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So sieht’s aus: In der Warngauer Unterkunft – hier der Gemeinschaftsraum mit Küchenzeile – wohnen seit einem Monat 47 Asylbewerber. Ein Tag der offenen Tür wie in Valley hatte wie berichtet wegen Zeitnot mehr nicht stattfinden können.

Interview

Wie läuft's in der Warngauer Asylbewerber-Unterkunft?

Warngau - Vor einem Monat sind 47 Menschen in der neuen Sammelunterkunft für Asylbewerber in Warngau eingezogen. Wie es seither läuft, verrät Andrea Anderssohn vom Helferkreis im Interview.

Sie kamen aus der Notunterkunft in der Tegernseer Turnhalle und sind nun froh, in Zwei- bis Vier-Bett-Zimmern endlich mehr Privatsphäre zu haben: 47 Personen, davon sieben Frauen und ein 13-jähriger Bub, aus Nigeria, Somalia, Sierra Leone, dem Senegal, dem Kongo und Syrien sind vor einem Monat in der neuen Asylbewerber-Unterkunft in Warngau eingezogen, die Platz für 52 Menschen bietet. Der Landkreis hatte dafür wie berichtet Container neben dem Pfarrhof aufgestellt. Inzwischen geht es an die Integration: Rund 80 Bürger engagieren sich dazu ehrenamtlich im Asyl-Helferkreis. Zu ihnen zählt Sprecherin Andrea Anderssohn, die für die Grünen im Gemeinderat sitzt und jetzt eine erste Bilanz zog. Wir haben bei ihr nachgehakt. 

Fotos: Flüchtlingsunterkunft in Warngau

Flüchtlingsunterkunft in Warngau - Fotos

Wie ist es im ersten Monat seit dem Einzug in der neuen Unterkunft gelaufen? 

Es klappt wirklich hervorragend. Wenn es kleinere Probleme gab, wurden sie untereinander und ohne Streit geklärt. Es ist auch sauber, jedes Mal, wenn ich komme – und das ist unangekündigt. Wir haben uns das System mit Farb-Gruppen, die für eigene Bereiche zuständig sind, in Valley abgeschaut. Dort hatte es der zuständige Sachbearbeiter im Landratsamt, Michael Riesenthal, entwickelt. Das funktioniert sehr gut. 

Die Deutschkurse, die Ehrenamtliche geben, sind inzwischen auch angelaufen. Wie ist die Nachfrage? 

Die Resonanz ist riesig. Es lernen immer fünf in einer Gruppe. Jeder, der möchte, kann dreimal pro Woche in den Sprachkurs gehen, am Dienstag, Mittwoch und Freitag. Viele haben schon gefragt, warum es nicht noch mehr ist. Geplant sind verschiedene Level, einige sprechen schon gut Deutsch. Aber das wird noch eine Zeit dauern, bis man sieht, wer gut zusammenpasst. Wichtig ist vor allem nicht nur Frontalunterricht, sondern dass sie das Gelernte in Kleingruppen immer wieder einüben. 

Im Gemeinderat haben Sie erzählt, dass es ein Bub gar nicht erwarten konnte, in die Schule zu gehen. Was war denn da los? 

Er ist 13 Jahre alt und lebt mit seinem erwachsenen Bruder in der Unterkunft. Ich hatte ihm erklärt, dass er noch nicht zur Schule gehen darf, weil er noch nicht lange genug in Deutschland ist – zu diesem Zeitpunkt war die Info, dass er erst seit Ende November hier ist. Da stand er vor mir mit Tränen in den Augen. Dann hat sich herausgestellt, dass er schon seit Mitte Oktober da ist, und ich habe Kontakt zu Teresa Meineke (Leiterin der Grundschule Warngau, Anm. d. Red.) aufgenommen. Er soll bis zum Zwischenzeugnis erst mal in die Grundschule gehen, damit die Lehrer auch beurteilen können, in welcher Klasse er am besten aufgehoben wäre. Er wollte aber nicht in die Grundschule, sondern gleich zu den Großen. Also ist er eines Morgens mit in den Schulbus eingestiegen, ist den anderen Kindern nachgelaufen und hat sich in eine Klasse in der Holzkirchner Mittelschule gesetzt. Das Sekretariat hat uns dann angerufen, dass er dort ist. Inzwischen kann er schon Deutsch lesen, auch wenn er noch nicht versteht, was dort steht. Er hat sich das mit dem Handy selbst beigebracht. Ich glaube, wir werden von ihm noch einiges hören (sie schmunzelt). Der ist nicht nur aufgeweckt, sondern hoch motiviert und zeigt Eigeninitiative, das beeindruckt mich sehr. 

Und wie hat sich die Stimmung im Ort entwickelt? Es gab ja auch Kritiker in der Nachbarschaft. 

Was es an negativer Stimmung gibt, kommt bei mir nicht so direkt an, weil die Leute ja wissen, wie ich denke. Mir ist aber bisher nichts Negatives zugetragen worden. Mit einem Nachbarn haben wir kurz nach dem Einzug gesprochen und ihm die Strukturen des Helferkreises erklärt, damit er weiß, dass er nicht alleine dasteht, wenn irgendetwas wäre. Er könnte sich jederzeit an Pfarrer Gottfried Doll oder mich wenden. Ich habe den Eindruck, das ist gut so. 

Nach den Übergriffen an Silvester in Köln wirkt die Stimmung gegenüber Flüchtlingen momentan ja allgemein sehr aufgeheizt. Hat sich das in Warngau bemerkbar gemacht? 

Glücklicherweise geben die Menschen bei uns keinen Grund und Anlass dazu, sauer auf sie zu sein. Und je mehr die Leute Kontakt zu den Asylbewerbern haben und auch sehen, die sind freundlich und dankbar und bemühen sich um Integration, umso besser wird es. 

War die Vorbereitung der Helfer auf die Asylbewerber also gelungen? Oder müssen noch Dinge nachjustiert werden? 

Wir konnten uns rechts und links schon vieles abkucken, bei den Helferkreisen in den Nachbargemeinden. Aber das wird sich immer entwickeln. Einige Angebote, wie Hilfe beim Einkaufen, haben sich ja nach einer Woche erledigt. Dafür tun sich dann andere Bereiche auf. Demnächst wollen wir uns im Landratsamt erkundigen, wer arbeiten darf und gute Aussichten hat, bleiben zu dürfen. Dann wollen wir Kontakt zu Firmen aufnehmen. Auch die Freizeitgruppe hat gerade angefangen. Sie bietet Sport an und wird sicher auch mal zum Skifahren gehen, es gibt aber auch einen Filmabend, Kochen und einen Nähkurs. Zwei Asylbewerber wollen ab nächster Woche im Kirchenchor mitsingen. Uns ist wichtig, viel rauszugehen aus den Containern. Dort soll wirklich nur der private Rückzugsraum sein.

Von Katrin Hager

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