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Haben gerade „Die Hebammerey“ eröffnet: Dagmar Hofmann (l.) und Nadine Schürrle im Kursraum ihrer neuen Praxis im Otterfinger Gewerbegebiet. 

Trotz schlechter Arbeitsbedingungen

Zwei Otterfinger Hebammen eröffnen Praxis

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Geringes Einkommen, horrende Versicherungsbeiträge: Warum zwei Hebammen trotz schlechter Arbeitsbedingungen „Die Hebammerey“ in Otterfing eröffnen.

Otterfing – „Tut uns leid, wir sind schon ausgebucht.“ Auch Nadine Schürrle (41) und Dagmar Hofmann (44) müssen zuweilen Schwangere abweisen. Dabei haben sie ihre Praxis „die Hebammerey“ an der Ludwig-Ganghofer-Straße erst kürzlich eröffnet. In zwei lichtdurchfluteten Behandlungszimmern und einem Kursraum bieten sie auf 100 Quadratmetern Vorsorge nach den Mutterschaftsrichtlinien, Hilfe bei Beckenendlage, Geburtsvorbereitungskurse, Rückbildungsgymnastik und Zusatzleistungen, die nicht von den Krankenkassen übernommen werden.

Das Angebot ist gefragt. Schürrle und Hofmann bekommen auch aus den südlichen Stadtteilen Münchens, den Landkreisen München und Bad Tölz Anfragen. Verwunderlich ist das nicht: Mehr als jede vierte Münchner Mutter hat Schwierigkeiten, in der Stadt eine Nachsorge-Hebamme zu finden. Viele versuchen ihr Glück entlang der MVV-Äste. „Schwangere sollten sich so früh wie möglich bei uns melden“, sagt Hofmann. Entscheidend sei die Wohnort-Nähe: „Aying ist zu weit“, sagt Hofmann. Sie und Schürrle nehmen monatlich je sieben Frauen an. Drei bis acht Hausbesuche täglich absolviert eine jede der beiden Hebammen – zusätzlich zur Schwangerenvorsorge und den Kursen in ihrer Praxis. Haben sie keine Kapazitäten, helfen sie bei der Weitervermittlung.

Der Hebammenmangel spitzt sich seit Jahren zu

Außer der „Hebammerey“ gibt es in Holzkirchen noch die Praxis „Storchenschnabel“ sowie drei weitere Hebammen. Zu wenig. Dem Bayerischen Landesamt für Statistik zufolge kamen 2017 allein 52 Otterfinger Babys zur Welt und 130 Holzkirchner. Laut einer Studie im Auftrag des Bayerischen Gesundheitsministeriums kletterte die Zahl der Geburten in Oberbayern zwischen 2000 und 2016 um 17 Prozent nach oben. Die Zahl der Hebammen in Bayern aber stagniert bei etwa 3000.

Seit Jahren spitzt sich der Hebammenmangel zu. Für Hofmann und Schürrle ist klar, woran das liegt: „Wir machen unseren Job mit Herzblut. Aber man kann davon keine Familie ernähren, sondern braucht einen dazuverdienenden Partner“, sagt Hofmann. „Das ist völlig unemanzipiert.“ Anders als andere Freiberufler oder selbstständige Handwerksmeister können Hebammen ihr Honorar nicht selbst bestimmen. Was sie verdienen, regelt die gesetzliche Gebührenordnung. Für einen Hausbesuch, der bis zu einer Stunde dauern kann, bekommen sie 38,56 Euro brutto. Davon müssen sie Beiträge zur Renten-, Sozial- und Krankenversicherung abführen. Sie müssen Miete für die Praxisräume und deren Reinigung bezahlen, Rücklagen für Krankheits- und Urlaubstage bilden. Denn als Freiberufler bekommen Hebammen keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. „Die Nebenkosten sind enorm“, sagt Schürrle.

Die Beiträge zur Berufshaftpflichtversicherung – eine Geburtshelferin zahlt jährlich circa 8000 Euro – finden die beiden Otterfinger Hebammen dagegen nicht überteuert. „Das steht im Verhältnis zur Verantwortung, die man trägt und zu den Kosten die entstehen, wenn bei der Geburt etwas schief geht“, sagt Hofmann. Allerdings müsse die Gebührenordnung so gestaltet sein, dass Hebammen diese Versicherungskosten auch stemmen könnten. Das sei zielführender, als mit einem Sicherstellungszuschlag die finanzielle Belastung zu lindern.

Dass Hebammen so schlecht verdienen, drücke die geringe Wertschätzung ihres Berufsstands aus, meinen Hofmann und Schürrle. „Wir arbeiten ja nur mit Frauen.“ Gynäkologen dagegen bekommen Respekt. Dabei führt die Schwangerenvorsorge durch Hebammen im Vergleich zur ärztlichen Vorsorge laut Studien nicht zu einem schlechteren Ergebnis – zugleich aber zu weniger Eingriffen wie Antibiotika-Prophylaxen mit fraglichem Nutzen oder Untersuchungen, die zu Diagnosen führen, dieeh nicht behandelbar sind.

Schürrle und Hofmann haben die „Hebammerey“ mit Eigenkapital eröffnet – und mit Hilfe von Crowdfunding. Noch ist die Summe von 10 000 Euro nicht erreicht, mit der sie die Innenausstattung finanzieren und einen Puffer für Krankheitstage schaffen wollen. Auch einen Kardiotokografen und ein Dopton zum Abhören des kindlichen Herzschlags brauchen sie noch. Apotheken könnten diese Geräte spenden. Denkbar wäre auch, dass der Landkreis oder Gemeinden ein Auto für Hausbesuche stellen. „Eine wohnortnahe Hebammenversorgung sollte auch im Interesse der Kommunen sein“, sagt Hofmann.

Mangel herrscht in Holzkirchen auch bei Kitas und Schulen. Lesen Sie dazu:

Kita für 60 Kinder muss sterben, weil keine Firma sie bauen will.

Die Quirin-Regler-Schule platzt aus allen Nähten.

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