Dr. Volker Thome (vorne r.) erläutert mit Mitarbeitern des Fraunhofer-IBP in Oberlaindern einer Delegation der Grünen-Landtagsfraktion mit (vorne v.l.) forschungspolitischer Sprecherin Anne Franke, baupolitischer Sprecherin Ursula Lowa, haushaltspolitischer Sprecherin Claudia Köhler und Umweltpolitik-Sprecher Christian Hierneis eine Sortieranlage.
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Sortieranlage im Blick: Dr. Volker Thome (vorne r.) erläutert mit Mitarbeitern des Fraunhofer-IBP einer Delegation der Grünen-Landtagsfraktion – darunter (vorne v.l.) forschungspolitische Sprecherin Anne Franke, baupolitische Sprecherin Ursula Lowa, haushaltspolitische Sprecherin Claudia Köhler und Umweltpolitik-Sprecher Christian Hierneis –, wie nach der Zerlegung von Altbeton in seine Einzelbestandteile diese auch sortiert werden.

Forschungsprojekt bekommt Neubau

Fraunhofer-IBP in Oberlaindern: Steiniger Weg fürs Altbetonrecycling

Abbruchmaterial als Rohstoffquelle für Neubauten nutzen, statt endliche Bodenschätze auszubeuten und Rohstoffe ungenutzt auf Deponien zu kippen: An vielversprechenden Methoden für Altbetonrecycling arbeiten die Forscher des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik in Oberlaindern seit Jahren. Doch der Weg in die praktische Umsetzung ist steinig.

Oberlaindern – Das Verfahren klingt vielversprechend. Gerade in Zeiten, in denen Betongold boomt. Allein in Deutschland fallen etwa 55 Millionen Tonnen Altbeton pro Jahr aus Abbruch an. Davon werden etwa 70 Prozent immerhin für den Straßenbau weiterverwendet, erklärt Dr. Volker Thome, die echte Recyclingquote liege aber nur bei etwa acht Prozent. Denn bei mechanischen Bruchverfahren wird der Altbeton nur zerkleinert. Etwa fünf Millionen Tonnen bleiben als „Feinfraktionen“ übrig, die nahezu ausnahmslos in der Deponie landen. Dabei ist etwa Sand inzwischen ein kritischer Rohstoff. Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik (IBP) in Oberlaindern hat mit der „Elektrodynamischen Fragmentierung“ (EDF) eine Methode entwickelt, wie Altbeton wieder in sortenreine Bestandteile zerlegt werden kann: durch Blitzimpulse unter Wasser. Diese Rohstoffe können wiederverwendet werden. Auch für neue Baumaterialien, die das Institut ebenfalls entwickelt. „Das Ziel ist, das, was wir im Gebäudebestand haben, wiederzuverwenden, statt Rohstoffe auszubeuten“, erklärte Institutsleiter Professor Klaus Sedlbauer jetzt, als er eine Delegation der Grünen-Landtagsfraktion begrüßte. Die Abgeordneten – darunter der aus Holzkirchen stammende Benjamin Adjei – wollten sich über die Recyclingtechniken informieren. Und darüber, woran die praktische Umsetzung hakt.

Darum entsteht ein Neubau

Schon 2014 ist das IBP für die EDF beim Bundeswettbewerb „Land der Ideen“ ausgezeichnet worden. Seit drei Jahren leitet Thome nun die eigene Abteilung „Mineralische Werkstoffe und Baustoffrecycling“, an der derzeit 18 Mitarbeiter forschen. Das Projekt Altbetontrecycling macht gerade mit einem Neubau den nächsten großen Schritt: Südlich des Fluglabors und östlich der großen Flugzeughalle entsteht derzeit eine Halle mit 250 Quadratmetern Grundfläche für die weitere Forschung. Die 2018 beantragte Baugenehmigung zog sich, und dann tauchte im Untergrund auch noch eine Tonlinse auf, die Nachplanungen am Fundament erforderte, berichtet Thome. Inzwischen ist das Fundament fertiggestellt. Bis Oktober soll auch die Halle in Modulbauweise stehen.

