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Lorenz Funk ist eine lebende deutsche Eishockey-Legende, Niklas Heinzinger will das werden.

Eishockey-Legende und -Jungstar erzählen

Nachwuchsarbeit im Wandel: So war es vor 60 Jahren - und so ist es heute

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Wer Eishockey-Profi werden will, muss Opfer bringen. Das war für die Legende Lorenz Funk vor fast 60 Jahren so und ist auch bei Niklas Heinzinger der Fall. Hier erzählen beide.

Bronzemedaillengewinner bei Olympia, Bundesverdienstkreuzträger und Mitglied der Deutschen Eishockey Hall of Fame – Lenz Funk sen. (70) ist eine lebende Eishockeylegende. Für seine einzigartige Karriere musste auch er in seiner Jugend Opfer bringen – als solche gesehen hat er sie aber nie.

Lorenz Funk sen.:  „Ich hab’ mehr Zeit auf dem Eis als in der Schule verbracht“

Herr Funk, wo liegen die Anfänge ihrer Karriere?

Daheim in der Küche. Mein Bruder stand im Tor und ich hab‘ geschossen. 1956 haben wir bei uns in Reichersbeuern einen Eisplatz bekommen. Zu dem Zeitpunkt haben circa 90 Prozent der Buben im Ort mit Eishockey angefangen. Um 12 Uhr, nach dem Unterricht, haben wir unsere Schulranzen ins Eck geworfen und dann ging’s los.

Das war aber kein Vereinstraining, oder?

Nein, vom Verein aus haben wir vielleicht zweimal pro Woche trainiert. Dafür waren wir in unserer Freizeit an einem Tag mehr auf dem Eis als die Burschen heute in der ganzen Woche. Fünf bis sechs Stunden am Tag. Mit den Punktspielen, die am Sonntag gleich nach der Kirche stattfanden hab’ ich tatsächlich mehr Zeit auf dem Eis als in der Schule verbracht. Unsere Jugend war unglaublich.

Weil sie es gerade ansprechen, wie lief denn Ihre schulische Ausbildung?

Zuerst bin ich zur Volksschule gegangen, mit 14 Jahren habe ich dann in Tölz Schlosser gelernt. Da bin ich Sommer wie Winter jeden Tag mit dem Fahrrad in die Arbeit gefahren. Und danach wieder an den Eisplatz. Sport war einfach das höchste was es für uns gegeben hat.

„Zeit für Freunde haben wir gar nicht gebraucht“

Gab es zusätzliche Einheiten abseits der Eisfläche?

Wir haben auch andere Sportarten gemacht. Beim Skifahren haben wir Kraft bekommen, beim Fußball Ausdauer und die Fähigkeit ein Spiel zu lesen. Das ist dir dann alles beim Eishockey zugute gekommen.

Und im Sommer?

Mein Vater hat in Reichersbeuern schon Sommertraining gemacht, da haben die anderen noch gar nicht dran gedacht. Liegestützen, Klappmesser, Strecksprünge, laufen, sprinten und Entengang. Wir waren topfit. Außerdem haben wir im Sommer immer mit dem Tennisball gespielt.

Außergewöhnlich: Lorenz Funk sen. ist olympischer Bronzemedaillengewinner und Mitglied der Hall of Fame Deutschland.

Zeit für Freunde blieb also schon damals nicht...

Die haben wir gar nicht gebraucht. Meine Spezln waren sowieso alle am Eisplatz.

Mussten Sie sonst auf irgendetwas verzichten?

Eigentlich nicht. Die anderen sind am Wochenende in die Disko gegangen. Das konnte ich aber gar nicht, weil mein Vater krank geworden ist, als ich 16 Jahre alt war. Da musste ich dann daheim mit anpacken. Das haben wir aber schon alles irgendwie nachgeholt (lacht). Ich war eh nie der Disko-Gänger, ich sitze lieber gemütlich in der Wirtschaft.

Die Ausrüstung wurde damals gebraucht gekauft

Eine Eishockey-Ausrüstung ist nicht ganz billig. Wie konnten Sie sich das damals leisten?

