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Hutbürger und manchmal auch ein kleiner, bayerischer Wutbürger: Hans Triebel, 65, der Wirt der Gotzinger Trommel vor seinem Wirtshaus im Kreis Miesbach.

Ein Besuch bei Hans Triebel

„I bin a Revolutionär, aber es nutzt nix“

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Die letzte bayerische Revolution liegt 100 Jahre zurück. Trotzdem glaubt die ganze Republik, die Bayern seien besonders dickköpfig und widerspenstig, quasi Revolutionäre im Wartezimmer. So geht das Klischee. Aber stimmt das eigentlich? Wir haben einen getroffen, der es wissen muss.

Gotzing – In Bayern fängt die Revolution heutzutage im ganz Kleinen an, zum Beispiel beim Schweinsbraten. Hans Triebel, 65, der Freiheitskämpfer vom Tegernseer Tal, der ewige Guerilla-Krieger wider die Verpreußung Bayerns, sitzt vor seinem Wirtshaus in Gotzing im Kreis Miesbach. Wie immer trägt er Trachtenhut, Bart und Lederhose. Er sagt: „Da Bayer is a Revolutionär, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Wenn’s ans Eingmachte geht, hört er auf.“

Triebel hat in den letzten Jahrzehnten schon einige Scharmützel ausgefochten. Er ist Profi in Sachen Rebellion. Gotzing, diesen Weiler zwischen Weyarn und Miesbach, hat er bereits vor Jahren zur „tschüssfreien Zone“ ausgerufen, weil man in Bayern selbstverständlichPfiatioder Habedere sagt. Er hat Schilder machen lassen und sie aufgehängt. Die Straßenmeisterei hat die rot-weißen Blechschilder sofort wieder abgehängt. Doch Triebel war plötzlich eine deutschlandweite Berühmtheit. Zeitungen in der ganzen Republik haben über das Tschüss-Verbot berichtet.

Triebels berühmtester Coup: 2006 hat er sein Heimatdorf zur „tschüßfreien Zone“ erklärt.

Triebel ist inzwischen ein bisserl ruhiger geworden – er schreibt manchmal noch Leserbriefe an unsere Zeitung, wenn ihn was wurmt. Zum Beispiel falsch geschriebene bairische Wörter, Bodenspekulation und der Autoverkehr. „Wo soll das hinführen?“, fragt er dann und antwortet gleich: „Finis Bavariae – davor möge uns Gott bewahren!“

Ansonsten geht er neuerdings subtiler vor – Triebel, der Wirt und Koch der Gotzinger Trommel, arbeitet jetzt mit Sternchen auf seiner Speisekarte, um auf Missstände in diesem grundsätzlich gesegneten Freistaat aufmerksam zu machen. Im Angebot hat er Milzwurst, Ochsenbackerl und natürlich Schweinsbraten*. Schweinsbraten mit Sternchen. Unten auf der Karte steht die Erklärung: „*In Bayern sagt man Schweinsbraten, weil bei uns ein Schwein so groß ist, dass man mehrere Braten herausbringt. Beim Schweinebraten sind die Viecher so klein (Bonsai-Schweindl), dass mehrere Schweindl nötig sind, um einen Braten zu bekommen.“

Ein typischer Triebel, hahaha. Bonsai-Schweindl, sensationell! Wer in Gotzing Schweinebraten sagt, der beweist, dass er Bayern nicht verstanden hat oder nur auf der Durchreise ist. So läuft das hier. Es ist ein Schnelltest.

Triebel sitzt für die Bayernpartei im Kreistag, gelernt hat er Kfz-Mechaniker. Er ist Sprachpfleger und Dialektretter. Über sich selbst sagt er: „Manchmal bin i a Revolutionär, aber meistens nutzt’s nix.“ Vor zehn Jahren hat er Mozarts „Don Giovanni“ an zwei Nachmittagen ins Bairische übertragen. In der Oper, die im Nebengebäude des Wirtshauses aufgeführt wurde, hat er die Hauptrolle gespielt. Ehrensache. Triebel schreckt auch vor Peinlichkeiten nicht zurück. Als er noch Vorsitzender des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte war, forderte er, dass sich alle Lehrer in Bayern einem „Verstehenstest“ in Bairisch, Fränkisch und Schwäbisch unterziehen sollen. Das sei eine „Sofortmaßnahme“ zum Fortbestand der bairischen Mundarten. Die damalige Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU) erteilte der Idee sofort eine Watschn. Mit einer solchen Maßnahme, sagte sie, würde sich Bayern „eher lächerlich“ machen.

