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Ihr erster Schultag in Deutschland: 24 junge Flüchtlinge haben gestern erstmals die Schulbank in einer neuen Klasse gedrückt, die der Verein Hilfe von Mensch zu Mensch trägt. Zum Start waren neben den Lehrern (v.l.) Alexandra Pfau, Ferdinand Bratfisch und Sophie Albig-Bekdemir (hinten r.) sowie Asylsozialberaterin Petra Winklmair (M.) auch (h.v.l.) Josef Schlemmer (Leiter der FOS), Karl Grundler vom Landratsamt und Axel Kisters (Leiter Gymnasium) zu Gast.

Neue Klasse in Holzkirchen gegründet

Asylbewerber drücken die Schulbank

Holzkirchen - 24 junge Asylbewerber hatten gestern ihren ersten Schultag in Holzkirchen: in einer eigenen Klasse, die sie zum Mittelschulabschluss führen soll. Ein neues Projekt.

Seit fünf Monaten leben Filmon (18) aus Eritrea und Mubarak (18) aus Somalia in Holzkirchen. Nun dürfen sie endlich in die Schule gehen. „Wir wollten Unterricht“, sagt Mubarak auf Englisch. „Als erstes wollen wir richtig Deutsch lernen“, fügt Filmon hinzu. Mit 22 anderen jungen, aber nicht mehr vollzeitschulpflichtigen Flüchtlingen – alle Jahrgang 1990 bis 1996 – pauken die beiden künftig Montag bis Donnerstag jeweils nachmittags von 14 bis 17 Uhr in einem Raum der Fachoberschule Holzkirchen. In einem richtigen Klassenzimmer, mit richtigen Lehrern und Hausaufgaben.

Das, erklärt Petra Winklmair, war ein großer Wunsch der jungen Menschen. Die Asylsozialberaterin des Vereins Hilfe von Mensch zu Mensch, der auch die Gemeinschaftsunterkünfte im Landkreis betreut, hat die neue Klasse begründet. Der Verein hat drei ausgebildete Lehrer für das Projekt engagiert: Sophie Albig-Bekdemir, eine Grundschullehrerin, die gerade in Elternzeit ist und die Klasse auch koordiniert, den pensionierten Realschullehrer Ferdinand Bratfisch und Alexandra Pfau, die hauptberuflich bei der Schülerhilfe arbeitet. Das Trio unterrichtet die Schüler erst mal vor allem in Deutsch, aber auch in Mathematik, später kommen Geschichte/Sozialkunde/Erdkunde (GSE) sowie Arbeit/Wirtschaft/Technik (AWT) hinzu. Freitags üben sie den Stoff in Kleingruppen mit Ehrenamtlichen des Helferkreises. „Wir sind froh, dass die Ehrenamtlichen da mitmachen“, betont Winklmair. Im Sommer sollen die Schüler die zertifizierte Sprachstufe A1 (einfache Kommunikation) beherrschen. „Grob gesetztes Ziel ist ein einfacher Mittelschulabschluss, mit dem sie in Deutschland Fuß fassen können“, sagt Albig-Bekdemir; 2017 wäre das möglich. Die lange Zeit des Asylverfahrens wäre damit für die jungen Flüchtlinge nicht ungenutzt verstrichen; außer bei Kontingentflüchtlingen etwa aus Syrien dauert es derzeit im Schnitt zwei Jahre, bis entschieden ist, ob ein Bewerber in Deutschland bleiben darf.

„Das ist ein echtes Abenteuer“, sagt Winklmair über die neue Klasse. Eine große Herausforderung wird das unterschiedliche Bildungsniveau der Schüler. Einige haben in ihrer Heimat regulär die Schule besucht oder sogar studiert, andere konnten das bislang nicht. Und die Klasse ist die erste ihrer Art im Landkreis. Nur an der Berufsschule in Miesbach gibt es zwei Berufsintegrations-Klassen. Die Plätze dort sind ebenso heiß begehrt wie knapp. Dabei erwartet der Landkreis bis Ende 2015 insgesamt 900 Asylbewerber (derzeit rund 400), zumeist junge Erwachsene. Die Klasse in Holzkirchen hat ebenfalls zum Start die Kapazitätsgrenze erreicht. „Irgendwo müssen wir die Grenze ziehen“, erklärt Winklmair. „Wenn wir mehr Mittel hätten, könnten wir auch mehr Plätze anbieten.“ 300 Euro kostet ein Platz pro Schuljahr. Die Schüler selbst zahlen fünf Euro pro Monat für den Unterricht.

Der Verein Hilfe von Mensch zu Mensch hofft, Spender oder Paten zu finden. Und für die Ferien, wenn die Klasse geschlossen hat, sucht Winklmair Betriebe, die Hospitanzen oder Praktika für die Schüler anbieten können. Auch Filmon und Mubarak wollen schnell lernen, damit sie Arbeit finden und für sich selbst sorgen können. Er würde alles machen, sagt Filmon. Mubarak träumt davon, Mechaniker zu werden.

Wer eine Patenschaft für einen Schulplatz (300 Euro pro Jahr) oder einen Anteil daran übernehmen möchte, wendet sich per E-Mail an petra.winklmair@hvmzm.de. Der Verein stellt Spendenquittungen aus. Einzelspenden können unter dem Verwendungszweck „Schulprojekt Holzkirchen“ auf das Konto des Vereins Hilfe von Mensch zu Mensch (IBAN DE70 7002 0270 0000 0868 60) bei der HypoVereinsbank München (BIC: HYVEDEMMXXX) überwiesen werden.

Von Katrin Hager

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