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Notiert vor 100 Jahren in einem Stadl

Die weisen Worte eines unbekannten Knechts 

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Valley - Heute vor 100 Jahren, am 30. Dezember 1915, kritzelte ein Knecht in einen Stadl in Unterdarching einen Spruch. Wie ein Mahnmal begleitete dieser die Familie von Alois Keppeler (59) durch Kriegswirren. Jetzt prangen die Worte auf dem Küchenbuffet des Landwirts. Sie gelten bis heute, sagt er.

Es ist das Jahr 1915. Der Erste Weltkrieg tobt, hat bereits viele Opfer gefordert, immer mehr Männer verschwinden aus den Familien, werden eingezogen. Die anfängliche Kriegs-Euphorie bröckelt, Verzweiflung und Kritik kriechen hervor. So ergeht es offenbar auch einem Knecht aus Unterdarching. Mit Bleistift schreibt er an die Innenwand eines Stadls in altdeutscher Schrift einen Spruch, der zum Nachdenken anregt: „Wir kämpfen nicht fürs Vaterland, wir kämpfen nicht für Gott, wir kämpfen für die Großen, und die Kleinen schießt man tot.“ Am Ende kritzelt er noch das Datum hin: 30. Dezember 1915.

Alois Keppeler (59) aus Unterdarching liebt diesen Spruch, der vor genau 100 Jahren auf seinem Hof verfasst wurde. Der Landwirt mit der Brille und den kräftigen Händen hat ihn wie seine Großeltern und Eltern schon viele Male gelesen und zitiert. Und er hat das Brett, auf dem der Knecht die kritischen Wörter einst notierte, auf seinem Küchenbuffet platziert. „Als wir den Stadl, der aus dem Jahr 1870 stammt, abgerissen haben, haben wir das Brett extra aufgehoben“, erklärt der 59-Jährige, „es befand sich in der ehemaligen Futterkammer.“ 

Dort muss das Klima sehr Bleistift-freundlich gewesen sein. „Oder die Bleistifte waren damals einfach so gut“, meint Keppeler. Denn die Buchstaben lassen sich bis heute erstaunlich gut lesen. Es wirkt fast wie ein Zeichen: Denn für Keppeler hat dieser Spruch auch heute noch höchste Brisanz. „Der gilt damals wie heute“, findet er. „Heute roasen’s nach Syrien – was bringt das?“, fragt er sich. „Da halten auch wieder die Kleinen ihren Kopf hin.“ So wie 1915.

Der Spruch ist für Keppeler auch ein Familienerbstück, er hütet ihn wie einen Schatz. Der Knecht – über dessen Person er nichts Genaueres weiß – lebte zur Zeit seiner Großeltern in Unterdarching. 1915 waren die beiden frisch verheiratet, 1917 kam Keppelers Mutter auf die Welt.

Wie ein Mahnmal prangte der Spruch versteckt und doch ewig präsent im Stadl, er begleitete die Familie durch den Ersten und dann durch den Zweiten Weltkrieg. Er mahnte und tadelte im Stillen. Und er hatte immer Recht. Er war da, als „sämtliche Männer wieder fort waren und an den Frauen die Arbeit hängen blieb“, wie seine Mutter immer ihrem kleinen Alois erzählte. Er war da, als die Landbevölkerung Ausgebombte aus München einquartieren musste, als die Kriegsgefangenen aus Frankreich und Polen auf den Höfen schufteten – um die an die Front geschickten Knechte zu ersetzen.

Auch auf dem Hof von Keppelers Familie arbeiteten welche. „Die Behandlung war von Bauer zu Bauer unterschiedlich“, sagt er. In seiner Familie, das betont er, ging es den Kriegsgefangenen gut. „Die haben uns nach dem Krieg sogar noch besucht.“ Als Keppeler noch ein kleiner Bub war, verschwand er oft in der vielleicht vier mal zwei Meter großen Futterkammer, begutachtete den Spruch, sinnierte. Auch seine Mutter, die den Hof erbte, sprach ständig davon.

So lebten die Worte des Knechts weiter und sie sind bis heute nicht verstummt. Auch Keppeler erzählt seinen Kindern und Enkeln gern davon. Und in seiner Familie ist man sich einig, „dass Krieg nichts Gutes ist“. Dass der Spruch, der nun auf dem Küchenbuffet thront, bis heute recht hat.

Von Marlene Kadach 

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