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1975 kollidierten bei Warngau zwei Züge.

Damals starben 43 Menschen

Nach Zugunglück: Zeugen erinnern sich an Warngau '75

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Warngau - Als der Kraillinger Wilhelm Mahler am Dienstag vom Zugunglück bei Bad Aibling hörte, bekam er weiche Knie. Er saß 1975 in einem Eilzug, der bei Warngau mit einem anderen Zug zusammenprallte - und hat jetzt schlimme Erinnerungen.

Es gibt nicht viele Tage, an denen Wilhelm Mahler diesen dicken Ordner aus dem Regal holt. Er bewahrt darin Fotos und Zeitungsartikel auf. Sie sind 41 Jahre alt. Erinnerungen, die er sorgfältig abgeheftet hat. Als er am Dienstag darin blätterte, bekam er wieder eine Gänsehaut. Diese Erinnerungen gehören zu einem Tag, an dem er fast unverletzt aus einem völlig zerstörten Zugwaggon kletterte. Wilhelm Mahler ist einer der Überlebenden des Zugunglücks vom 8. Juni 1975 bei Warngau im Kreis Miesbach. Die Szenen, die er vor mehr als vier Jahrzehnten erlebt hatte und die auf den Schwarz-Weiß-Fotos in seinem Ordner zu sehen sind, haben sich am Dienstag bei Bad Aibling wiederholt.

"Es gibt Parallelen zu damals"

Wilheilm Mahler war einer der Überlebenden.

Der 82-Jährige aus Krailling (Kreis München) sah die ersten Bilder von dem Zugunglück, als er während des Frühstücks die Nachrichten schaute. „Es gibt Parallelen zu damals“, sagt er. Zwei Züge, die auf einer eingleisigen Strecke zusammenprallen, in einem kurvigen Bereich. Die Zahl der Toten, die fast stündlich steigt.

1975 war es ein tragisches Missverständnis der beiden Fahrdienstleiter, das zu der Katastrophe geführt hatte. Beide stellten in ihren Bahnhöfen das Signal auf Fahrt, beide waren davon ausgegangen, der andere habe ihren Zug angenommen. Als sie den Irrtum bemerkten, konnten sie die Züge nicht mehr aufhalten. Damals gab es noch keinen Funkkontakt zu den Lokführern.

Wilhelm Mahler verdankt es seinen drei Söhnen, dass er überlebt hat. Sie wollen ihm auf der Heimfahrt von einer Wanderung kein bisschen gehorchen. Zweimal beschweren sich Fahrgäste über die lauten Buben – zweimal muss er im Waggon deswegen den Platz wechseln. Nach ganz hinten, nur dort sind noch Plätze frei.

Der Waggon wird durch die Luft geschleudert

Hier geschah 1975 das schreckliche Unglück.

Er erinnert sich, wie er aus dem Fenster blickt. „Auf einmal habe ich keine Landschaft mehr gesehen, sondern nur noch Himmel“, erzählt er. Der Waggon direkt hinter der Lok wird bei dem Zusammenprall der Züge durch die Luft geschleudert und landet mit dem Dach nach unten auf einer Wiese. Als Mahler seine Augen öffnet, liegt er zwischen seinen Söhnen. Er erinnert sich an die Totenstille im Zug. „Wir standen alle unter Schock“, sagt er. Keiner konnte begreifen, was gerade passiert war. „Das Gehirn bringt das so schnell nicht zusammen“, erklärt er. „Die Erschütterung, die veränderte Optik.“ Mahler blutet am Kopf, sonst ist er unverletzt. Auch seine Söhne haben die fast ungebremste Kollision der beiden Züge mit Prellungen überstanden. Sie klettern ins Freie. Erst als Wilhelm Mahler das Trümmerfeld sieht, realisiert er, was passiert ist. Rettungskräfte bringen die leicht Verletzten in einen der hinteren Waggons, sie müssen sich um die Notfälle kümmern. Mahler beobachtet durch das Fenster, wie Tote und Schwerverletzte geborgen werden. Das sind die Szenen, die er nie vergessen hat. Die nach dem Zugunglück bei Bad Aibling wieder ganz nah sind.

Erwin Prechtl arbeitete damals in der BRK-Rettungsleitstelle.

Er ist nicht der Einzige, der am Dienstag mit seinen Erinnerungen kämpfte. Etwa 50 Kilometer entfernt in Freising verfolgte fast zeitgleich Erwin Prechtl die Nachrichten über das Zugunglück im Fernsehen. Und auch er musste sofort an Warngau denken. Prechtl hatte damals in der BRK-Rettungsleitstelle in München Dienst – mit nur einem Kollegen. 1975 gab es in Bayern einen einzigen Rettungshubschrauber, keine Computer, natürlich keine Handys. Aber das große Leid, die vielen menschlichen Tragödien gab es auch damals.

„Mein erster Gedanke war: Zum Glück sind gerade Schulferien“

„Mein erster Gedanke war: Zum Glück sind gerade Schulferien“, sagt Prechtl. Am Dienstag hatte der 72-Jährige viel Zeit, um über das Unglück nachzudenken – bei der Katastrophe 1975 blieb ihm keine. „Wir mussten damals einfach funktionieren“, sagt er. Alle Telefone klingelten gleichzeitig, es mussten Entscheidungen getroffen und verzweifelte Angehörige beruhigt werden. „Die weichen Knie kamen erst viele Stunden später.“ Als er zu Hause war, nicht einschlafen konnte, an die vielen Menschen dachte, für die jede Hilfe zu spät kam.

Am Dienstag hat Erwin Prechtl an seine BRK-Kollegen gedacht, die die Verletzten versorgen. „Zum Glück ist seit damals hinsichtlich Personal und Technik viel passiert“, sagt er. „Es gibt jetzt 14 Rettungshubschrauber in Bayern und 26 Rettungsleitstellen, die mit demselben System arbeiten und auch Einsatzkräfte von THW und Feuerwehr koordinieren.“

Prechtl hat am Dienstag aber nicht nur an die Angehörigen der Toten und Verletzten gedacht – sondern auch an Wilhelm Mahler. Die beiden Männer hatten sich vergangenes Jahr durch einen Bericht unserer Zeitung über das Zugunglück von Warngau kennengelernt und treffen sich seitdem gelegentlich oder telefonieren. „Wer ein Zugunglück überlebt hat, verfolgt diese Nachrichten ganz anders“, glaubt Prechtl. Er will Wilhelm Mahler in den kommenden Tagen anrufen: Hören, wie es ihm geht. Durch ihre Erinnerungen an das Zugunglück von 1975 fühlen sich die beiden Männer eng miteinander verbunden. An Tagen wie den gestrigen Faschingsdienstag ganz besonders.

Bleiben Sie in unserem Ticker vom Donnerstag nach dem Zugunglück von Bad Aibling weiter auf dem Laufenden. Hier können Sie die Ereignisse vom Mittwoch nach der Katastrophe nachlesen.

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