Das Fundament ist fertig: Neben dem Fluglabor an der Staatsstraße (hinten) entsteht eine neue Halle, die den Forschern Platz für Baustoffrecycling-Prototypen bietet.

Die Projekte der Baustoff-Forscher

Dort bekommt die Abteilung Platz, um das Verfahren fit zu machen für den Industrieeinsatz. Zum einen wird die EDF-Anlage, die es bisher nur in kleiner Forschungsausführung mit fünf Litern Fassungsvermögen gibt, im großen Maßstab als Prototyp aufgebaut. Hinzu kommt eine Sortieranlage auf Basis spektraler Analyse, die beim institutsübergreifenden Fraunhofer-Projekt BauCycle entstand. Eine richtige Verwertungsstraße also – laut Thome flexibel angelegt als Forschungsplattform. Denn das Verfahren lässt sich auch übertragen auf andere Verbundstoffe. Erfahrungen hat das IBP schon mit der Schlacke, die bei der Müllverbrennung übrig bleibt: Auch sie kann per EDF noch in Einzelbestandteile zerlegt werden, Metalle, Glas, Keramik und Schmelzprodukte. Als drittes dürfte in der neuen Halle eine Anlage für die „Ensulfatisierung von Bauschutt“ (Ensuba) hinzukommen: Das Verfahren, das sich das IBP patentieren ließ, entzieht Abbruchmaterial das enthaltene Sulfat, das in einer Ausfällreaktion zu Gips wird. Für das Verfahren hat das IBP eine verstärkte Nachfrage aus der Industrie ausgemacht: „Wir waren auf der Messe BAU 2019 vertreten, und die meisten Anfragen kamen zum Gips.“ An ihm besteht bereits ein Mangel, erklärt Thome. Das Verfahren des IBP verspricht also bare Einsparungen.

Das sagt der Fachverband

Beim Altbetonrecycling hakt es daran noch. Das liege an fehlenden Anreizen in der Praxis, stellte Stefan Schmidmeyer als Geschäftsführer des Fachverbands bvse für „Mineralik – Recycling und Verwertung“ im Gespräch mit der Grünen-Delegation klar. Obgleich die öffentliche Hand gemäß Kreislaufwirtschaftsgesetz eine Vorbildfunktion habe, spiele die Recyclingquote bei Ausschreibungen keine Rolle. Der Einsatz von Recyclingmaterial – sogenannten Sekundärrohstoffen – werde nicht belohnt, der Verzicht darauf nicht geahndet. Im Vergleich zu frisch abgebauten Rohstoffen gibt es für Wertstoffe, die wiederverwendet werden sollen, hohen Zertifizierungs- und Dokumentationsaufwand. Die Deponierung ist billiger als die Aufbereitung, der Abbau endlicher Rohstoffe noch zu attraktiv. Aktuell würden nur 16 Prozent der für die deutsche Wirtschaft benötigten Rohstoffe durch Sekundärrohstoffe gedeckt.

Auch die Standortsuche sei schwierig, sagt Schmidmeyer. Für Altbetonrecycling wären bestehende Steinbrüche oder Kiesgruben prädestiniert. Doch sie stehen bei Bürgern und Kommunalpolitik im Feuer, gelten sie doch als emissions- und verkehrsintensiv. Kritikpunkte, für die sich verträgliche Lösungen finden lassen könnten, ist Schmidmeyer überzeugt. Doch in der Realität nehme die Kommunalpolitik lieber eine kurzfristige Kiesgrube in Kauf, die nach fünf bis zehn Jahren wieder verfüllt und geschlossen wird, als einem Recyclingunternehmen eine Perspektive auf 20 Jahre oder mehr zu geben.

Der Weg fürs Altbetonrecycling in die Praxis ist noch lang und steinig. Die IBP-Forscher werden ihn weitergehen.

Katrin Hager

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