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Küken für die Greifvögel: Wie die Auffangstation in Otterfing den Hunger ihrer Patienten stillt

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Von: Katrin Hager

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Ein Zuhause auf Zeit für verletzte oder geschwächte Raubvögel ist die Eulen- und Greifvogelauffangstation in Otterfing. Alfred Aigner und Natalie Simmeth sorgen dafür, dass Käuze, Sperber, Falken und andere Vögel wieder zu Kräften kommen und ausgewildert werden können.
Ein Zuhause auf Zeit für verletzte oder geschwächte Raubvögel ist die Eulen- und Greifvogelauffangstation in Otterfing. Alfred Aigner und Natalie Simmeth sorgen dafür, dass Käuze, Sperber, Falken und andere Vögel wieder zu Kräften kommen und ausgewildert werden können. © tp

Die alte Bundesregierung hat das Kükentöten zum 1. Januar 2022 verboten. Dabei gab es durchaus Abnehmer: Zoos und Falknereien. Wie füttert die Auffangstation in Otterfing ihre Vögel?

Otterfing – Es ist ein Auswuchs industrialisierter Massentierproduktion: Männliche Küken sind in der Legehennenproduktion „überflüssig“. Und weil es sich meist um Rassen handelt, die zwar im Eierlegen stark sind, aber nicht im Fleischansetzen, werden die kleinen Hähne vergast. Auch in Brütereien in Deutschland war das so – bis 2021: Noch die alte Bundesregierung hat das Kükentöten zum 1. Januar 2022 verboten. Dabei gab es durchaus Abnehmer für die getöteten Küken: Zoos und Falknereien.

Auch im Landkreis gibt es hungrige Mäuler – beziehungsweise Schnäbel – mit Appetit auf Tagesküken: die Patienten in der Greifvogelauffangstation in Otterfing. Müssen die nun hungrig bleiben? „Nein“, versichert Alfred Aigner, der seit rund 40 Jahren ehrenamtlich eine Auffangstation betreibt. Das Problem, dass mit dem Verbot des Kükentötens in Deutschland eine Futterquelle versiegt ist, hat er nicht: Die großen Futterlieferanten, erklärt Aigner, würden nämlich ohnehin international operieren. So wie das Unternehmen, von dem die Auffangstation in Otterfing schon seit rund zehn Jahren beliefert wird.

Schweinefleisch ist für Greifvögel ungeeignet

Mit Ware aus Tschechien oder Italien etwa. Es versorgt die Station nicht nur mit Tagesküken. Sondern etwa auch mit Mäusen, die aus Kontrollgruppen aus Versuchsreihen der Pharmaindustrie stammen. „Früher habe ich mal bei einer Brüterei in der Nähe von Freising Küken gefroren gekauft“, erklärt Aigner. „Aber die haben dann aufgehört, das hat sich für die nicht mehr gelohnt. Die Großproduzenten sitzen eh im Ausland.“ Bussard, Adler & Co. in der Auffangstation bekommen also auch nun nichts anderes als vor einem Jahr. Nur anderes Fleisch kommt nicht auf den Tisch; es würde die Greifvögel krank machen: „Schweinefleisch etwa hat viel zu viel Harnsäure.“

Wer glaubt, die „Nebenprodukte“ aus der Tierproduktion seien günstig zu haben, irrt: Voriges Jahr, als Aigner 220 Patienten aufpäppelte, summierten sich die Futterkosten auf etwa 7000 Euro. „Das ist alles sehr teuer.“ Die Preise steigen auch hier. Nicht wegen des Verbots des Kükentötens, sondern weil die Transportkosten klettern, meint Aigner.

Die Futterkosten sind nicht der einzige Großposten beim Betrieb der Greifvogelauffangstation, erklärt Aigner – sondern auch Tierarztbehandlungen und Medikation. „Die Leute haben da eine krude Vorstellung“, beobachtet der ehrenamtliche Greifvogelretter. „Sie drücken einem 20 Euro in die Hand für ,ihren‘ Vogel“, schildert Aigner. „Aber wenn der einen Großgefiederschaden hat, ist der ein ganzes Jahr hier, bis die Mauser komplett durch ist.“ Er erklärt den Tierfreunden dann geduldig mehr über die tatsächlichen Kosten – und setzt sie auch in Relation: „80 Euro sind eine Tankfüllung. Die ist bei den meisten nach einer Woche weg. Dann frage ich, ob das Leben eines Rotmilans das nicht wert ist.“

Spenden sind für die Station wichtig

Die 80 Euro sind ein Durchschnittswert. „Es kommt natürlich immer drauf an, was dem Vogel fehlt“, sagt Aigner. „Wenn ein Sperber gegen ein Fenster geflogen ist, ist er nur ein paar Tage hier, das kostet praktisch nichts. Aber wenn ein Vogel einen Bruch hat, ist man bei den Tierarztkosten schnell bei 400, 500 Euro.“ Mit etwa 16 000 Euro schlug der Betrieb der Auffangstation 2021 zu Buche. Sie sei auf die dauerhafte Unterstützung, etwa durch Landkreise und Gemeinden, angewiesen, denn: „Mit Spenden kann man nie rechnen.“

Aigner muss deshalb immer abwägen: „Ist es ein Pflegefall, oder hat der Vogel eine reelle zweite Chance?“ Etwa 40 Prozent der Tiere seien so schwer verletzt, dass es nicht möglich ist, sie wieder auszuwildern. „Die Volieren sind so voll, dass ich diese Fälle nicht aufnehmen kann.“ Auch wenn es ihm leidtut. Häufigste Ursache sind übrigens Unfälle im Straßen- oder Schienenverkehr. „Jeder zweite Vogel ist angefahren.“

Umso größer wiegen die Glücksmomente. Alle Patienten werden beringt, ehe sie in die Freiheit entlassen werden. „Wenn uns nach zehn, 15 Jahren dann ein Ringfund gemeldet wird und vielleicht sogar aus Afrika, wenn es ein Zugvogel ist – dann hat der Vogel seine zweite Chance wirklich genutzt.“ ag

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