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Damit der Klang wieder strahlt: Wie Franz Höller die Orgel in seiner alten Heimat generalüberholt

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Von: Katrin Hager

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Mit dem Hammer und viel Gefühl: Franz Höller beim Intonieren einer der Pfeifen der Waller Orgel. Der Orgelbauer stammt aus Wall, leitet inzwischen aber in der Schweiz eine der renommiertesten Orgelbaufirmen.
Mit dem Hammer und viel Gefühl: Franz Höller beim Intonieren einer der Pfeifen der Waller Orgel. Der Orgelbauer stammt aus Wall, leitet inzwischen aber in der Schweiz eine der renommiertesten Orgelbaufirmen. © Thomas Plettenberg

Die Orgel gilt als Königin der Instrumente. Doch auch eine Königin braucht ab und zu eine Kur. In der Waller Pfarrkirche läuft eine solche gerade: Franz Höller, der eine der angesehensten Orgelbaufirmen der Welt führt, ist dafür in die alte Heimat gekommen. 

Wall – Auf den Emporen der Waller Pfarrkirche schaut es nach Baustelle aus. Werkzeug liegt herum, Eimer, eine Wanne, Lappen, Bürsten. Und reihenweise Pfeifen. Die Orgel auf der zweiten Empore ist weitgehend zerlegt. Was bereits zurückgebaut ist, steht gewissermaßen nackt im Rahmen da. Der Spieltisch ist weggerückt, damit die Orgelbauer ans Innenleben der Orgel kommen. Es sind nur wenige Quadratmeter, auf denen Franz Höller und Thorsten Kohlmann dieser Tage werkeln. Die beiden unterziehen die Orgel der Waller Pfarrkirche St. Margareth einer Generalüberholung. Eine anspruchsvolle Aufgabe: „Eine Orgel hat eine Seele, sie wurde für diesen Raum, für diese Leute produziert“, erklärt Höller. „Ein maßgeschneidertes Instrument.“

Für Höller, der mit einem Kompagnon zusammen seit 2016 das traditionsreiche Orgelbauunternehmen Mathis in der Schweiz führt, ist es eine besondere Baustelle: Er kommt aus Wall. Hier in St. Margareth hat er früher an der Trompete seine Mutter Christa an der Orgel begleitet. Irgendwann reifte die Entscheidung, selbst Orgelbauer zu werden.

Die Ausbildung hat Höller 2003 abgeschlossen – mit gerade mal 20 Jahren wurde er damals sogar Bundessieger. St. Margareth war in dieser Zeit eine Baustelle. Die Pfarrkirche wurde saniert, die Kirchengemeinde kaufte eine neue Orgel. 2004 war sie fertig. Auch wenn es keine Mathis-Orgel ist, übernimmt Höller die Wartung der Orgel in seinem Heimatort gern. Die Kirchengemeinde spart dadurch Kosten, weil der Orgelbauer den Einsatz mit einem Besuch bei den Eltern verbindet und keine Anfahrt berechnet. Seit eineinhalb Wochen werkelt Höller mit seinem Mitarbeiter in St. Margareth. Vater Martin Höller hilft fleißig mit.

Das Putzen ist kaum die halbe Arbeit

Die Putzarbeit haben die drei schon erledigt. Sie war bitter nötig, schildert Höller. Nicht nur Staub hat sich im Lauf der Jahre angesammelt. Die Kehle eines Zungenregisters hat Höller vor der Reinigung fotografiert: Das etwa zwölf Zentimeter lange Metallstück mit Hohlraum war bis oben hin voll mit toten Fliegen. „Da kommt kein Ton mehr“, erklärt Höller, „so eine Pfeife ist tot.“ In der Waller Orgel sind die Fliegen das Hauptproblem, fügt sein Mitarbeiter hinzu. Aber: „Es gibt Schlimmeres“, sagt Kohlmann, „manchmal finden wir auch Mäuse oder Fledermäuse.“ Oft auch Schimmel, wegen der meist feuchten Kirchengemäuer. Alle 20 Jahre etwa ist deshalb eine Generalüberholung fällig, wie sie nun in Wall läuft.