Unterschriften, um die Bayernhymne zu ändern. Triebel mit Eberhard Sinner, dem damaligen Leiter der Staatskanzlei.

Auch gegen den Schoko-Weihnachtsmann, den neumodischen Feind des traditionellen Schokoladen-Nikolauses, ist er schon zu Felde gezogen. Genau wie gegen Passagen der Bayernhymne. Dazu hat er einen Packen mit 7200 Unterschriften in der Staatskanzlei abgegeben. Aber das war während der CSU-internen Wirren rund um Stoibers Rücktritt, Becksteins Wahl und Becksteins Rücktritt als Ministerpräsident. Mieser Zeitpunkt, die Rebellion verpuffte. Heute sagt er: „Dagegen zu sein ist anstrengend und kostenintensiv. Außer Mord und Totschlag bringt eine Revolution nicht viel.“

Klar kennt Triebel die Geschichte der bayerischen Revolution anno 1918, er ist ein kleines bayerisches Geschichtslexikon und er mag die Wittelsbacher. Trotzdem sagt er: „Kurt Eisner gehört ins Maximilianeum, das ist eine Sauerei, dass er da nicht hängt.“ Der gebürtige Berliner war der erste Ministerpräsident des Freistaats. „Auch Erich Mühsam“, sagt Triebel, „war ein guter Mann – aber auch kein Bayer.“ Mühsam, 1878 geboren in Berlin, war 1919 an vorderster Front an der Ausrufung der Münchner Räterepublik beteiligt. Gustav Landauer stammt aus Karlsruhe, Ernst Toller aus Samotschin im heutigen Polen. Viele Protagonisten der Revolution sind Zuagroaste. „Ein Bayer braucht lange, bis er aufwacht und dann ist es zu spät“, sagt Triebel. Die Revolution von 1918, findet der Wirt, war deshalb höchstens, nun ja, mittelbayerisch. „Die Bayern“, sagt Triebel, „waren alle ein bisserl zu brav.“

Vielleicht liegt ihnen das Todernste, das Unbedingte einfach nicht im Blut. Der Bayer hat den Grant, um auf die Welt zu schimpfen. Und um die Welt manchmal auch ein bisschen auf Abstand zu halten. Eine Revolution ist was Plötzliches, was Umstürzlerisches. Grant ist die Überzeugung, dass man eh nichts ändern kann. Das war vor 100 Jahren so, das ist heute so. Alle reden heutzutage von Twitter, Internet und Facebook, aber vielleicht ist Rückzug die neue Rebellion. „Ins Internet“, sagt Triebel, „schaug i ned nei, des is mir zu riskant.“ Weil er dann Zeit verplempert, sich aufregen muss oder beides.

Und das will er nicht. Denn hier in Gotzing, wo die Mangfall fließt und das Bier schmeckt, ist die Welt noch ein bisserl in Ordnung. Das muss man bewahren. „Gotzing ist ein Reservat“, sagt Triebel, „eine kleine Insel.“ Wo die Menschen sich noch kennen und Bairisch reden. Es ist ein Ort, wo der Freistaat noch in sich ruht. Und wo es natürlich einen sagenhaften Wirt wie den Triebel Hans gibt. „Die Einen gehen zum Pfarrer, um zu beichten“, sagt er. „Die Anderen gehen zum Psychologen und zahlen 500 Euro. Oder man geht einfach glei ins Wirtshaus.“

Dort kann man kurzerhand die Revolution ausrufen, eine Halbe bestellen und nach fünf Halben die Revolution wieder absagen. Oder in den Worten des großen bayerischen Revolutions-Philosophen Hans Triebel: „Das Leben is ois a großer Wahnsinn, aber ma kimmt ned aus.“

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