Bewohner des Klosterangers mit ihren Familien
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Klosteranger Weyarn: Bewohner Julian Galinski (r.) mit seiner Frau Eva und der dreijährigen Tochter Elena versteht sich gut mit der Nachbarsfamilie Lutz, bestehend aus Jonas, Nina, Frank und Felix.

Bauprojekt war anfangs sehr umstritten

Schleifenpony Klosteranger: Eine Bilanz 

  • Marlene Kadach
    vonMarlene Kadach
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Die Klosterangerbebauung in Weyarn war einst höchst umstritten. Jetzt ist das neue Quartier bald fertig. Höchste Zeit für eine Bilanz.

  • Bauprojekt war anfangs sehr umstritten. Ein Bürgerentscheid klopfte 2011 fest, dass die Wiese bebaut wird.
  • Die Quest AG aus Kolbermoor zog ein neues Quartier hoch, inklusive Supermarkt und Klostercafé
  • Einstige Kritiker akzeptieren Gegebenheiten, bleiben aber wachsam.

Gerade die Krise schweißte die Gemeinschaft enger zusammen. Als im Frühjahr das Corona-Virus im Kinderland ausbrach, standen einige Bewohner am Klosteranger unter Quarantäne. „Bei uns im Haus waren Familien betroffen“, erzählt Julian Galinski. Auch seine eigene. Doch weil sie im Viertel gut vernetzt sind, halfen sich die Bewohner gegenseitig. Erledigten Einkäufe, brachten Wahlunterlagen weg. Das alles wäre in der anonymen Stadt anders gewesen, glaubt der 37-Jährige, der 2017 mit Frau und Tochter in ein Mehrgenerationenhaus zog. „Wir hatten wirklich Glück.“

Galinski gehört zu den Neubürgern am Weyarner Klosteranger. Das Bauprojekt war lange umstritten (wir berichteten). Im Mai 2011 klopfte ein Bürgerentscheid fest, dass das Areal bebaut wird. Seitdem ist viel passiert. Die Quest AG aus Kolbermoor zog als Investor ein ganz neues Quartier hoch. Inklusive Edeka-Supermarkt und Klostercafé. Mit dem Mehrgenerationenprojekt kam viel Idealismus nach Weyarn. Doch hat das alles so geklappt? Höchste Zeit für eine Bilanz.

Stand der Bebauung

„Die letzten 22 Reihen- und Doppelhäuser sollen bis Ende des Jahres fertiggestellt werden“, erklärt Max von Bredow, Quest-Vorstandsvorsitzender. Zwölf davon werden in den nächsten zwei Wochen übergeben. Insgesamt gibt es am Ende 45 Reihen- und Doppelhäuser. Hinzu kommen sieben Mehrgenerationenhäuser mit je zehn Wohnungen. Sowie die Wohnungen in der Klosterbrauerei und die zwei Prälaturgebäude. Im Herbst 2019 wurden die öffentlichen Grünanlagen an die Gemeinde übergeben. Dort gibt es auch einen Gemeinschaftsgarten. „Da schaut es immer top aus“, lobt Bredow. Der eigens dafür gegründete Arbeitskreis „Gemeinsam garteln“ kümmert sich darum.

Neubürger integrieren

Am Ende werden insgesamt rund 345 Leute in dem neuen Quartier leben, schätzt Bredow. Bürgermeister Leonhard Wöhr (CSU) findet: „Das ist schon eine stattliche Anzahl.“ Dennoch hätten die meisten Neubürger irgendeinen Bezug zu Weyarn gehabt, betont Bredow. „Der Teil, der aus der Stadt München gekommen ist, ist sehr gering.“

Galinski war so ein Münchner. Er hatte die kritische Debatte vorab verfolgt. Die Befürchtung, dass sich Weyarn zu einer „Schlafstadt für Münchner“ entwickelt. „Wir bringen uns ein“, betont er. Der 37-Jährige ist im Tennis-Club aktiv und ließ sich bei der Kommunalwahl 2020 als Grünen-Gemeinderat aufstellen. Er arbeite als Redakteur in München, mache aber viel Homeoffice. Befindet sich also die meiste Zeit in Weyarn.

