Denn Adel soll bald abgeschoben werden

Afghane, 29, toller Schneider - darf nicht mehr arbeiten

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Adel hat geschickte Hände, und er lernt sehr schnell. Der 29-jährige Flüchtling, der in Warngau wohnt, hat Deutsch gebüffelt und fand in Osterwarngau einen Arbeitsplatz. Doch das half ihm alles nichts.

Warngau– Die Anzüge sehen elegant aus, fein gearbeitet. Stolz wischt Adel Ikhtiari über sein Smartphone. Es sind seine Anzüge, er hat sie geschneidert, in einem iranischen Keller. 18 Stunden am Tag hat er geschuftet, um Geld zu bekommen fürs Überleben im Iran – und um Polizisten zu bestechen, damit er ohne Papiere geduldet bleibt.

An sein Geburtsland Afghanistan kann sich Adel nur dunkel erinnern. Wie viele seiner Volksgruppe, der schiitischen Hazara, ist er als Kind vor den Taliban zunächst nach Pakistan, dann in den Iran geflohen. Im Sommer 2015 setzte der junge Mann alles auf eine Karte: 5000 Euro zahlte er Schleusern, die ihn und seine Mutter nach Europa lotsten. Seit Dezember 2015 wohnt er im Warngauer Flüchtlings-Container.

Adel wollte arbeiten und konnte dabei auf sein im Iran erworbenes Know-how bauen. Thomas Schneevoigt vom Helferkreis Warngau vermittelte ihm ein eintägiges Praktikum bei einer Münchner Schneiderei. „Die hätten ihn sofort genommen“, sagt Schneevoigt. „Es war aber zu früh“, sagt Adel in erstaunlich sauberem Deutsch. „Ich wollte erst eure Sprache lernen.“

Sieben Monate lang büffelte Adel, der nie eine Schule besucht hat, im Berufsschul-Zentrum Miesbach. Er durchlief Praktika und erntete von seinen Ausbildern nur Lob. Die Lehrer bestärkten ihn, sich nach einem Arbeitsplatz umzusehen. Adel marschierte ins Nachbardorf Osterwarngau und fing bei der Feintäschnerei Benno Marstaller an. „Adel brachte fundierte Vorkenntnisse mit“, sagt Firmenchef Josef F. Läuger. „Er ist sein Geld wert.“

Dann kam der 17. Dezember. Eine Woche vor Weihnachten öffnete Adel einen Brief vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), darin sein Asyl-Ablehnungsbescheid. Der erste Niederschlag. Zwei Tage danach verschärfte das Bayerische Innenministerium die Vorgaben für Arbeitserlaubnisse. Wer wie der Afghane Adel keine Bleibeperspektive hat, darf offenbar nur noch auf seine Abschiebung warten. Integrationsbemühungen, so argumentiert die Staatsregierung, sind überflüssig und einzustellen – für Adel der zweite Tiefschlag. Inzwischen wurde das Arbeitsverbot teilweise wieder aufgehoben. Ob Adel deshalb wieder arbeiten darf, ist allerdings noch alles andere als klar.

Acht Flüchtlinge in Warngau mussten ihre Jobs aufgeben

Wie viele abgelehnte Flüchtlinge hat der 29-Jährige Widerspruch gegen den Bescheid eingelegt; bis zu einer Entscheidung des Verwaltungsgerichts kann es Monate dauern. „Ich verstehe nicht, warum Adel bis dahin nicht weiterarbeiten darf“, sagt Schneevoigt vom Helferkreis. „Das war eine Arbeit, für die Steuern und Krankenversicherung bezahlt wurde.“ Inzwischen haben sich Helferkreise in ganz Oberbayern zusammengeschlossen, um gegen diese strenge Vorgabe des Innenministeriums zu protestieren.

Insgesamt acht Schützlinge des Warngauer Helferkreises mussten ihre Jobs aufgeben. Das Engagement der Helfer, das Entgegenkommen der Arbeitgeber – alles vergebens. „Es war ein gutes Jahr, wir bekamen viele Flüchtlinge in Jobs“, sagt Schneevoigt. „Und dann lässt das Innenministerium diese Bombe hochgehen.“ Anstatt einer Beschäftigung nachzugehen, schlagen die Flüchtlinge nun wieder Zeit tot im Container. „Die Gefahr, dass einige zu Alkohol greifen oder dass es Keilereien gibt, sie wird wieder größer“, glaubt Schneevoigt.

Adel kann das nicht, Zeit totschlagen. Er hat sich auf eigene Kosten in einem Holzkirchner Fitnessstudio angemeldet, die Nachmittage verbringt er in der Asylwerkstatt in Miesbach. Eine Rückkehr nach Afghanistan – er will gar nicht daran denken. „Die Taliban suchen gezielt Hazara und töten sie.“ Die Schwester lebt mit sechs Kindern in Kabul, in ständiger Todesangst. Ihr Mann und die beiden Brüder Adels versuchen im Iran, etwas Geld zu verdienen.

Beinahe hätte Adel im Iran sein Glück gefunden. Er verliebte sich in eine ebenfalls geflüchtete Hazara. Die Hochzeit war organisiert. Adel kam gerade vom Friseur, da tauchte der Vater der Braut auf, fuchtelte mit einem Messer. Auf einmal war ihm Adel nicht mehr gut genug für seine Tochter, die Hochzeit platzte. Adel wollte endlich raus aus dem Iran, was ohne Papiere legal unmöglich ist.

Die Iraner nutzen diese Zwangslage der Hazara aus und locken sie, für die Sache der Schiiten in den syrischen Krieg zu ziehen; wer kämpfe, der erhalte Papiere. „Eine Lüge“, sagt Adel. Ein Freund ließ sich ködern. „Nach zwei Monaten war er tot.“ Schließlich hatte der 29-Jährige genug Geld gespart, um die Schleuser nach Europa zahlen zu können. Seine zuckerkranke Mutter schleppte er mit; auch sie wohnt in Warngau – und muss mit dem Ablehnungsbescheid rechnen, den ihr Sohn schon kurz vor Weihnachten bekommen hat.

Adel hat viel investiert dafür, in Deutschland eine Chance zu bekommen. Der Arbeitsmarkt würde sie ihm geben. „Er nimmt niemand eine Stelle weg“, betont Firmenchef Läuger. „Im Gegenteil: Wir suchen Arbeitskräfte wie ihn.“

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