – alles durch Spenden finanziert. „Rund 55 Hörbücher haben wir schon produziert“, sagt Judith Grümmer, die das Projekt vor einen Jahr gegründet hat. In jedem Werk stecken bis zu 100 Arbeitsstunden. Die Hörbücher sind keine reine Aneinanderreihung von Aufnahmen, sondern „echte Klangkunstwerke mit Musik und Abmoderation“.

Ich denke, wir werden uns die Aufnahme einmal gemeinsam anhören.

Antje Lipsdorf

Die vielen Mühen sind es Grümmer jedoch wert. „Wir hatten auch schon Projektteilnehmer, die zwei Tage nach unserem Treffen gestorben sind.“ Sie könne das Schicksal der Familien nicht ändern, aber mit dem Hörbuch das Leben noch einmal feiern.

Noch müssen sich Lipsdorf, ihre Tochter und ihr Mann gedulden – ihre Geschichte ist noch in Arbeit. Ursprünglich wollte die 38-Jährige ihrer Tochter die CD in eine Erinnerungsbox verstauen, die sie nach ihrem Tod bekommen soll. „Ich denke wir hören uns die Aufnahme nun doch schon einmal gemeinsam an“, sagt sie. „Mich interessiert ja auch, wie es geworden ist.“

Kontakt

Antje Lipsdorf hat 14 435 Euro Spenden gesammelt. Damit Familienhörbücher aufgenommen werden können, benötigt der Verein weitere Spenden. Das Konto: Volksbank Köln Bonn eG IBAN: DE52 3806 0186 4906 5620 10; Weitere Infos unter: www.familienhoerbuch.com.

Alicia (12) aus Poing leidet an einer seltenen Form von Blutkrebs. Sie benötigt dringend eine Stammzellenspende. Für die Familie ist eine Welt zusammengebrochen.

(Von Laura Forster)

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