Laut Wöhr bringen sich viele Neubürger in den gemeindlichen Arbeitskreisen ein. Außerdem gebe es im Klostercafé einen Stammtisch für Neu- und Altbürger. Trotz allem sagt der Bürgermeister: „Ein Projekt dieser Größenordnung haben wir nicht mehr in der Schublade.“ Denn: „Eine Verschnaufpause tut gut.“

Mehrere Generationen

Auch die Idee des Mehrgenerationenwohnens ist Bestandteil der Bebauung. „Wir haben alles: vom Säugling bis zur 90-Jährigen“, sagt Bredow. Wöhr ergänzt: „Die Durchmischung von älteren und jüngeren hat sich automatisch eingestellt.“ Die über 80-Jährigen machten jedoch nicht die große Masse aus. „Einen alten Baum verpflanzt man nicht.“ Aber: „Es ist eher die Generation 60 plus reingegangen.“ Reibereien zwischen den Generationen sind ihm nicht bekannt.

Es sei bewusst so entschieden worden, dass Gemeinwesenarbeiterin Ute Haury – anders als bei anderen Mehrgenerationenprojekten – für die ganze Gemeinde zuständig ist und nicht nur für einen kleinen Kreis. „Ich bin nicht die Vorturnerin“, betont Haury. Die Leute hätten sich überwiegend selbst vernetzt und helfen sich gegenseitig.

Der Verkehr

Mehr Bewohner bedeuten mehr Autos, was vorab immer befürchtet wurde. „Der Verkehr ist aus meiner Sicht erträglich“, sagt Wöhr. Für das Mehrgenerationenwohnen hatte der Gemeinderat den Parkplatzschlüssel von 2,5 auf 1,75 abgesenkt. „In der Praxis reicht das locker aus“, berichtet Bredow. „Wir haben sogar noch viele freie Stellplätze.“ Beim Mehrgenerationenwohnen sind die Parkplätze in Tiefgaragen untergebracht, beim Familienwohnen oberirdisch – in Carports und in zwei Parkstadeln. Dass einige ein paar Meter mehr zum Haus laufen müssen, mache nichts.

Lehren für die Zukunft

Alles in allem findet Wöhr das Projekt Klosteranger gelungen. „Städtebaulich lagen wir richtig.“ Das zeige einerseits das Interesse aus anderen Kommunen. Weyarn habe sich zu einem Pilgerort für Gemeinderäte gemausert, die sich das Projekt anschauen. Außerdem heimste der Klosteranger sieben Preise ein (wir berichteten). „Weyarn ist unser Schleifenpony“, betont Bredow. Trotzdem: „Es gibt kein Projekt, das man nicht verbessern kann“, sagt Wöhr. Anders als angenommen, kamen die kleineren Wohnungen gerade bei Einheimischen besser an als die Häuser. „Aus heutiger Sicht würde ich mehr Wohnungen und weniger Häuser machen.“

Besänftigte Kritiker

Sebastian Mayer, Vorsitzender der WIGW gehörte einst zu den Kritikern der Klosterangerbebauung. Die Gruppierung hatte das Bürgerbegehren initiiert. Heute sagt Mayer: Eine so dichte Bebauung habe er sich zwar nicht gewünscht. Außerdem habe ihn gestört, dass nur ein Investor alles bebaut. Trotzdem sei das Kriegsbeil begraben. „Es ist so, wie es ist. Man muss es hinnehmen.“ Auch wenn ihm rein optisch nicht alles gefällt. „Über Geschmack lässt sich streiten.“ Ein paar lobende Worte hat er sogar übrig: „Es ist super, dass es den Supermarkt gibt.“ Dennoch verliert Mayer nicht den kritischen Blick: Kindergartenplätze seien knapp geworden. Und erst wenn alles voll bewohnt sei, sehe man, ob die Rechnung aufgeht.

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