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Bergzeit-Gründer Klaus Lehner

20 Jahre Bergzeit

„Keine Marke wollte mit uns reden“

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Aus einem Tourenportal wurde in 20 Jahren ein Unternehmen mit über 260 Mitarbeitern. Ein Interview mit Bergzeit-Gründer Klaus Lehner.

Otterfing – Als begeisterter Bergsportler gründete Klaus Lehner 1999 das Online-Portal Bergzeit. Auf diesem bereitete der 60-Jährige Routen für Outdoor-Sportler digital auf. Mittlerweile gehört Bergzeit zu den führenden Outdoor-Online-Shops Deutschlands. Im Interview erzählt er, wie aus einem Tourenportal ein Online-Shop geworden ist, warum er Bergzeit vor knapp sechs Jahren verkauft hat und wie viel Bergzeit dem Waakirchner in seiner Freizeit noch bleibt.

20 Jahre Bergzeit. Hätten Sie damit gerechnet?

Definitiv. Es war von Anfang an der Plan, dass Bergzeit was Großes wird. Los gegangen ist es als Tourenportal. Das war aus der Leidenschaft heraus – und um eine Community aufzubauen. Ich habe quasi mein Hobby zum Beruf gemacht.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Outdoor-Ausrüstung zu verkaufen?

Das war im zweiten Jahr. Damals waren die Höhenmesser noch mechanisch, arbeiteten mit dem Luftdruck. Die Firma Ciclo hat eine Armbanduhr mit elektronischem Höhenmesser entwickelt. Sie haben mich dann gefragt, ob ich meine Touren damit als Höhenprofil aufzeichnen und so eine Karte erstellen will. So kam ganz schnell die Idee, die Uhr zu verkaufen.

Sie hatten also selbst noch ausreichend Bergzeit?

Ja, in dieser Phase war ich Geschäftsführer eines Hightech-Unternehmens. Das Wochenende bestand darin, die Touren zu gehen. Ich musste die analogen Karten scannen, die Tour einzeichnen und beschreiben.

Wann haben Sie sich entschieden, noch mehr Zeit in Bergzeit zu investieren?

Ich war geschäftlich viel auf Reisen. Irgendwann kam der Punkt, an dem mir das zu viel wurde. Auf einem Flug zurück von Asien habe ich gedacht: Das kann es doch nicht sein. Ich muss schauen, dass ich über Bergzeit meinen Lebensunterhalt verdiene.

Der Übergang hat problemlos funktioniert?

Die größte Herausforderung bestand damals darin, an ein Produkt heranzukommen.

Warum?

Keine Marke wollte mit uns reden. Das war mühsamsten Klinkenputzen. Man war immer wieder glücklich, wenn man eine Marke überzeugen konnte. Das hat irre Kraft gekostet. Die Firma Salewa war die erste, die gesagt hat, wir probieren es. Die breite Meinung war: Wir brauchen einen Fachhändler. Online, das sind Leute, die unsere Marke kaputt machen und über den Preis verkaufen. Und wo haben die überhaupt ihr Lager?

Bei Ihnen war es Ihr Haus. War das noch ein Zuhause?

Wir hatten zum Glück mehrere Stockwerke, sodass sich alles auf das Dachgeschoss beschränkt hat. Aber: Das war nicht ausgebaut und sehr niedrig. Wenn ein Kunde einen Rucksack bestellt hat, musste ich auf allen Vieren hoch klettern und den Rucksack rausziehen. (lacht)

Wann haben Sie beschlossen, sich zu vergrößern?

Ich musste die Pakete täglich zur Post bringen und Lieferungen annehmen. Wir haben andere Räumlichkeiten benötigt. Zu dem Zeitpunkt hatte ich zwar gekündigt, habe aber noch bei der anderen Firma gearbeitet. Also musste ich jemanden einstellen, der da ist, wenn um 10 Uhr der Postbote klingelt.

Der erste Mitarbeiter erwies sich als Glücksgriff.

Ich hatte immer Mitarbeiter, die etwas von außen mitgebracht haben. Er war ein Zimmerer und hat – wenn er nicht gepackelt oder die Ware entgegengenommen hat – das erste Lager, einen runtergekommenen Bauernhof, hübsch gemacht. Der zweite war ein Bäcker für den Verkauf. Alle waren mit dem Bergsport verbunden

Diese Kombination sollte sich noch auszahlen.

Die Messe München hat mich auf die Caravan und Boot eingeladen. Wir haben dann gesagt, wir wollen eine Halle und machen die größte Zeltausstellung rein, die ihr euch vorstellen könnt. Es war dann eine halbe Halle. Wir haben eine Parklandschaft aufgebaut und eine Almhütte reingestellt. In der hat der Bäcker Striezln gemacht und verkauft. So haben wir den Aufwand finanziert. Die Anfangsjahre waren die schönste Zeit – auch wenn es harte Arbeit war.

