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Rückblick auf 27 Jahre Seelsorge: Am Anfang stand ein kleines Wunder

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Von: Andreas Höger

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Hans Daxenberger, Diakon im Ruhestand
Entspannt im Ruhestand: Nach 27 Jahren als Diakon genießt Hans Daxenberger das Fehlen beruflicher Pflichten. Lange war er im Pfarrverband Otterfing tätig, ehe er 2007 das Alterspastoral im Dekanat übernahm. © Thomas Plettenberg

Er taufte, traute, beerdigte: Fast 30 Jahre wirkte Hans Daxenberger als Diakon im Landkreis. Im Interview erinnert sich der frischgebackene Ruheständler an einen väterlichen Freund, bricht eine Lanze für die ältere Generation, schwärmt von einem Fußball-Moment - und steht auch zu einer Leidenschaft, die manche nicht gerne hören.

Valley – Nur einmal wechselte der 63-Jährige den Schreibtisch, was selten ist für einen Diakon: Nach 14 Jahren im Pfarrverband Otterfing-Steingau übernahm Hans Daxenberger 2007 die damals neu geschaffene Aufgabe als Alters-Seelsorger im Dekanat. Seit September kann der Vater von zwei Töchtern durchschnaufen – und im Ruhestand die Gesundheit pflegen, die nach einem Schlaganfall, einer Lungenembolie und zuletzt einer gerissenen Achillesferse arg mitgenommen war.

Der Übergang im September ging coronabedingt geräuschlos über die Bühne. „War mir ganz recht“, gesteht der Valleyer. Doch ein Interview zum Abschluss, „das passt schon, haben mich ja doch ein paar Leute gekannt.“ Der gebürtige Chiemgauer („Daxenbergers gibt’s dort in Hülle und Fülle“) studierte Theologie, wollte sich aber nicht zum Priester weihen lassen. Er sattelte um – und arbeitete zehn Jahre als Krankenpfleger, ehe ihn der „Dienst im Weinberg des Herrn“ doch noch fand: 1993 wurde Daxenberger zum Diakon geweiht und fing in Otterfing an. Ein prägender Moment, wie er gleich zu Beginn des Gesprächs erzählt.

Herr Daxenberger, 27 Jahre haben Sie Menschen bei freudigen und traurigen Anlässen begleitet. Gibt es ein Erlebnis, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Der Tag, als ich mich bei Pfarrer Hans Lindermeier in Otterfing vorgestellt habe, das hat viel erleichtert. 35 Jahre war ich alt, hatte wacklige Knie. Da schaut er mich an und sagt: „Gibt’s in unserer Kirche doch noch Wunder, dass sie Dich zu mir schicken.“ Er hat seinen Schreibtisch zur Seite geschoben, „deinen kannst daneben stellen“. 13 Jahre war Pfarrer Lindermeier (er starb 2008, Anm. der Redaktion) mein Vorgesetzter, aber im Grunde ein väterlicher Freund.

Ihr Büro war seit 2007 im Holzkirchner Seniorenheim St. Anna. Die Corona-Pandemie trifft die ältere Generation besonders hart. Haben alte Menschen Angst vor dem Virus oder fürchten sie sich eher vor Isolation und Einsamkeit?

„Für viele war das ein sehr schweres Jahr“

Nein, wer über 75 ist – und das sind im Landkreis 12 500 Menschen – der hat nicht wirklich Angst vor dem Virus. Dafür haben diese Menschen zu viel erlebt. Viel mehr setzt ihnen zu, dass sie Kinder, Enkel, Freunde nicht mehr sehen können. Wer ins Altenheim geht, muss Vertrautes hinter sich lassen, umso wichtiger sind Besuche und Ansprache. Das war für viele ein sehr schweres Jahr.

Wie können wir Jüngere den Älteren helfen?

Von der jungen Generation wünsche ich mir, dass sie nicht nur an eigene Beschränkungen im Lockdown denkt, sondern Rücksicht nimmt auf die Älteren. Hört ihnen zu, sucht das Gespräch, wenn’s coronatechnisch geht, die meisten werden ja zu Hause betreut. Das Schlimmste für alte Menschen ist das Gefühl, vergessen, wertlos und eine Last zu sein. Dabei haben sie das aufgebaut, wovon wir heute profitieren.

Wenn alte Menschen ihre Leben resümieren, lassen sich daraus Botschaften ableiten für uns Jüngere?

