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Otterfings Bürgermeister Jakob Eglseder gratuliert seiner ehemaligen Lehrerin Adelheid Königsberger zum 95. Geburtstag

„Früher waren alle Schüler brav“

95 Jahre alte Otterfinger Dorflehrerin erzählt

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Einst las sie Otterfings Bürgermeister Jakob Eglseder die Leviten - als Lehrerin in Otterfing. Nun wurde Adelheid Königsberger 95 Jahre alt. 

Otterfing – Woher sie stammt, hört man sofort. Selbst nach mehr als einem halben Jahrhundert in Bayern spricht sie noch immer dieses weiche Donaumonarchie-Deutsch, das man aus den Sissi-Filmen kennt. Im tschechischen Karviná geboren, lebt Adelheid Königsberger seit 1959 in Otterfing. „Damals“, erinnert sie sich, „war Otterfing ein Bauerndorf mit etwa 1000 Einwohnern.“ Die Schule befand sich im heutigen Rathaus. Vier Klassen gab es, die jeweils zwei Jahrgänge umfassten. „Ich hätte sehr gerne Geschichte unterrichtet, aber als Frau musste ich mich mit den unteren Jahrgängen begnügen, die männlichen Kollegen beanspruchten für sich die älteren.“ Also Handarbeit statt Vormärz. Dabei hatte sie an der Lehrerbildungsanstalt in Regensburg das viertbeste Examen von 100 Lehramtsanwärtern abgelegt!

Egal – Königsberger übte ihren Beruf trotzdem mit Begeisterung aus. Sie ist überzeugt, dass ihre lebenslange Arbeit mit Kindern sie so jung gehalten hat: „Kinder fordern einen, man muss sehr präsent sein.“ Mit dem jüngsten ihrer vier Enkel hat sie bis vor Kurzem noch Fußball gespielt – wenn auch zuletzt im Sitzen. „Aber jetzt habe ich es mir abgewöhnt, meine Füße sind nicht mehr so flott“, sagt sie. Unfassbar, wie aufgeweckt sie wirkt – nicht nur für ihr Alter.

Selbst als sie heiratete, blieb sie berufstätig. In einer Zeit, in der Frauen ihren Mann um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie arbeiten wollten, war das nicht selbstverständlich. „Ich war die erste Lehrerin in Otterfing, die verheiratet war. Alle anderen waren eiserne Jungfrauen.“ Die Otterfinger habe das erstaunt. „Die dachten, ja wie gibt’s denn so was! Aber sie haben sich daran gewöhnt.“ Ihr Mann, 1986 gestorben, hatte mit ihrer Berufstätigkeit ohnehin kein Problem: „Wir wollten bauen. Der Quadratmeter kostete 15 Mark. Das war damals viel Geld.“

Ihre Zugehfrau kümmerte sich derweil um ihre Tochter. „Und nachmittags war ich ja daheim.“ Allerdings habe ihre Tochter um 20 Uhr ins Bett gehen müssen, „egal, ob sie müde war, oder nicht.“ Denn dann holte Königsberger nach, was sie nachmittags mit Blick auf das Kind nicht machen konnte. Hefte korrigieren, den Unterricht vorbereiten.

Königsbergers Klasse zählte 50 Schüler. Wie man es schafft, bei so vielen Schülern für Disziplin zu sorgen? „Damals waren die Schüler sehr brav. Sie waren froh, dass sie zur Schule gehen konnten und nicht daheim auf dem Hof mitarbeiten mussten.“ Eine strenge Lehrerin sei sie nicht gewesen, aber eine genaue.

Im Gegensatz zu heute hätten die Eltern kein Bestreben gehabt, ihre Kinder auf weiterführende Schulen zu schicken. Schließlich wurden sie als Arbeitskraft gebraucht. „War ein Kind begabt, musste ich die Eltern geradezu überreden, sie aufs Gymnasium zu schicken.“ Ihr Argument? „Ich habe gesagt, die Flüchtlinge schicken ihre Kinder aufs Gymnasium. Ihr werdet euch ärgern, wenn später lauter Preußen auf den wichtigen Posten sitzen“, sagt sie und lächelt verschmitzt.

Einer ihrer Schüler war Bürgermeister Jakob Eglseder, der ihr auch zum 95. Geburtstag gratulierte. Wie er so war, als Schüler? Darüber breitet Könisgberger diskret den Mantel des Schweigens. Nur so viel verrät sie: „Seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte er bei einer Weihnachtsaufführung in der zweiten Klasse. Er musste ein längeres Gedicht aufsagen, das hat er toll gemacht.“

Königsberger hatte in den 1930er-Jahren das Gymnasium im tschechischen Oderberg besucht – als eines von nur zwölf Mädchen neben 62 Buben. „Meine Mutter hat gesagt: Ich möchte, dass meine Töchter gut ausgebildet sind, damit sie nicht angewiesen sind auf den Erstbesten, der sie ehelicht.“

Nach ihrer Flucht vor der Roten Armee kam sie 1946 nach Niederbayern. Zehn Jahre unterrichtete sie dort. Weil ihr Mann in München arbeitete, ließ sie sich versetzen – und landete in Otterfing.

Die schlimmen Nachkriegsjahre hatte sie da schon hinter sich. Wie sie die Flucht und die erste Zeit in Bayern erlebte? „Wir hatten praktisch nichts.“ Sie habe das nicht als schlimm empfunden, schließlich sei es damals allen Menschen schlecht gegangen. „Aber das“, sagt sie, „ist eine andere, lange Geschichte.“

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