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Warngau Zugunglück: Das geschah vor 40 Jahren

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Von: Andreas Höger

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Warngau - Der 8. Juni 1975, heute genau vor 40 Jahren: Bei Warngau stießen zwei Eilzüge zusammen. 43 Menschen starben, über 125 Passagiere erlitten schwerste Verletzungen. Erinnerungen an eine Katastrophe.

Es war ein herrlicher Sommer-Sonntag. In Schaftlach stiegen hunderte Tagesausflügler und Teilnehmer eines internationalen Wandertags in den Eilzug aus Lenggries – ein Sonderzug aus dem Oberland in Richtung München, den die Bahn im Sommerfahrplan 1975 erstmals anbot. Abfahrt 18.28 Uhr, Abfahrt in die Hölle.

Eine Minute davor hatte der Eilzug 3591 aus München den Warngauer Bahnhof in Richtung Süden verlassen. Auf der eingleisigen Strecke vollzog sich um 18.31 Uhr die Katastrophe. „Wer das gesehen hat, vergisst es sein Leben nicht mehr“, sagt Franz Festl. Der Holzkirchner gehörte als junger Aktiver der Feuerwehr zum Rettungsteam. Fast 200 Feuerwehr-Männer waren im Einsatz, davon 125 aus dem Landkreis; dazu eilten 20 Ärzte und 100 BRK-Helfer an die Unglücksstelle.

Mit etwa 80 km/h dürfte der Zug aus Schaftlach auf den Gegenzug aus Warngau geprallt sein; letzterer fuhr angesichts einer Steigung wohl etwas langsamer. Die 80-Tonnen-Loks wurden jeweils zur Hälfte ineinander gedrückt. Der erste Waggon des Schaftlacher Zugs sprang aus den Gleisen, der zweite „Silberling“ schob sich über die verkeilten Loks. „Die meisten Toten saßen in diesen Waggons, sie waren in Schaftlach eingestiegen“, sagt Festl.

Etwa 400 Menschen befanden sich in den Unglückszügen. Viele Opfer waren grauenhaft verstümmelt. Abgerissene Köpfe, abgetrennte Gliedmaßen. Die Retter mussten notgedrungen über die Leiber von Toten und Schwerverwundeten steigen, um Überlebende aus dem völlig deformierten Waggons zu befreien.

Der gewaltige Aufprall hatte die Fahrgäste durch die Abteile nach vorne geschleudert, sie lagen ineinander verkeilt, eingeschlossen von zentnerschweren Wrackteilen. Viele schrieen nach Hilfe, doch wem zuerst helfen? Eine Zerreißprobe für die Retter. „Im Einsatz hat man zu tun“, sagt Festl, „die Gedanken und die Bilder, die kommen, wenn man allein ist. Und sie kommen immer wieder.“ Eine psychologische Unterstützung der Retter fehlte damals.

Die Holzkirchner Feuerwehr verfügte 1975 nicht einmal über Rettungsspreizer – allerdings über eine Drehleiter. Kommandant Jakob Hofstetter setzte auch sie in Marsch. „Ihm ging’s darum, irgendwie Mannschaften an den Einsatzort zu bringen“, sagt Festl. Wider Erwarten war die Drehleiter am Ort der Katastrophe Gold wert. „Wir haben die Leiter an den aufgebäumten Waggon gestellt“, erinnert sich Festl, „mithilfe von Besenstielen wurden die Tragen mit den Verletzten vorsichtig nach unten gerollt.“

Es gab auch Pannen in dieser Nacht: Viele Verletzte landeten zunächst im viel zu kleinen Holzkirchner Krankenhaus. Eine Rettungsleitstelle gab es noch nicht, auf dem einen Funkkanal regierte das Chaos.

Die Wucht des Aufpralls tötete 37 Menschen sofort, darunter die zwei Lokführer; sechs weitere erlagen später ihren Verletzungen. In der nahen Allerheiligen-Kirche wurden die teils völlig entstellten Leichen in Särge gelegt. Die Angehörigen hatten die schreckliche Pflicht, die Toten zu identifizieren. Zwölf Särge hatte die Polizei mit einem „W“ für weiblich markiert, 25 Särge trugen ein „M“. Reihenweise, so erinnert sich Festl, seien sie Leute in der Kirche umgekippt. „Es konnte ja passieren, dass die Angehörigen einige Leichen anschauen mussten.“

Viele Münchner waren unter den Toten, auch eine Lenggrieserin und drei Tölzer. Besonderes Entsetzen erfasste die St.Ursula-Schulen in Lenggries-Hohenburg: Auf dem Weg zurück ins Isarwinkler Internat starben ein 13- und ein 18-jähriges Mädchen; sieben weitere wurden verletzt. Sechs Schülerinnen rettete wohl der Fehler einer Lehrerin das Leben: Sie hatte irrtümlich verkündet, dass montags die erste Stunde ausfällt. Die Mädchen beschlossen daraufhin, den Frühzug am Montag zu nehmen.

Die Katastrophe vom 8. Juni 1975 gilt als eines der schwersten Zugunglücke Deutschlands überhaupt. Das schwerste ereignete sich 23 Jahre später, als am 3. Juni 1998 bei Eschede ein ICE entgleiste und 101 Menschen starben.

Von Andreas Höger

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