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Abschied nach zehn Jahren: Bernhard Wolf hat die Valleyer Schule geprägt. Seine erfrischende Offenheit strahlte aus auf Schüler und Lehrer – und schuf ein ganz spezielles „Valleyer Klima“.

Valleyer Rektor geht in Ruhestand

Der Wolf war verwundbar

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Zehn Jahre war er Chef eines kleinen, feinen Rudels, jetzt wartet der Ruhestand. Bernhard Wolf (64) genießt seine letzten Arbeitstage als Rektor der Valleyer Schule. Viel Herzblut hat er für seine Grund- und Mittelschüler geopfert – einmal sogar fast zu viel.

Valley – Die letzten Tage eines Schuljahres, sie nehmen keine Rücksicht auf einen Ruheständler in spe. Bernhard Wolf hat 130 Grundschüler, 45 Mittelschüler und 25 Lehrer zu managen. Kaum hat er sich zum Interview hingesetzt („Wie war die Frage?“), klingelt das Telefon. Kurz darauf muss er den Empfang von Gemüse und Wurst für Abschlussaktivitäten quittieren.

Zwischendurch schneien sogar vier reumütige Schüler herein, die jüngst, in einem gemeinsamen schwachen Moment, die Hochsprung-Anlage mit einem Edding „verschönerten“. War natürlich Blödsinn, geben sie kleinlaut zu, ihr Geschmiere haben sie selbst wieder abgewaschen. Fünf Minuten später ist die Affäre erledigt. „Wie war die Frage?“

Herr Wolf, wissen Sie noch, wo Sie waren, Anfang September 2008?

Auf der griechischen Insel Naxos. Per SMS habe ich erfahren, dass es amtlich ist, dass ich wenige Tage später Rektor werde in Valley. Ich war damals nicht der einzige Bewerber, entsprechend groß war die Freude.

Angeblich waren sie so happy, dass sich der Weinvorrat der kleinen unschuldigen Insel bis heute noch nicht erholt hat.

(grinst) Doch, doch. Das dürfte sich mittlerweile wieder eingependelt haben.

Warum ist Schulleiter in Valley so ein Traumjob?

Schauen Sie mal raus, das ist hier das schönste Schulgebäude und die schönste Anlage, die ich kenne. Normalerweise müssten Lehrer hier Kurtaxe zahlen. Die Gemeinden Valley und Weyarn stehen voll hinter uns, ich musste nie um etwas betteln. Unsere technische Ausstattung ist sensationell. Wenn mich hier befreundete Rektoren aus München besuchen, kommen denen die Tränen. Und dann ist hier der Zusammenhalt im Dorf spürbar. Wirklich wunderbar.

„Wir machen die Schule, die unsere Kinder brauchen“ – mit dieser Selbstverpflichtung sind Sie vor zehn Jahren angetreten. Welche Schule brauchen denn unsere Kinder?

Unser Motto lautet: Stärken stärken, nicht nach Schwächen suchen. Darauf bauen wir auf, das brauchen Kinder. Unsere Lehrer hier haben, Gott sei Dank, relativ viel Zeit. Wir sind eine recht kommunikative Schule.

Wird das Dorf die Grundschule auf Dauer behalten können?

Glaube ich schon. Wir sind zwar derzeit nicht ganz zweizügig, wissen aber, dass aus den Kindergärten viel nachkommt.

In Ihre Amtszeit fiel 2011 die Gründung des Mittelschulverbands, mit Holzkirchen und Rottach als Ankerschulen und Valley als „Juniorpartner“. Hat sich das Konstrukt bewährt?

Das war harte Arbeit, es gab schon Vorbehalte, wie sich eine kleine Schule da einfügen kann. Aber wir haben ein Konzept gefunden. Ich sage immer: Valley ist die Familienpension, Holzkirchen das Grand Hotel. Wir haben als Alleinstellungsmerkmal die Offene Ganztagsschule. Zu uns kommen Schüler aus dem ganzen Landkreis-Norden. Ist doch gut, wenn Mittelschüler eine Auswahl haben.

