Ein gesetztes Mannsbild: Hans Obermüller aus Hohendilching als Soldat im Jahr 1914. Er ist mit den Obermüller-Musikanten verwandt. foto: kn

Post aus der Vergangenheit: Was ein Valleyer Soldat 1914 in die Heimat schrieb

Hohendilching/Weyarn - Am 1. August 1914 erklärte die deutsche Reichsregierung Russland den Krieg. Was die Menschen aus der Region in der folgenden harten Zeit bewegte, zeigen die Feldpostbriefe zwischen dem Gefreiten Hans Obermüller aus Hohendilching und seiner Familie. Einblicke in den Kriegsalltag.

Michael Obermüller, 88, aus Wattersdorf erinnert sich noch genau an seinen Onkel Hans: „Er war ein gesetztes Mannsbild, einer, der wusste was er wollte“, sagt er. Ein Foto von 1914 zeigt Hans Obermüller mit Vollbart, Felduniform und Pickelhaube, ein mannshohes Gewehr mit aufgestecktem Bajonett in der Hand. Da war der Landwirt 36 Jahre alt. Und von seiner Frau Maria und den fünf Kindern getrennt. Er musste an die Westfront. Genaueres ist zwar nicht überliefert, aber: „Am Anfang war er als Soldat an der Front“, sagt sein Neffe. Wohl im 15. Reserve-Armeekorps. „Und später im Musikkorps.“ Denn der Briefeschreiber spielte Klarinette, stammt aus dem Wattersdorfer Stammhaus der Obermüller Musikanten. Seine Briefe hat Thomas Landerer aus Hausham jetzt 100 Jahre später bei E-Bay ersteigert.

Bittere Nachrichten

Der Krieg streckte seine Krallen aus, und auch die Männer im Bezirk Miesbach wurden einberufen. Sein Bruder Michael schrieb am 3. Oktober 1915 an Hans: „Wie Du vielleicht weißt, musste Bruder Georg am vergangenen Dienstag den 28. September zur Musterung, derselbe wurde als tauglich ,kriegsfähige Infanterie‘ ausgehoben.“ Michael selbst hatte Glück. „Ich musste diesmal noch nicht zur Musterung, allgemein wird aber geredet, dass wir dieses Jahr noch drankommen.“ Der Krieg hatte längst seine Opfer gefordert. Ein Brief (31.12.1914), den Obermüller von seinem Freund Josef Hatzl aus Thalham erhielt, verkündete: „Es sind jetzt viele Verwundete in Miesbach und Umgebung zur Erholung, da hört man nichts gutes wie es draußen zugeht.“ Schlimmer noch: „Man hätte geglaubt, so was gäbe es gar nicht: Strafexerzieren und an die Bäume hinbinden.“

Alltag daheim

Während die Männer an der Front kämpften, kämpften die Familien daheim ums Überleben. „Besonders hart trafen die Einberufungen freilich die landwirtschaftlichen Betriebe“, heißt es in einem Beitrag von Katja Klee im Chronik-Band V „Weyarn in Kriegszeiten“. „Viele Bäuerinnen mussten von jetzt auf gleich die schwere (Männer-)Arbeit und die gesamte Verantwortung für Familie, Haus und Hof allein übernehmen.“ Am 30. Mai 1915 versprach Obermüller seiner Maria: „Werde dem Vater und Wastlhauser schreiben, sie möchten Euch unterstützen bei Handdrescharbeiten und Schneidmachen.“

Hunger überall

Im Krieg bröckelte die Grundversorgung. Obermüller klagte in einem Brief vom 29. Juni 1917: „Es ist bei uns das gleiche mit Lebensmitteln. Brot ist immer zu wenig. Wir haben junge Leute dabei, die essen ihr Brot auf einmal und hungern dann zwei Tage.“ Das Erniedrigende: „Alle Brotrinden suchen sie zusammen, die man früher Pferden gegeben hätte.“

Kritik am König

Mit den Entbehrungen wuchs die Kritik an der Obrigkeit. Obermüller und seine Maria nahmen da kein Blatt vor den Mund: „Die reichen Leute sagen immer vom Durchhalten, und wissen nicht einmal, dass die arme Bevölkerung nicht genug Brot hat“, schimpfte Hans im oben genannten Brief. Die Ehefrau wetterte am 3. Juli 1917: „Mit Zucker geht es uns ebenfalls sehr schlecht. Nicht einmal mit Marken ist welcher zu haben. So windig wie in unserer Gemeinde ist’s wohl nirgends.“ Ein harsches Zeichen des Protests setzte Maria am 11. Juli 1917, an dem Tag, als König Ludwig III. die Leitzachwerke besuchte, so wie es auch im Chronik-Band IV der Gemeinde verbrieft ist. Am selben Tag schrieb Maria ihrem Mann: „Die Schulkinder hatten frei und es hieß, sie sollen zum Empfang kommen.“ Allerdings: „Ich ließ die meinen nicht dorthin gehen.“ Und gegenüber ihren Lehrern sollten die Kinder das so erklären: „Mutter ließ uns nicht hingehen, sie sagt, es wäre besser, er [der König] würde uns endlich zum Frieden führen und den Vater wieder schenken.“ Das sei besser als beim Volk Besuche zu machen.

Liebe spendet Trost

In diesen harten Zeiten gab dem Ehepaar die Liebe Halt: „Daher ist der einzige Trost, wenn der Postbote in die Tasche greift und ein Brieflein vom Herzallerliebsten für mich hervorholt“, schrieb Maria im Sommer 1917. Doch die Sehnsucht fraß sie fast auf: „Die Sonne ist für mich untergegangen und die Sterne leuchten nicht mehr. Ich bin trostlos über mein Schicksal, hab unendlich Zeitlang um Dich, meine Jugendliebe.“ Bereits am 30. Mai 1915 schwor Hans seiner Frau mit sperrigen Worten die Treue: „Gute Gattin, kann Dir versichern, dass ich, obwohl sich bei uns nicht die geringste Gelegenheit bietet, die Neutralität niemals verletzen werde und dieses Gelöbnis mit uns ins Grab mitnehmen werde“. Denn: „Ist doch die Treue der schönste Edelstein des Menschen.“

Rares Wiedersehen

Seltenes Wiedersehen stillte die Sehnsucht ein wenig. Im obigen Brief teilte Hans mit: „Der Tag unseres Wiedersehens wird am 17. Juni sein.“ Es gebe wieder dreiwöchigen Urlaub, „und bin diesmal auch dabei“. Allerdings hatten sich seine Hoffnungen, die er bereits im Frühjahr 1915 kundtat, zerschlagen: „Lange wird ja der Krieg doch nicht mehr dauern.“ Er dauerte bis 1918. Hans Obermüller überlebte den Krieg und starb 1935 mit 57 Jahren. Er liegt auf dem Friedhof in Hohendilching. Seine Briefe machen die Erinnerung an ihn wieder lebendig.

Von Marlene Kadach

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