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Zweckentfremdet? Die Mehrgenerationenhäuser am Klosteranger stehen im Zentrum der Debatte. Der Vorwurf aus Reihen der Partei WIR in der Gemeinde Weyarn: München-Pendler würden sich für günstiges Geld einmieten. 

Neubauten am Klosteranger 

Doch nicht mehr als eine Schlafstätte?

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Das „Mehrgenerationenwohnen“ am Klosteranger sah sich von vornherein Widerständen ausgesetzt. Jetzt scheint das Konzept Fahrt aufzunehmen und wird doch weiterhin kritisch beäugt.

Weyarn – Die Nachbarschaft mit dem mittelalterlichen Kloster samt Kirche ist malerisch. Und auch die fünf Neubauten am Klosteranger selbst, holzvertäfelt und mit großen Fenstern versehen, kommen schick daher. Optisch gesehen ist das anfangs so umstrittene Bauprojekt, das müssen wohl auch Kritiker eingestehen, ein Erfolg. Doch erfüllen die Mehrgenerationenhäuser auch ihren Zweck? Diese Frage wurde nun im Gemeinderat aufgeworfen.

Angedacht war für das Neubau-Projekt am Ortseingang ein soziales Konzept, in dem sich die Bewohner, bestenfalls eine Melange aus Jung und Alt, im Alltag unterstützen. Vor allem Senioren sollen davon profitieren. Dass das so auch funktioniert, zweifelte Kornelia Schlickenrieder (WIR in der Gemeinde Weyarn) in der jüngsten Sitzung an. „Haben wir tatsächlich mehrere Generationen, die dort wohnen?“, fragte Schlickenrieder, deren Partei zu den schärfsten Kritikern des Bauvorhabens zählte, in die Runde.

Bei Recherchen auf einschlägigen Immobilien-Portalen habe sie nämlich keinerlei Hinweise darauf gefunden, dass die Einheiten auch so beworben werden. Ihr Verdacht: Die hübschen Appartements dienen als „Schlafstätten für München“. Pendler, denen der Wohnungsmarkt in der Landeshauptstadt zu überhitzt und zu teuer ist, würden sich den günstigen Wohnraum in Autobahnnähe sichern – und aufs Miteinander pfeifen.

Zumindest erste Beobachtung konnte auch Albrecht Zinsbacher bestätigen. Ein Bekannter, so erzählte der CSU-Fraktionsvorsitzende, habe zwei Wohneinheiten am Klosteranger gekauft und würde diese nun vermieten. „Ich habe nicht mitbekommen, dass der die Mieter großartig aussucht“, sagte Zinsbacher. „Wer zahlen kann, geht rein.“

Drei der Mehrgenerationenhäuser sind schon bezogen, in zwei weiteren richten sich die Bewohner gerade ein. Baubeginn für die letzten beiden der insgesamt sieben Gebäude ist nächstes Jahr. An die 60 Menschen sollen Ende 2019 dort einmal leben.

Stand jetzt stellt Betty Mehrer, die SPD-Fraktionsvorsitzende, fest: „Die Mischung ist da.“ Dass die erhofften wechselseitigen Effekte innerhalb der Gebäude noch nicht derart ausgeprägt sind wie erwartet, liege allen woran am Faktor Zeit:. „Die Leute sind doch erst eingezogen oder ziehen gerade ein“, sagte Mehrer. Der soziale Gedanke müsse sich erst noch entfalten: „Ein Konzept braucht Zeit, um sich mit Leben zu füllen.“

Damit die neuen Bewohner in Kontakt kommen, berichtete Mehrer, gebe es jeden Monat einen Stammtisch, zu dem auch Alteingesessene eingeladen seien. Zudem soll den Neuankömmlingen auf einer Veranstaltung im Februar das Konzept mit allen Ideen und Vorschlägen vorgestellt werden. Aber: „Wer sich nicht einbringen will, den kannst du nicht zwingen“, räumte Mehrer ein.

Architektonisch sind die Weichen gestellt für ein sich helfendes Miteinander. „Wir haben es damals entschieden, über die Wohnungsgröße die Belegung zu steuern“, erinnerte Mehrer. Bewusst kleingehaltene Einheiten sollten so vornehmlich junge Singles oder Familien sowie ältere Mitbürger ansprechen, denen das eigene Haus vielleicht zu groß geworden ist. Und auch über Treffpunkte im Haus soll das Kennenlernen und Miteinander, so der Plan, gefördert werden. „Das kann man nicht oktroyieren“, sagt Mehrer auf Nachfrage, es müsse sich entwickeln.

Einfluss darauf, wer in die Mehrgenerationenhäuser einzieht, hat die Gemeinde nicht. Der Investor Quest verkauft die Einheiten. Der Eigentümer kann frei vermieten.

Zwar habe der Gemeinderat darüber diskutiert, sich Wohnungen zu sichern, um so einen Daumen auf der Belegung zu haben, erläutert Bürgermeister Leonhard Wöhr. Angesichts der Gesamtbaukosten von mindestens 22 Millionen Euro habe man aber abgewunken. „Es war doch klar, dass die Verteilung der Wohnungen so nicht zu steuern ist“, sagt Wöhr. „Da brauchen wir uns nichts vormachen.“ Dass das Konzept greift, davon ist er dennoch fest überzeugt. „Die Generationenmischung tritt ein“, sagt der Rathauschef. Schon jetzt seien Bewohner quer durch alle Altersklassen eingezogen. Die betagteste Dame ist 90 Jahre alt.

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