Derzeit gibt es an der Mangfalltal-Mittelschule nur eine 5. und 6. Klasse.

Wird wohl auch so bleiben. Wir sind da ein Scharnier, viele unsere Schüler wechseln auf weiterführende Schulen.

2012 gab’s doch aber sogar mal eine 9. Klasse, die ihren Abschluss in Valley gemacht hat.

Eine sehr erfolgreiche Klasse, bin heute noch stolz darauf. Aber auch sehr anstrengend, der Wolf war nachher tot.

Der Wolf war tot?

Burnout. Von Juli bis Ende Oktober 2012 war ich außer Gefecht, depressive Anflüge und Schlafstörungen.

Woran lag’s?

Private Gründe, ich musste den Tod eines meiner fünf Kinder verkraften und eine Trennung. Und ich habe mich beruflich übernommen. Ich dachte, ein Wolf, der muss immer die ganze Welt retten. Jetzt weiß ich: Europa reicht auch erst einmal. Immer war ich der Fels in der Brandung, der nie umfällt. Dass der doch umfallen kann, darauf haben manche Leute fast beleidigt reagiert.

Aber Sie haben das Comeback geschafft.

Ein harter Weg. Ich war in Therapie in einer Klinik, mein Sport hat viel geholfen. Für mich gab’s aber nie einen Zweifel: Ich wollte zurück. Hey, das ist mein Traumjob.

Können andere daraus Lehren ziehen?

Ich rate jedem Schulleiter, sich keine Klassleitung aufdrücken zu lassen – so wie mir geschehen in diesem Jahr. Das war mit ein Grund, warum ich schon jetzt in Rente gehe und nicht erst in einem Jahr. Meine Gesundheit geht vor, lieber verzichte ich auf ein paar Euro.

Dabei warten doch viele junge Lehrer auf einen Job.

Auf dem Papier vielleicht. Das sind junge Gymnasiallehrer, die jetzt mangels Stellen in Grundschulen eingesetzt werden. Aber die tun sich hier schwer, für mich eine absolute Notlösung. Leider hat man vor ein paar Jahren die besten Grundschullehrer in die Wüste geschickt, besser gesagt in die freie Wirtschaft. Die haben jetzt gute Jobs und kommen natürlich nicht mehr zurück. So kommt’s, wenn der eigentliche Kultusminister der Finanzminister ist.

Was macht einen guten Lehrer aus?

Die pädagogische Liebe. Wenn’s schwierig wird, sage ich immer, muss man die Kinder „niederlieben“, immer ein Ohr haben für sie. Klar gibt es Lehrpläne, aber ein guter Lehrer schaut auf die Persönlichkeit des Schülers.

Was macht ein Wolf im Ruhestand mit all der Langeweile?

Langeweile? Der Wolf hat eine Frau, vier Enkel, er ist Kindergarten-Opa. Und dann spiele ich neuerdings . . . 

Ja?

Also, ich war mal ganz guter Leichtathlet, jetzt eher Schwerathlet (reibt sich seufzend den Bauch). Nein, ich gesteh’s: Mir macht das Golfspielen richtig Spaß. Und das, obwohl ich als BN-Mitglied den Golfplatz in Schaftlach-Piesenkam so bekämpft habe. Aber jetzt gibt es ihn halt und ich spiele drauf. Ich bin da Pragmatiker.

Urlaub wieder auf Naxos wie vor zehn Jahren?

Viel schlimmer. Ich habe Verwandtschaft in Brasilien, die muss ich abklappern. Die haben eine Wohnung in São Paulo und ein Haus am Meer, ganz schlimm für mich(grinst über beide Ohren).

Letzte Frage: Sie sind die 800 Meter schon unter zwei Minuten gelaufen. Wie macht man das?

Ist leider lange her. Die ersten 500 Meter überleben und dann Gas geben. Ich war nie ein Sprinter, aber der Wolf hat einen langen Atem und kann hartnäckig sein.

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