Gar nicht. Wir hatten keine gescheiten Handschuhe, deswegen haben wir die Motorradhandschuhe vom Vater hergenommen. Hosen und Schützer haben wir uns selbst genäht. Jahrelang haben wir mit Haselnussstecken und Filz an den Beinen gespielt. Das war alles sehr primitiv. Wenn wir in Tölz zugeschaut haben, haben wir immer gehofft, dass wir einen kaputten Schläger abstauben können. Den haben wir dann zuhause wieder zusammengeleimt.

Wie kamen Sie zu Ihrer ersten richtigen Ausrüstung?

Die Amerikaner, die an der Kaserne in Tölz stationiert waren, hatten eine eigene Mannschaft, die „Trojans“. Der damalige Bürgermeister von Reichersbeuern hat immer geschaut, dass er denen die alte Ausrüstung abkaufen kann. Außer Schlittschuhen mussten sich die Burschen bei uns nichts kaufen. Da wussten die Eltern oft lange gar nicht, dass der Sohn Eishockey spielt.

Bei Ihnen wusste es einige Jahre später das ganze Land. Wann haben Sie beschlossen, dass es die Profikarriere werden soll?

Das weiß ich noch gut. Während meiner Schlosserlehre haben wir mittags die Spiele von der Olympiade 1964 angeschaut. Da hab’ ich mir gedacht: Weißt was, bei der nächsten Olympiade bist du auch dabei. Da war ich dann auch dabei.

Sie haben während Ihrer Trainerlaufbahn zahlreiche Nachwuchsspieler betreut. War der Weg in den Profisport zu Ihrer Zeit schwieriger oder leichter?

Das war auch nicht anders als heute. Die Tölzer Erste war damals so gut, dass es da nicht alle geschafft haben. Einige meiner Mitspieler aus Reichersbeuern sind nach Augsburg gewechselt, weil sie in Tölz keinen Platz gefunden haben. Tölz war eine Spitzenmannschaft in der Bundesliga.

Niklas Heinzinger: „Alle anderen liegen am See und ich muss ins Training“

Laut seinem letztjährigen Trainer Rick Boehm ist Eishockeyspieler Niklas Heinzinger aus Holzkirchen auf dem besten Weg in Richtung Profibereich. Derzeit läuft der 17-jährige Verteidiger in der Deutschen Nachwuchsliga für den EC Bad Tölz auf. Seinem großen Traum ordnet Heinzinger alles unter. Freizeit, Freunde und sogar die Schule.

Niklas, wie sieht bei dir ein typischer Wochentag im Winter aus?

Am Vormittag Schule, dann erst mal lernen. Manchmal trainiere ich aber auch schon ein bisschen. Ich habe da eine Metallplatte – von der schieße ich auf ein Streethockeytor. Dann fahre ich mit dem Zug ins Training.

Wie bekommst du Schule und Eishockey unter einen Hut?

Früher hat das recht gut geklappt, da hatten wir früher Training und ich hatte den ganzen Abend noch Zeit zu lernen. Inzwischen leidet die Schule schon. Gerade jetzt in der zehnten Klasse war das etwas schwierig. Wenn ich auf DEB-Lehrgängen (DEB = Deutscher Eishockey-Bund) war, habe ich schon viel verpasst. Es könnte besser sein, ist aber alles im Rahmen. Sobald ich meinen Abschluss habe, kann ich mich voll aufs Eishockey konzentrieren.

Zeit hat er höchstens an einem Tag in der Woche

Wie oft in der Woche hast du Training?

Im Winter haben wir viermal pro Woche Eistraining. Dazu kommen noch zweimal Krafttraining und einmal Athletiktraining. Das sind dann etwa acht Stunden reine Trainingszeit ohne Anfahrt und Umziehen.

Und ohne die Spiele...

Ja, davon haben wir im Normalfall zwei pro Wochenende, auswärts zum Teil mit Übernachtung. Da geht dann schon mal das ganze Wochenende drauf.

