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Kein Strom und ein Plumpsklo: Albert Engl liebt die Kapelle Nüchternbrunn inmitten der Waldeinsamkeit. Die karge Klause daneben steht leer.

Nüchternbrunn: Ein Ort, an dem die Muttergottes zuhört

Osterwarngau - Die Wallfahrtskapelle Nüchternbrunn und ihre Quelle locken seit Jahrhunderten viele Gläubige an. Einen Klausner gibt es aber nicht mehr.

Der Weg in die Einsamkeit ist rutschig. Albert Engl, Bergschuhe und eingepackt in einen dicken schwarzen Anorak, trottet mit einem Wanderstock über den vereisten Kiesboden, es knirscht. Der Wald rundherum schweigt. Einmal verliert er den Halt, strauchelt, und klammert sich an einem Ast fest. Dann öffnet sich endlich eine Lichtung, unten plätschert eine Quelle: „Hier ist es“, sagt Engl und deutet auf eine graue Kapelle. Ein Ort, der den 58-Jährigen magisch anzieht, schon als Bub kam er oft mit seiner Mama her. „Hier habe hier das Gefühl, dass mir die Muttergottes zuhört.“

Dieser Ort ist die Wallfahrtskapelle Nüchternbrunn und ihre berühmte Quelle. Sie liegt nördlich von Osterwarngau auf einer Anhöhe am Fuße des Taubenbergs und lockt seit Jahrhunderten viele Pilger an.

Alles begann wohl im irgendwann im 16. oder 17. Jahrhundert, erzählt der Osterwarngauer Pfarrgemeinderat Engl. Damals stand eine hölzerne Klause in der Nähe der heutigen Kapelle. „Dort hauste ein Eremit.“ Eines Tages wollte der Grundstücksbesitzer, der kurfürstliche Hofsekretär Urban Höger, unweit der Klause eine Kapelle samt neuer Klause errichten; und zwar an dem Ort, wo eine Quelle sprudelte. Dem Wasser sagten die Leute damals schon allerlei heilende Wirkungen zu. „Man sagt bis heute, dass es gegen Augenleiden hilft“, meint Engl. Und so erwuchs 1710 die Kapelle aus Tuffstein, protegiert vom Weyarner Probst Präsidius Held, zu dessen Einflussbereich Osterwarngau damals gehörte.

Später wechselte die Kapelle öfters den Besitzer. Lange gehörte sie den Arnhofer Bauern von Schmidham. 1770 wütete ein Feuer in der Kapelle, sie brannte ab. Kurz darauf ließ Georg Hailer Kapelle samt Klause wieder aufbauen. Im Juli 1870 stürmten tausende Leute zur 100-Jahrfeier hinauf, drei Tage lang wurde gefeiert.

Anfang des 20. Jahrhunderts strömten viele Pilger nach Nüchternbrunn, großzügige Spenden flossen. Damals munkelten die Leute im Dorf, dass die Kapelle eine ordentliche Einnahmequelle sei. So einträglich, dass sich der Besitzer daher einen Knecht leisten konnte. 1913 erwarben Leopold und Maria Boxleitner aus Osterwarngau das Anwesen „Aus reiner Freude an der Wallfahrt“, steht im Kaufvertrag geschrieben. 1939 vermachte die Witwe alles der Pfarrei.

Doch 1940 loderte erneut ein Feuer in der Kapelle, wohl wegen des defekten Kamins in der Klause nebenan. Es war eine neblige Nacht, weshalb erst niemand den Brand bemerkte. Der gehbehinderte Klausner Pirk rettete sich nur mit Not aus den Flammen. Erst nach dem Krieg wurde die Kapelle wieder aufgebaut. 1946 weihte Kardinal Michael Faulhaber sie wieder ein.

Alle Brände und bis heute überlebt hat - wie durch ein Wunder - das Gnadenbild der Muttergottes, eine lebensgroße Pieta aus Holz, die wohl aus dem 17. Jahrhundert stammt. „Viele kommen hierher, um im Gebet an die Muttergottes Kraft zu finden“, erklärt Engl. Daher organisiert er seit Jahren sonntags einen Rosenkranz in Nüchternbrunn. Aber viele kommen immer noch wegen der Quelle hoch, die inzwischen durch ein Rohr gefasst in ein Steinbecken fließt. Sie füllen flaschenweise Wasser ab, obwohl ein Schild deutlich davor warnt: „Kein Trinkwasser“. Einmal untersuchte sogar ein Rutengänger die Quelle: „Es sagte, dass das Wasser eine ganz besondere Energie hat.“

Ein wichtiger Bestandteil von Nüchternbrunn war stets der Klausner, der sich um die Kapelle kümmerte. Engl kann sich noch an den Klausner erinnern, den er selbst dort als Bub antraf. „Er hieß Friedl Binder und verkaufte Guadl für ein Zehnerl.“ Ein etwas schrulliger, aber liebenswerter Mann mit grauem Bart. Seit 1966 ist die Klause nicht mehr bewohnt, der Mesner schaut nach dem Rechten. Ab und zu würden sich „Aussteiger“ bei der Pfarrei melden und sich für ein Leben in der Klause interessieren. „Aber viele taugen nichts“, sagt Engl. „Wenn sie hören, dass es keinen Strom und nur ein Plumpsklo gibt, springen viele ab.“ Und so hat Engl seinen magischen Ort nun öfters für sich alleine.

Von Marlene Kadach

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