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2017 war ein Wahnsinns-Jahr für ihn: Nun kommt Pianist Amadeus Wiesensee aus Waakirchen zum traditionellen Advents-Konzert nach Warngau. 

Pianist Amadeus Wiesensee im Interview zu einem Hammer-Jahr

Jungstar am Klavier spielt in der Heimat: Ein Interview mit Amadeus Wiesensee

Schon mit zwölf war er ein Ausnahmetalent am Klavier. Jetzt macht Amadeus Wiesensee (24) Karriere und kehrt doch für ein Konzert in seine Heimat zurück. Ein Interview über sein Hammer-Jahr und das Heimkehren.

Warngau – Der junge Pianist, der in Waakirchen aufwuchs und 2012 Abitur am Gymnasium Tegernsee machte, hat heuer gleich mehrere große Schritte getan: Amadeus Wiesensee eröffnete den Nymphenburger Sommer, besuchte eine Meisterklasse beim Oxford Piano Festival, trat beim Schleswig-Holstein Musik-Festival und den Bayreuther Festspielen auf und gab sein Italien-Debüt in Bologna. Am Samstag, 9. Dezember 2017, um 19 Uhr tritt er wieder mit „Klassik im Advent“ im Warngauer Altwirtssaal auf.

Sie haben ja ein Wahnsinns-Jahr hinter sich. Was war denn Ihr persönliches Highlight 2017?

Amadeus Wiesensee: „Zum einen das Eröffnungskonzert des Nymphenburger Sommers, da ist ein ganzer Bus vom Tegernsee nach München gefahren. Das war für mich ein sehr wichtiges Konzert – und ich war von so vielen Freunden umgeben. Dass die vhs Waakirchen das organisiert hat, das hat mich sehr bewegt. Ein zweites Highlight war die Begegnung mit Dame Fanny Waterman. Sie ist 97 Jahre alt und hat mit dem Leeds-Klavierwettbewerb einen der wichtigsten Klavierwettbewerbe überhaupt gegründet. Sie hat mich beim Oxford Piano Festival eingeladen, sie in Leeds zu besuchen. Vorige Woche haben wir in ihrem Haus zusammen gearbeitet. Sie hört noch sehr, sehr gut und kann auch noch unterrichten. Sie kommt aus einer ganz anderen Epoche: Sie hat alle großen Pianisten des vorigen Jahrhunderts selbst erlebt, hat sogar Sergei Rachmaninow spielen gehört. Mit so jemandem arbeiten zu können und ein ganzes Jahrhundert perspektivisch zu erleben – das hat mich berührt.“

Eine eindrucksvolle Künstlerpersönlichkeit.

Amadeus Wiesensee: „Ja, von solchen Menschen lernt man wahnsinnig viel. Sie kennen sich auch selbst sehr gut, mit allen Licht- und Schattenseiten. Das ist eine Aufgabe, vor der jeder steht: sich sich selbst zu stellen, sich mit sich selbst zu konfrontieren.“

Das klingt schon sehr philosophisch – von BR Klassik wurden Sie ja schon „der Philosoph am Klavier“ genannt und haben auch Philosophie studiert. Wie gehen Sie eigentlich an Werke ran, die Sie sich erschließen wollen?

Amadeus Wiesensee: „Prinzipiell gar nicht so anders als andere Kollegen. Die Philosophie wirkt auf so fundamentaler Ebene, dass man das nicht auf Details in Arbeitsmethoden beschränken kann. Es ist eine Frage der geistigen Einstellung und wirkt auf charakterlicher Ebene, dass man sich die Neugierde behält. Über die Frage, woher die Philosophie kommt, haben ja schon viele Philosophen gestritten. Es heißt, Philosophie sei aus dem Staunen über die Welt geboren. Insofern sind Kinder die besten Philosophen. Ich finde, man sollte danach streben, sich ein Gemüt kindlicher Neugier zu bewahren. Philosophie bedeutet aber auch, sich zu wundern – sich zu fragen, warum die Welt so ist, wie sie ist, sie zu hinterfragen. In der Musik gibt es die Ansicht, wie sie Gustav Mahler mal in einem Satz beschrieben hat: „Tradition ist Schlamperei.“ Das kann man so natürlich auch nicht ganz sagen, denn natürlich haben Aufführungstraditionen ihren Sinn. Es ist ein Spannungsfeld, in dem man sich da bewegt. Man kennt ein Stück vielleicht von alten Aufnahmen großer Pianisten. Da kann man sich fragen: Woher kommt die Magie des Werks? Und welche Aufführungstraditionen haben vielleicht wenig mit dem ursprünglichen Werk zu tun? Ich bin aber kein Bilderstürmer (er lacht), ich sehe mich eher in der Rolle eines Vermittlers.“

Und welche Stücke haben Sie für das Konzert in Warngau ausgesucht?