Auf dem Weg nach oben: Niklas Heinzinger spielt in Deutschlands höchster Eishockey-Nachwuchsliga. 

Wie viel Zeit bleibt da noch für Freunde?

Das ist schwierig. Montag ist trainingsfrei, da hätte ich Zeit etwas zu unternehmen. Das hat vergangene Saison aber wegen der Schule meistens nicht geklappt, ich mache ja dieses Jahr meinen Realschulabschluss. Am ehesten bringe ich das unter, wenn wir am Wochenende mal spielfrei haben.

Zeigen deine Freunde dafür Verständnis?

Die meisten sind vom Eishockey in Tölz, die sehe ich sowieso regelmäßig. Auch einige andere spielen Eishockey, beispielsweise beim TEV Miesbach, die kennen das ja selber. Und mit allen anderen mach‘ ich halt dann was, wenn ich Zeit habe. Vor allem im Sommer.

„Ich verbringe den halben Sommer in der Eishalle“

Du musst auch sonst auf vieles verzichten, was für andere in deinem Alter selbstverständlich ist. Beispielsweise Feiern gehen. Vermisst du das?

Ab und zu gehen wir mit der Mannschaft weg, da geht das schon. Die einzige Situation in der ich wirklich etwas vermisse, ist, wenn es draußen heiß ist. Dann liegen alle anderen am See und ich muss ins Training. Ich verbringe den halben Sommer in der Eishalle.

So extrem ist das erst, seit du in Bad Tölz spielst. Wann hast du den Schritt gemacht?

Ich habe mit drei oder vier Jahren in Holzkirchen angefangen, zur Saison 2009/2010 bin ich dann nach Tölz in die Kleinschülermannschaft gewechselt. Wir sind in der Vorsaison mit dem ESC Holzkirchen Meister geworden, deswegen ist mein Vater auch mit nach Tölz gewechselt. Er hat da dann meine Mannschaft trainiert.

War dein Vater derjenige, der dich zum Eishockey gebracht hat?

Ja. Mein Vater hat früher selber in Holzkirchen gespielt, dem gefällt die Sportart eh. Und auch meine Onkel, die Rummrichs, die haben früher beide im Profibereich gespielt.

„Ich will in wenigen Jahren Profi sein“

Stichwort Profibereich, das dürfte inzwischen auch dein Ziel sein. Wie schätzt du deine Chancen auf eine Profikarriere ein?

Das ist eigentlich schon seit meinem Wechsel das Ziel. Ich muss auf jeden Fall viel dafür tun, ich glaube aber schon, dass es hinhauen könnte. Deswegen schaue ich auch, dass ich außerhalb des Vereinstrainings etwas machen kann.

Hast du einen Zeitplan im Kopf?

Ich will in den nächsten Jahren einen Profivertrag bekommen. Entweder in der Ersten Mannschaft oder per Förderlizenz irgendwo anders. Vielleicht klappt das ja schon in der kommenden Saison. Fernziel ist auf jeden Fall die DEL (Deutsche Eishockey Liga). Es ist einfach geil vor so einer Kulisse zu spielen. Als wir vor einigen Monaten das Finale um die deutsche Meisterschaft in der DNL (Deutsche Nachwuchs Liga) gespielt haben waren gut 2000 Zuschauer da.

Falls es mit dem Traum vom professionellen Eishockey nichts werden sollte, hast du einen Alternativplan?

Dann würde ich erstmal eine Ausbildung machen. Mit Eishockey würde ich aber trotzdem nicht aufhören.

Beim Jungstar und beim Oldie litt die Schule unterm dem Eishockey-Training. Der Autor selbst hatte diese Ausrede nicht.

Bastian Huber, 25, Volontär beim Miesbacher Merkur

Alter, die Jugend! Eine Volontärs-Beilage

Dieser Text ist Teil der Beilage Alter, die Jugend!“. Die Volontäre von Münchner Merkur, tz und Merkur.de haben sich auf die Suche nach Geschichten gemacht, die das Verhältnis der jungen Leute zum Alter und anders herum erzählen. Hier geht es zum Überblick über alle Artikel.

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