Mit dem Wachstum stieg auch die Konkurrenz.

Die etablierten Sporthändler haben gemerkt: Hoppla, da entsteht was. Wenn die ersten Mahnungen ins Haus kommen, weil irgendjemand versucht, etwas auf der Website zu finden, dann weiß man, dass man ernst genommen wird. (lacht)

Hat ihre persönliche Bergzeit unter der Entwicklung gelitten?

Ich wollte eine Sicherheit für die Familie. Ab dem Zeitpunkt, als ich mich für Bergzeit entschieden habe, gab es nichts Anderes mehr.

2010 kam dann die Filiale in Gmund dazu.

Dort sollte ein Outdoor-Center entstehen. Und das in meinem Revier! Der Bauherr hatte kurz zuvor einen Herzinfarkt und war begeistert, als ich mieten wollte. Aus verschiedenen Gründen kam der Bau nicht voran, ich konnte aber nicht aus dem Mietvertrag. Mit einem Kredit habe ich es komplett übernommen. Das war das Schaufenster ins Tegernseer Tal.

Wie hat die Konkurrenz reagiert?

Als das Gebäude neu dagestanden ist, war es ein Meisterstück. Da haben alle gesagt: Wow. Nachträglich sagen viele, sie hätten Bergzeit damals kaufen sollen.

Verkauft haben Sie 2012.

Es lief super. Doch langsam kam bei mir das Gefühl, der Teamspirit geht verloren, es wird anonymer. Aus dem Hobby wird ne Firma. Ich habe mir die Frage gestellt: Ist es noch das, was du machen möchtest?

Wie entstand der Kontakt zur Familie Oberrauch?

Sie kommen aus dem Bergsport und die Chemie hat gepasst. Der Kontakt bestand schon lange über Salewa. Die Firma Sportler, die der Familie Oberrauch gehört, hat damals Online auf viel kleinerem Niveau betrieben. Ihre Hauptintention war vermutlich, die Kompetenz von Bergzeit mit einzukaufen.

Bereuen Sie es, Ihr „Baby“ verkauft zu haben.

Anfangs nicht. Heute sage ich: schade eigentlich. Wenn Bergzeit mir noch gehören würde, würde ich sagen: Cool.

Bis 2015 waren Sie noch Geschäftsführer. Was machen Sie heute?

Ich bin in der Unternehmensberatung und habe viele Freiheiten. Ich habe aber auch gesagt, ich will endlich wieder Bergzeit.

Haben Sie die jetzt?

Es ist besser geworden. Ich habe so viele Projekte gestartet, dass das Ziel leider noch nicht erreicht ist. Aber ich nehme es mir ganz fest fürs nächste Jahr vor. (lacht)Aber ich schaffe dreimal die Woche Sport.

20 Jahre Bergzeit: Tourenportal, Online-Händler und Erlebnis-Reisen

In 20 Jahren ist Bergzeit von einem Tourenportal für Bergsteiger zu einem der größten Outdoor-Online-Händler Deutschlands gewachsen. 1999 war Bergzeit noch ein Zwei-Personen-Familien-Unternehmen: Klaus Lehner und seine damalige Frau Ute, die noch heute bei Bergzeit arbeitet, kümmerten sich um die Touren und später auch um den Verkauf der Bergsport-Artikel. 

Als der Platz in den eigenen vier Wänden nicht mehr ausreichte, verlagerten sie ihr Geschäft in einen alten Bauernhof in Hartpenning, wo es noch heute eine Filiale gibt. 2010 eröffnete die Filiale in Gmund und 2017 kam das Logistikzentrum in Otterfing hinzu. 

Dort feierten gestern die beiden Geschäftsführer Martin Stolzenberger und Markus Kasperbauer gemeinsam mit der Gesellschafter-Familie Oberrauch und vielen Gästen auch das 20-jährige Bestehen von Bergzeit. Heute hat Bergzeit über 260 Mitarbeiter und verschickt täglich 3000 Pakete, in Spitzenzeiten 7000, berichtet Stolzenberger. Er kehrte im Oktober 2018 nach einem Jahr Auszeit zu Bergzeit zurück und erklärt, was das Unternehmen ausmacht: „Bergzeit existiert, um mehr Bergzeit in das Leben der Menschen zu bringen.“ 

Das gelingt seit einem Jahr auch mit Bergzeit-Erlebnis. „Wir bieten geführte Touren an. Da ist von Skitouren über Wandern bis zu Klettersteigen alles dabei“, sagt er. Nach wie vor macht der Online-Handel rund 80 Prozent des Umsatzes aus. Mit dem breiten Angebot will Bergzeit langfristig Europas Nummer eins im Bereich Bergsport werden. 

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