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Mit Memorykarten etwa, die teilweise Kaffeemühlen oder Bügeleisen von früher zeigen, will Holger Ellinger aus Valley das Langzeitgedächtnis von Demenkranken aktivieren.

„Da muss man mal wieder nachdenken“

Spiele gegen Demenz

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Valley - Die Gesellschaft altert, Demenzerkrankungen nehmen zu. Mit Sprichwortkarten, Sütterlinschrift und Hänsel und Gretel bringt Holger Ellinger (39) das Gedächtnis von Betroffenen in Schwung. Der Valleyer entwickelt Material und Spiele für Senioren. Ein Gespräch, das die grauen Zellen anregt.

Herr Ellinger, warum sollen Senioren spielen? 

Ich würde nicht von Spielen, sondern von Aktivierungen sprechen. Denn Senioren dürfen auf keinen Fall glauben, dass es sich um Kinderkram handelt. Es geht darum, dass man das Gedächtnis der Demenzkranken aktiviert. Sie sollen ihren Kopf einschalten und nachdenken, anstatt passiv vor dem Fernseher zu sitzen. 

Okay, keine Spiele. Bei einer Ihrer Übungen muss man berühmte Paare zusammensetzen. Hänsel und Gretel, Maria und Josef, Wum und Wendelin. Für was ist das gut? 

Das regt das Langzeitgedächtnis an. Die Leute erinnern sich an früher Gelerntes. Neues dazulernen kann ein Demenzkranker in der Regel nicht. Gut für das Langzeitgedächtnis sind meine Sprichwortkarten. Zum Beispiel steht auf der einen Seite „Wer rastet...“ und auf der anderen die Lösung „...der rostet“. 

Kann man das Langzeitgedächtnis am ehesten retten? 

Es bleibt am längsten erhalten. Zuerst setzt meist das Kurzzeitgedächtnis aus. Dann weiß der Betroffene nicht mehr, was er zu Mittag gegessen hat, dafür aber, wie sein Hund vor 30 Jahren hieß. Dann lässt das Langzeitgedächtnis nach. Was meistens noch gut funktioniert, ist die Gefühlsebene. Der Patient erkennt noch, ob sein Gegenüber traurig ist. 

Ihr Trainingstipp für das Kurzzeitgedächtnis? 

Dafür habe ich ein Memory entwickelt. Da die Karten Gegenstände von früher zeigen – alte Kaffeemühlen, Bügeleisen, Fotoapparate – wird zugleich das Langzeitgedächtnis beansprucht. Für stark Demenzkranke ist das allerdings zu anstrengend. 

Ihr Denkanstoß war? 

Ich bin Krankenpfleger und habe zuletzt bei der AWO in München in gerontopsychiatrischen Wohngruppen gearbeitet. Damals war ich dafür verantwortlich, Senioren zu beschäftigen. Dabei stellte ich fest, dass die Angebote von großen Verlagen teuer waren, und das Material oft gar nicht vernünftig einsetzbar war, weil es viel zu theoretisch war. Also begann ich, selbst welche zu entwickeln. Auf Papier und als PDF zum Sofort-Download. 

Kommt Beschäftigung in Heimen zu kurz? Stichwort Personalmangel... 

Bis vor circa. zehn Jahren war das noch so. Da hat man die Senioren im Saal vor den Fernseher gesetzt, wo sie dann, schief auf dem Stuhl hängend, den ganzen Tag verbrachten. Heutzutage aber gibt es Betreuungsassistenten. 

Das heißt? 

Sie kümmern sich darum, die Bewohner zu beschäftigen; und nicht um die eigentliche Pflege. Betreuungsassistenten haben eine eigene (Kurz)-Ausbildung. Besonders für diese Personen sind meine Aktivierungen auch gedacht. 

Zuerst reagieren Senioren auf Ihre Produkte... 

...zögerlich. Denn alte Menschen sind kaum mehr bereit, sich auf Neues einzulassen. Danach sagen sie meist zwei Sachen: „Mensch, da muss man mal wieder nachdenken.“ Und: „Das ist gar nicht so einfach.“ 

Ihre Ergebnisse? 

Wichtig für mich ist, dass die Leute gefördert werden und dabei Freude haben. Wenn sie ein in Sütterlinschrift verfasstes Gedicht vorlesen, können sie glänzen, weil das Junge nicht können. Das stärkt das Selbstbewusstsein. 

Und rein wissenschaftlich gesehen? 

Den wissenschaftlichen Hintergrund lasse ich weg. Ich untersuche nicht, welche Übung jetzt den Frontallappen stimuliert. Meine Methoden sind einfach, praxisnah und schnell anwendbar. 

Können Sie Patienten von ihrem Leiden heilen? 

Nein, heilbar ist Demenz bislang nicht. Es gibt grundsätzlich drei Formen der Demenz: Bei Alzheimer – der häufigsten Form – lagern sich, vereinfacht gesagt, Eiweiße im Gehirn ab. Vaskuläre Demenz hat Durchblutungsstörungen als Ursache. Erkrankungen wie Alkoholismus können ebenfalls Demenz auslösen. 

Steigt die Zahl der Erkrankten? 

Ja. Je älter ein Mensch ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass er erkrankt. Und unsere Gesellschaft altert. 

Gut für Sie... 

So würde ich das nicht ausdrücken. Aber für mich ist das ein Markt der Zukunft. Ich kann inzwischen fast davon leben. Aber ich will damit kein Geld scheffeln. Meine Produkte kosten meist ein bis vier Euro. Mir ist der caritative Charakter wichtig, ich will Menschen helfen.

Mehr Infos gibt es im Internet auf: www.aktivierungen.de

Das Gespräch führte

Marlene Kadach

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