Einschlagendes Erlebnis: Ein Eisbrocken, der von einem Flugzeug stammte, hat Ende 2019 das Dach samt Solarpanel am Hof von Familie Weingand durchschlagen. Landwirt Josef Weingand und sein Sohn Josef zeigten damals die Reste des Brockens (Archivbild).
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Einschlagendes Erlebnis: Ein Eisbrocken, der von einem Flugzeug stammte, hat Ende 2019 das Dach samt Solarpanel am Hof von Familie Weingand durchschlagen. Landwirt Josef Weingand und sein Sohn Josef zeigten damals die Reste des Brockens (Archivbild).

Airline übernimmt Schaden

Eisbrocken von Flugzeug durchschlägt Dach in Wall: Nicht der einzige Fall in der Region

  • vonKatrin Hager
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Vor gut einem Jahr durchschlug auf dem Hof von Familie Weingand in Schmerold bei Wall ein Eisbrocken das Dach. Er stammte von einem Flugzeug. Und das war nicht der einzige solche Fall in der Region.

Wall – Es war ein eher milder Wintertag zwischen den Jahren. Am 28. Dezember 2019, einem Samstag, kam der Schlag quasi aus heiterem Himmel, Hagel oder andere Wetterkapriolen ausgeschlossen. Mittags – die Photovoltaikanlage zeigte um 12.17 Uhr den Fehler an – durchschlug ein Eisbrocken das Dach der Tenne am Hof der Familie Weingand in Schmerold bei Wall, samt Solarpaneel. Gegen 16 Uhr wollte Josef Weingand auf seinem Hof, wo er 25 Kälber hält, in der Tenne Heu holen. Da sah er es: Im Dach klaffte ein großes Loch, darunter lagen zwei dicke Eisbrocken. Es war wohl ein einzelner, der an einem Aluträger zerbarst.

Weingand dachte sofort an ein Flugzeug als Ursache: „Das war mir klar, dass das nicht von einem Vogel kommt.“ Die Splitter der Solaranlage lagen überall im Heu, das der Nebenerwerbslandwirt und Kfz-Mechaniker entsorgen musste. „Ich kann meinen Viechern ja keine Glassplitter zum Fressen geben, und die kriegt man da ja nie wieder raus.“

Als die Polizei ihn zunächst abwimmelte, war Weingand erst mal ratlos und wandte sich an unsere Zeitung. Bei den Recherchen wurde schnell klar, dass die Polizei doch zuständig ist, wie aus einem Infoblatt des Luftfahrt-Bundesamts deutlich wurde, das darin wiederum klarstellt, dass es selbst nicht zuständig sei. Auch eine Spur zur Ursache fand sich: ein Flug von Austrian Airlines von London nach Innsbruck. Der Airbus passierte zum fraglichen Zeitpunkt Schmerold.

Das bestätigten schließlich auch die Ermittlungen der Polizei: Wie Weingand auf Nachfrage berichtet, erklärte sie ihm später, dass der Eisbrocken sich wohl durch Feuchtigkeit aus der Atemluft gebildet habe, die beim Ausleiten aus der Kabine unter bestimmten Witterungsbedingungen gefrieren könne. Aus dem Toilettensystem stammte es jedenfalls nicht: „Das war reines, sauberes Eis“, es roch nicht nach Chemikalien.

Dach und PhotovoltaikAnlage sind wieder repariert. Josef Weingand ist froh, dass die Fluggesellschaft für den Schaden gerade stand.

Weil Eisablagerungen am Flugzeug dessen Flugeigenschaften beeinträchtigen, was im schlimmsten Fall bis zum Absturz führen könnte, verfügen Flugzeuge über Systeme, die Eisablagerungen an neuralgischen Stellen abplatzen lassen. „Der Pilot muss sogar noch eine Anfrage dazu an den Tower gemacht haben, der das dann genehmigt“, hat sich Weingand gemerkt.