Amadeus Wiesensee: „Am Anfang spiele ich eine eher frühe Schubert-Sonate in a-Moll. Sie ist für das Publikum nicht so leicht zu verdauen: Sie ist von einer angstdurchsetzten Atmosphäre geprägt, radikal und extrem. Und sie endet im gnadenlosesten a-Moll, das man sich vorstellen kann. Das zweite Stück spiele ich zusammen mit Amelie Böckheler, Brahms’ Violinsonate in A-Dur – vermutlich die zärtlichste, die man von Brahms finden kann. Sie ist von Optimismus und Glück durchtränkt. Ich wünsche mir, dass diese Kontrastierung beide Stücke umso besser zur Geltung bringt. Zum Schluss kommt die C-Dur-Fantasie von Schumann, eines der Hauptwerke der Romantik, das mir unheimlich nahesteht. Es ist ein einziger Liebesschrei Schumanns nach seiner Geliebten Clara, die ihm immer wieder entzogen wurde, bis sie schließlich doch noch heiraten konnten. Leidenschaft und Sehnsucht fließen da eine halbe Stunde lang durch. Darauf freue ich mich schon sehr. Ich komme immer wahnsinnig gern nach Warngau zurück.“

Ist die Nähe zum Publikum dort besonders?

Amadeus Wiesensee: „Ja. Die Bühne ist nicht so abgesetzt wie sonst meistens. Und Warngau ist auch für mich immer ein schöner Auftakt für den Advent.“

Sie leben ja inzwischen in München, und auch Ihre Eltern sind aus Waakirchen fortgezogen. Bedeutet das Konzert für Sie trotzdem noch ein Heimkommen?

Amadeus Wiesensee: „Auf jeden Fall, ja. Ich habe meine ganze Kindheit und Jugend in der Umgebung des Tegernsees verbracht. Und jedes Jahr, seit vielen Jahren, spiele ich in Warngau. Eine solche kindliche und jugendliche Prägung verlässt einen ein Leben lang nicht. Und im räumlichen Sinne ist es natürlich auch ein Gefühl von Heimat, auch wenn ich mich in München sehr wohl fühle. Heutzutage verschlägt es ja viele nach der Schule in die Weltgeschichte. Aber mein bester Freund wohnt noch am Tegernsee. Ich sehe Warngau nicht als Pflicht, weil ich hier meine ersten Schritte getan habe. Ich freue mich immer darauf.“

Das klingt, als könnten wir auch in Zukunft noch mit Ihnen rechnen, wenn es der Terminkalender zulässt?

Amadeus Wiesensee: „Ja. Ich kann sicher sagen, dass das für mich ein Fixpunkt am Ende des Jahres ist.“

Und wie geht’s für Sie weiter? Stehen im nächsten Jahr auch wieder solche Highlights an wie 2017?

Amadeus Wiesensee: „Ich habe heuer im Juni den Bachelor abgeschlossen, 2019 will ich den Master machen. Von Konzerten her stehen zwei besondere für mich an. Im Mai gebe ich mein Debüt beim Klavier-Festival Ruhr, dem wichtigsten Klavierfestival in Deutschland. Das ist eine ganz große Ehre für mich, dort zu spielen. Und ich freue mich auf mein Debüt in London. Ich spiele dort in der Kirche St Martin-in-the-Fields, eine sehr sozial engagierte Kirche, die mitten im Londoner Leben steht.“

Vorverkauf

Karten für das Konzert von Amadeus Wiesensee in der Reihe „Kultur in Warngau“ am 9. Dezember gibt es noch zu 18 Euro im Vorverkauf bei der Gemeinde Warngau, bei der Raiffeisenbank-Filiale in Warngau und bei der Metzgerei Killer in Wall - allerdings nicht mehr allzu viele, wer dabei sein will, sollte sich das Ticket also bald reservieren.

Katrin Hager

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