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Ihre Kindlichkeit hat sich Claudia Brodzinska-Behrend bewahrt. Am Dienstag wird sie 80 Jahre alt.

„Altwerden ist eine kostbare Zugabe“

Porträt zum Geburtstag: Claudia Brodzinska-Behrend wird 80

Pünktlich zu ihrem 80. Geburtstag ist Schauspielerin und Sprecherin Claudia Brodzinska-Behrend aus Wall kraftvoll, energiegeladen und messerscharf wie eh und je zurück. Ein Porträt.

Wall Es waren die Waller Brettlhupfer mit ihrem „Gespenst von Canterville“, die „ihre“ Claudia Brodzinska-Behrend überzeugt haben, dass sie – und nur sie – die prophezeiende Stimme aus dem Off zu Beginn und zum Ende des Stücks sprechen könne. Sie hatten Recht. Denn es dürfte schwerlich jemand zu finden sein, der seine Stimme so akkurat messerscharf einsetzen, sie als Instrument beherrschen und Texten so neue Dimensionen eröffnen kann wie Claudia Brodzinska-Behrend. Nicht umsonst war sie Zeit ihres Künstlerlebens als „voce humana“ bekannt – und das weltweit. Damals als sie in den 1960er Jahren mit ihrem Mann Siegfried Behrend, im Auftrag des Goethe-Instituts als Botschafter deutscher Kultur um die Welt tourte.

Angefangen hatte Claudia Brodzinskas Karriere schon viel früher: „Ich wusste schon mit sieben Jahren, was in mir steckt, und weil ich verständnisvolle Lehrerinnen hatte, geriet meine gesamte Schulzeit zum Theater. Man ließ mich gewähren“, erzählt die gebürtige Berlinerin lachend.

Aus einer kaufmännischen Lehre konnte sie schnell ausbrechen, weil die bekannte Schillertheater-Schauspielerin Hilde Körber (Gattin von Veit Harlan) sie bei einem Wettbewerb unter 370 Elevinnen entdeckte und ihrem Sohn, Autor und Regisseur Thomas Harlan, für die Hauptrolle im Ghetto-Stück „Ich selbst und kein Engel“ empfahl. Das war 1958 nach dem Besuch der Max-Reinhard-Schauspielschule. Brodszinska-Behrend spielte den elfjährigen, jüdischen Jungen Dovidl. Wie sie die Rolle anlegte, galt als Sensation in Berlin, und kein Mensch wusste damals, dass inoffiziell Veit Harlan Regie für das Stück führte. „Er hat Unbeschreibliches aus mir herausgeholt. Und für mich war es eine regelrechte Metamorphose“, erklärt Brodzinska-Behrend ihre damalige Wandlung vom rundlichen, langhaarigen Mädchen zum knabenhaften Kind. Daraufhin nahm sie Rudolf Loewenthal unter Vertrag, der ihr eine Fernsehrolle nach der anderen vermittelte. Außerdem spielte sie am Schillertheater – unter Boleslaw Barlog. Über ihre Darstellung der Schülerin in seinem Drama „Die Unterrichtsstunde“ sagte Autor Eugène Ionesco selbst, dass sie besser sei als die in der Inszenierung, die jahrelang in Paris auf dem Plan stand.

„Die Unterrichtsstunde“ war ohnehin schicksalhaft für die junge Schauspielerin. Bei einer Aufführung lernte sie Sigi Behrend kennen, der bis dato mit der bekannten Folksängerin Belina um die Welt getourt war. Mit seiner späteren Frau an seiner Seite entwickelte Behrend ein experimentelles Programm für Gitarre und Stimme, für das weltbekannte Komponisten wie Sylvano Bussotti und Isang Yun avantgardistische Wortabenteuer schrieben – heute noch zu bestaunen auf Youtube. In neun Sprachen hat Brodzinska-Behrend ihre Stimme weltweit zum Klingen gebracht. Heute sagt sie: „Man soll im Leben genau das machen, was man will. Aber jede Entscheidung sollte bewusst fallen.“

Nachdem ihr Mann 1990 starb, konzentrierte sich Brodzinska-Behrend auf die Kulturszene ihrer Heimat: Zusammen mit Carla von Branca und Isabella Krobisch brachte sie in Miesbach „Der kleine Prinz“ auf die Bühne, bestritt Lesungen mit Flötistin Gabriele Henn und gestaltete in der Waller Kirche mit Harfenistin Balbina Hampel eindringliche Lesungen von Gebeten und Psalmen. „Ich war immer auf der Suche nach Gott. Hier in Wall habe ich ihn vor 40 Jahren gefunden“, sagt Brodzinska-Behrend , die sich als „evantholisch“ bezeichnet, weil ihr Franz von Assisi, Albert Schweitzer und Johann Sebastian Bach persönliche Schutzengel waren. „Für mich besteht das Leben aus Wundern“, sagt sie und strahlt. „Auch wenn sich im Alter die Seele vertieft: Dadurch, dass ich kindlich geblieben bin, bin ich empfänglich für Wunder. Damit waren meine bisherigen 80 Jahre segensreich.“

So sehr, dass sie sich und ihren Freunden mit Hilfe der Waller Brettlhupfer zum Geburtstag die Lesung des Kunstmärchens „Der eigensüchtige Riese“ von Oscar Wilde auf CD zum Geschenk macht, die es nicht öffentlich zu kaufen gibt. Diese „erschütternde, wunderbare“ Christusgeschichte habe die alte Leidenschaft, die nie erloschen war, neu entflammt. „Wissen Sie, das Leben ist ein Schauspiel und das Altwerden eine kostbare Zugabe. Wenn Du Glück hast, darfst Du eine geben. Und die muss dann besser werden als alles andere, was Du jemals vorher gemacht hast.“

Alexandra Korimorth

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