Das geschah wohl just über Schmerold. „Aus fünf, sechs Kilometern Höhe kann der Pilot natürlich nicht genau sagen, wo der Brocken hinfällt“, sagt Weingand. Normalerweise sollten aber auch keine so großen Brocken niedergehen beziehungsweise am Boden ankommen.

Appell: Konsequenzen aus solchen gefährlichen Vorfällen ziehen

Weingand brauchte mehrere Wochen, bis er seitens der Fluggesellschaft die richtige Ansprechpartnerin gefunden hatte. Seinen Schaden – knapp 3900 Euro, inklusive 105 Euro für den Ausfall an Stromerlös – hat die Airline in Weingands Fall beglichen. Das war dem Waller wichtig: dass ein Verursacher gefunden wird und selbst für den Schaden geradesteht. Die Zusage der Gebäudeversicherung, den Schaden auf Kulanz zu übernehmen, nahm er lieber nicht in Anspruch – nicht, dass das bei einem späteren regulären Schaden unerfreuliche Konsequenzen hätte.

Die Airline teilt auf Anfrage mit, man habe sich aus Kulanz außergerichtlich geeinigt, ohne Klärung der Schuldfrage. „Ob unsere Maschine überhaupt der Urheber in dieser Sache war, ließ sich nicht feststellen. Es war allerdings auch nicht auszuschließen“, schreibt ein Sprecher.

Nicht nur Gutes kommt von oben: So oft krachen Flugzeugteile vom Himmel

Der 46-Jährige würde sich schon wünschen, dass für die Flugpraxis mal genauere Untersuchungen angestellt werden, wie es zu solchen Vorfällen kommt und wie man sie besser ausschließen kann. Meldungen über Eisbrocken von Flugzeugen gibt es immer mal wieder – stets aus Einflugschneisen von Flughäfen. Dass niemandem etwas passiert ist, war auch im Warngauer Ortsteil Wall reiner Zufall. „Wenn es systemisch bedingt zu solchen Eisablagerungen kommen kann, müsste man sich doch drum kümmern.“ Weingand selbst hat dennoch kein mulmiges Gefühl, wenn er heute in den Himmel schaut und dort einen Flieger entdeckt. „Die Wahrscheinlichkeit, dass so was passiert, ist schon sehr gering“, sagt er. „Vielleicht sollte ich mal Lotto spielen.“

Ähnlicher Fall im nahen Schweinthal bei Miesbach

Nur wenige Kilometer entfernt von Wall, in Schweinthal, hat elf Jahre vor dem Vorfall von Schmerold ebenfalls ein Eisbrocken eingeschlagen, der nur von einem Flugzeug stammen konnte. Marianne Bauer erinnert sich noch lebhaft an jenen warmen Sommertag im Juni 2008: Sie war gerade in der Küche, ihr Sohn Helmut stand auf der Terrasse, sprach mit dem Nachbarn, als es aus heiterem Himmel einen Schlag tat.

Sie dachte erst, es sei irgendwo ein Reifen geplatzt. Doch in der Wiese, keine Armlänge entfernt von dort, wo ihr Sohn stand, lagen die Bruchstücke eines mindestens kindskopfgroßen Eisklumpens. „Wenn er einen Schritt getan hätte...“ Der Nachbar wies sie darauf hin, dass das Dach des Hauses durchschlagen sei. Der Brocken war dabei wohl zerbrochen. Das Eis, das sie zu Beweiszwecken in einem Beutel ins Gefrierfach steckten, roch nach Chemikalien.

Marianne Bauer, damals 64 Jahre alt, rief die Polizei. Die dachten offenbar erst, die Frau am Apparat hätte einen Dachschaden im übertragenen Sinne. Als sie sie überzeugt hatte, dass sie ihre Sinne schon beisammen hat, kam die Kripo. Von welchem Flugzeug der Brocken stammte, konnte im Fall der Bauers nicht ermittelt werden. Den Schaden in Höhe von 400 Euro beglich die Gebäudeversicherung.

Was fällt da Ekliges vom Himmel? Mysteriöser Brocken trifft Auto in Augsburg 

ag

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