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Johann Staudinger kämpft um seine Kapelle, die er verstorbenen Angehörigen widmen will. Den Behörden ist sie ein Dorn im Auge. 

Behörden: Muss sofort weg

Verrückt: Warngauer baut diese illegale Kapelle mitten in den Wald

Für den Bauherren ist es eine Waldkapelle – für die Behörden ein Schwarzbau, der weg soll: Was hinter der absurden Geschichte steckt, die bald Gerichte beschäftigen wird:

Warngau – Es war einmal ein Stadel, den Austragsbauer Johann Staudinger in sein Waldgrundstück zwischen Bürg und Wall baute. Vor etwa eineinhalb Jahren war das. Jetzt ist es seine Waldkapelle. Warum er erst den Stadel und dann die Kapelle ohne Genehmigung mitten im Wald – weit im Außenbereich – errichtet hat, erklärt er so: „Das Grundstück ist mein Austrag, ein anderes habe ich nicht.“ Vor etwa einem Jahr habe er begonnen, den früheren Stadel zur Kapelle umzubauen. Sein Plan B, das räumt er ein, nachdem ihn jemand bei den Behörden hingehängt habe. 

Inzwischen sitzt auch ein kleiner Turm auf dem Dach, der Spengler sei aber noch nicht da gewesen. „Ich hab fast alles selber gebaut, mit dem, was ich zur Verfügung hatte.“ Innen hat er mit der Ausstattung begonnen. Eine Marienstatue vom Hof der Familie hat er hineingestellt, „damit man weiß, wo die Kapelle dazugehört“. Eigentlich hätte er seine Marienkapelle nächstes Jahr an Mariä Himmelfahrt einweihen lassen wollen. Die Ablehnung der Behörden versteht Staudinger nicht. „Eine Waldkapelle ist doch etwas schönes.“

Mit der Ausstattung des Innenraums hat der Erbauer inzwischen begonnen. 

Die Behörden sehen die Sache ganz anders: Schon der Stadel wurde ohne Genehmigung errichtet, der Name Kapelle macht es für sie auch nicht besser. Das Landratsamt hat den Abriss angeordnet: Der Bau sei „nicht als Kapelle konzipiert und entspricht auch nicht dem Wesen einer Kapelle“, teilt das Landratsamt gegenüber unserer Zeitung mit. Auch mit dem Versuch, eine Kapelle nachträglich mit Bauanträgen zu legalisieren, biss Staudinger auf Granit. Das Landratsamt sieht dafür im Wald, anders als direkt am Hof, keine baurechtliche Möglichkeit. Privilegiert sei Staudinger als Austragsbauer auch nicht.

Auch der Warngauer Gemeinderat winkte ab. Beim ersten Antrag auf eine „Hauskapelle“ fehlte schon der Bezug zum Hof der Familie, der 1200 Meter entfernt liegt. Und auch der zweite Antrag unter dem Titel „Waldkapelle“ fand keine Zustimmung. „Das Landratsamt sieht definitiv keine Möglichkeit für Baurecht“, erklärte Bürgermeister Klaus Thurnhuber (FWG). „Wir können nicht gegen das Baurecht entscheiden.“ Das Landratsamt als zuständige Genehmigungsbehörde würde einen rechtswidrigen Beschluss des Gemeinderats ansonsten aufheben. 

Kritik an Landratsamt: „Da dürftest du Neuschwanstein heute auch nicht mehr bauen“

Zwar gab es durchaus kritische Stimmen. „Wenn man vor 100 Jahren auch so geurteilt hätte, würden viele Kapellen nicht stehen“, wandte etwa Engelfried Beilhack (CSU) ein. Die Kapelle habe weder Strom noch Wasser- oder Abwasseranschluss. „Wen stört das?“ Sein Fraktionskollege Adolf Schwarzer merkte an: „Da dürfest du Neuschwanstein heute auch nicht mehr bauen.“ Dennoch lehnte die Mehrheit den Antrag mit 12:4 Stimmen ab. „Man muss als Gemeinde auch ehrlich sein und nicht nur pro Forma zustimmen im Wissen, dass der Beschluss aufgehoben wird“, sagt Thurnhuber auf Nachfrage. „Die Schneid müssen wir haben.“

Staudinger empfindet die Entscheidung als herbe Enttäuschung. Die Kapelle, erklärt er, hat für ihn eine sehr persönliche Bedeutung: als Gedenkkapelle an neun verstorbene nahe Angehörige. Allein fünf seiner Geschwister nahmen sich das Leben. Ob das Gremium dazu nun befugt sei oder nicht: „Mir wäre wichtig gewesen, dass der Gemeinderat zustimmt, wenn man sich diese Familientragödie anschaut.“ Thurnhuber ist da jedoch skeptisch: „Wenn er mit diesem Grundgedanken von Anfang an gekommen wäre, hätte sich das glaubwürdig angehört“, meint der Bürgermeister. „Jetzt macht es das schwer, seine Geschichte zu glauben.“

Das ist auch Staudinger bewusst: „Mein Fehler war, dass ich erst eine landwirtschaftliche Schupf gebaut hab.“ Mit der Beseitigungsanordnung will er sich dennoch nicht abfinden. „Ich habe dagegen beim Verwaltungsgericht Klage eingereicht.“ Große Hoffnungen, dass seine Kapelle noch den baurechtlichen Segen bekommt, habe ihm zwar auch sein Anwalt nicht gemacht. Aber aufgeben will Staudinger nicht. Vielleicht könnte er auch einen Freundeskreis gründen. „Die Kapelle kommt nur über meine Leiche weg“, sagt er.

Katrin Hager

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