Die Pfeifen gehen baden: In einer Waschschüssel auf der Empore haben die Orgelbauer – hier Thorsten Kohlmann – die gut 700 Metallpfeifen einzeln gereinigt. 
Die Pfeifen gehen baden: In einer Waschschüssel auf der Empore haben die Orgelbauer – hier Thorsten Kohlmann – die gut 700 Metallpfeifen einzeln gereinigt.  © Thomas Plettenberg

Die Orgel ist dazu in ihre Einzelteile zerlegt worden. Die Pfeifen wurden von Hand gereinigt, Stück für Stück. Gezählt hat Höller sie nicht, aber berechnet: 870 Pfeifen hat die Waller Orgel, davon sind 166 aus Holz und bis zu 2,40 Meter hoch, der Rest aus einer Blei- und Zinnlegierung. Dabei ist Wall eine kleine Orgel. „Unsere größte steht in Görlitz“, sagt Höller. „Dort machen wir die gleiche Arbeit in drei Etappen mit je zwei Monaten – das ist ein ganz anderes Kaliber.“

Die Orgelbauer sind viel unterwegs

Die Holzpfeifen wurden mit dem Staubsauger ausgesaugt und feucht abgewischt. Die mehr als 700 Metall-Pfeifen hat Höllers Vater vorsichtig in einer Lauge mit handelsüblichem Allzweckreiniger gebadet. Ein paar Teile mit hartnäckigen Verunreinigungen liegen noch in Essig eingeweicht. Einige Lippenblätter wird Höller ganz erneuern müssen – die fein gebogenen Metallplättchen können nicht geschrubbt werden. Auch die ledernen Bälge, die Mechanikteile und die Feinelektronik wurden sauber gemacht und überholt. Am Spieltisch haben die Orgelbauer die abgegriffenen Tasten geschliffen. Die Pedale nehmen die Orgelbauer übers Wochenende mit in die Schweiz, um sie in der Werkstatt zu lackieren.

Dann sieht Höller auch seine Familie wieder. Der Vater von drei Kindern wäre gerne mehr daheim, doch Orgelbauer sind viel unterwegs. Das Hauptgeschäft liegt heutzutage auf der Wartung. Selbst eine international angesehene Firma wie Mathis, deren Orgeln bis aus Taiwan nachgefragt werden, baut in der Werkstatt im Schnitt nur noch ein Instrument pro Jahr neu. Schrumpfende Kirchengemeinden leisten sich keine kostspieligen neuen Orgeln, und der Bedarf für Konzertsäle ist auch überschaubar. Zumal die Instrumente auf eine Lebensdauer von 100 bis 200 Jahren ausgelegt sind. Nur etwa eine Handvoll Unternehmen in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz baut noch neue Orgeln – das war auch der Grund, weshalb es Höller als jungen Orgelbauer zu Mathis zog. Zehn Jahre war er dort angestellt. Als der Chef aufhörte und sich kein Orgelbau-Nachfolger in der Familie fand, übernahm Höller den Betrieb gemeinsam mit einem Kollegen, Hubert Stucki.

Stück für Stück wird zusammengesetzt

In Wall dürften die Arbeiten noch ein bis zwei Wochen dauern. Denn der aufwendigste Teil hat nach dem Großputz erst begonnen: die Intonation. Wenn die Orgel Stück für Stück wieder zusammengesetzt wird, wird jede Pfeife neu eingestellt. Bei den Metallpfeifen klopft der Orgelbauer mit einem zierlichen Hammer die Kanten zurecht, an denen sich die durchströmende Luft zum Ton bricht. „Da wird alles hinterfragt und neu eingestellt“, erklärt Höller. Jeder Ton wird einzeln kontrolliert, abgestimmt und wieder kontrolliert – erst oben auf der Orgelempore, später unten im Kirchenraum, wo ja die eigentlichen Zuhörer sitzen. Eine Arbeit, die allein nicht geht.

In den letzten ein bis zwei Tagen wird das Instrument dann generalgestimmt. „Das ist nicht schön für Außenstehende“, sagt Höller und lacht kopfschüttelnd. Bei größeren Renovierungen habe mancher Kirchenmaler da schon die Flucht ergriffen. Die Orgelbauer brauchen dabei schon mal Gehörschutz – nicht in kleinen Orgeln wie in Wall, aber in großen etwa in Domkirchen. Ein feines Gehör ist im Instrumentenbau unerlässlich.

Wenn Kirchenorganist Jakob Weiland oder Höllers Mutter in Tasten und Register greifen und die Orgel dann ihren frisch aufpolierten Klang entfaltet, wird die Musik wieder den ganzen Körper durchdringen. „Das ist das schöne an der Orgel“, sagt Höller: „Man kann sie nicht nur hören, sondern auch spüren.“

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ag

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