Darf ich da erst mal mit einem Vorurteil aufräumen?

Sehr gerne.

„Wichtig für alte Menschen ist es, sich mit dem Leben zu versöhnen“

Es ist nicht so, dass alle Leute im Alter plötzlich gläubig werden, weil sie das Jenseits im Blick haben. Die meisten blicken zufrieden und dankbar zurück. Verbitterung spürte ich nur dann, wenn es familiäre Konflikte gab. Ich habe es als meine Aufgabe gesehen, Versöhnungen anzustoßen. Vielleicht klingt „Botschaft“ zu großspurig, aber ich würde sagen, wichtig für alte Menschen ist es, sich mit dem Leben zu versöhnen.

Warum sind Sie eigentlich nicht Pfarrer geworden?

Weil diese Lebensform nichts für mich war. Zuhause immer alleine, viele Termine. Nicht mein Weg.

Würde es der Kirche helfen, wenn Pfarrer heiraten dürften?

Ich bin dafür, dass der Zölibat freigestellt wird, dass jeder selbst über seine Lebensform entscheiden kann. Grundsätzlich ist der Zölibat schon nachvollziehbar: Pfarrer arbeiten an Wochenenden und Abenden, wenn andere frei haben, sind dauernd im Dienst und Ansprechpartner für Seelsorge und Verwaltung. Einer Partnerschaft ist das nicht sehr förderlich.

Als Sie sich 2007 von den Gläubigen des Pfarrverbands Otterfing verabschiedeten, haben Sie um Vergebung gebeten. Wissen Sie noch wofür?

Ehrlich? In der Kirche?

So stand’s in der Zeitung.

Jetzt bin ich aber gespannt.

Sie baten Kirchgänger um Verzeihung, die unter Ihrem schlechten Gesang gelitten haben.

Und das völlig zurecht. Ich singe wirklich gerne, werde aber manchmal darauf hingewiesen, dass das schräg klingt. Pfarrer Lindermeier, der gut gesungen hat, hat’s immer wacker ertragen und nur gesagt, „wenn’s mal für Dich sammeln, musst aufhörn mitm Singen.“ Das ist noch nicht passiert, also singe ich tapfer weiter.

Schiedsrichter und Seelsorger - was können sie voneinander lernen?

Jahrelang haben Sie nebenher als Schiedsrichter im ganzen Oberland Fußballspiele gepfiffen. Konnten Seelsorger und Schiri voneinander lernen?

Ja klar. Beide müssen zu Entscheidungen stehen. In den Kabinen habe ich den Teams immer gesagt, ich bin nicht der Wichtigste heute auf dem Platz, aber ich sorge dafür, dass es fair zugeht. Klare Ansagen und mit den Leuten reden, im Gespräch bleiben – damit bin ich als Schiri und als Seelsorger gut gefahren.

Ihr aufregendstes Spiel?

Die AH vom FC Bayern hat mal in Otterfing gespielt, der damalige Schiedsrichterobmann Andreas Hallmannsecker hat gepfiffen, ich war Linienrichter. In der Pause hat der Anderl eine Verletzung vorgetäuscht und ich durfte aufs Feld. Ein großer Moment.

Sie sind Bayern-Fan?

Schon als Kind. Und das waren die Jahre, als Sechzig noch Meister wurde.

Welche Pläne haben Sie für den Ruhestand?

Reise nach Neuseeland?

Meine Frau und ich würden gerne unsere Tochter in Neuseeland besuchen, aber das ist derzeit schwierig. Zum Abschied vom Holzkirchner Pfarrverband bekam ich Startkapital für ein E-Bike, das ich mir jetzt gekauft habe. Ich habe mir vorgenommen, damit den Landkreis in all seinen Facetten kennenzulernen.

Sind Sie noch als Seelsorger tätig?

Wenn’s passt, übernehme ich Taufen oder Beerdigungen. Aber ehrlich gesagt bin ich erleichtert, dass der berufliche Druck verschwunden ist.

Haben Sie einen Lieblingsspruch aus der Bibel?

„Der Herr ist mein Hirt“, das hat mich getragen, gerade an dunklen Stellen meines Lebens. Dazu ein Satz aus dem Matthäusevangelium: „Seid gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ Und in der Bibel heißt es öfter: „Fürchtet Euch nicht!“ Das passt in diese Zeit. Unser Glauben ist was Freudiges, man braucht keine Angst zu haben.

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