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Keine Berührungsängste: Für Kinder war heuer Birte Müller am Samstag mit einer Lesung aus ihrem Buch „Planet Willi“ über das Familienleben mit einem Sohn mit Downsyndrom dabei. Am Abend las sie für Erwachsene.

Irreparable Parabeln

Finale der Weyarner Kleinkunsttage: Rasante Wortspiele und virtuose Lieder

Die zwölften Weyarner Kleinkunsttage sind beendet. Im Finale gab es rasante Wortspiele und virtuose Lieder. Den Schlusspunkt setzte das Duo „Das Geld liegt auf der Fensterbank, Marie“.

Weyarn – Wiebke und Friedolin sind aufs Land gezogen: von der Drei-Zimmer-Wohnung in Hannover – alles Wichtige fußläufig – raus aufs Dorf. Weil sie es so wollte und er nachgegeben hat, um des lieben Friedens willen. Ein klassisches Beziehungskonstrukt zugunsten der innerehelichen Harmonie? Das trifft wohl ganz gut, was Wiebke Eymess und Friedolin Müller als Kabarettduo „Das Geld liegt auf der Fensterbank, Marie“ verkörpern. Die beiden Hannoveraner, die sich selbst als „real-fiktives Liebespaar“ bezeichnen, betreiben in rasant-virtuosen Dialogen Situationskomik aus dem Zusammenleben von Mann und Frau. Damit haben sie bei den Weyarner Kleinkunsttagen schon einmal den Nerv des Publikums getroffen. Kein Wunder also, dass ihr Auftritt in der Weyarner Mehrzweckhalle schon vor Wochen ausverkauft war. Das Duo setzte am Sonntag den Schlusspunkt hinter das diesjährige Kleinkunst-Festival.

Als Wiebke verträumt davon schwärmt, wie sie mit den anderen Dorffrauen zusammensitzt, die selbst gestrickten Stolas um die Schultern, und am großen Buchenholztisch von manufactum Zwiebelzöpfe flechtet, rückt Friedolin das mit kühler Gelassenheit ins richtige Licht: „Das hast du doch aus der Landlust.“ Nicht selbst erlebt also, sondern gelesen in diesem „Erotikmagazin für Frauen“, in dem als Playmate ein Kürbis dient.

Wiebke scheint in der Beziehung die Bissige, die gerne an Friedolin herumnörgelt: etwa, weil er sich stundenlang auf der Toilette einsperrt und die Garage mit so viel Gerümpel vollstellt, dass das Auto darin keinen Platz mehr hat. Und Friedolin geht dem Konflikt „typisch männlich“ aus dem Weg und kontert, dass er auf der Toilette Zeitung lese, weil er nirgendwo sonst Ruhe habe – „die Couch kann man nicht zusperren“. Und dass das Auto keine Garage brauche, weil „dafür gibt‘s ein Carport, das heißt ja auch so“.

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Waren die Alltags-Dialoge des Kabarett-Duos zwar komisch-überspitzt, aber doch ein eigentlich nachdenklich stimmender Spiegel für manche Beziehung, so lachten die Besucher schier Tränen bei den verzwickten Wort-Suchen des Paares, etwa im Dialog über den Anruf des Automechanikers. Friedolin: „Was hat er denn gesagt?“ Wiebke: „Das Auto ist im Arsch.“ Friedolin: „Hat er das so gesagt?“ Nein, hat er natürlich nicht. Wiebke erinnert sich aber an irgendwas mit einem „verrückten Grafen bei der Rektaluntersuchung“. Im weiteren Hin und Her zwischen den beiden wird aus dem „Graf“ ein „Graph“ und aus dem „rektal“ die „Anal-ysis“. Es kommen noch das Achsensystem und Wilhelm Busch mit seinen Fabeln dazu („Die Geschichten mit den Tieren“). Von Busch geht’s zu Leibniz (der mit den 52 Zähnen) und weiter zu Ephraim Lessing. Am Schluss landet das Gespräch bei „Parabeln“, und es wird klar, dass der Automechaniker „irreparabel“ gesagt hat. Darauf Friedolin: „Das Auto ist also im Arsch?“ Und Wiebke: „Sag ich doch.“

Ein Paar, zwei Welten: Das Duo „Das Geld liegt auf der Fensterbank, Marie“ setzte den 12. Weyarner Kleinkunsttagen am Sonntag das krönende Finale auf.

Aber Wiebke und Friedolin können nicht nur komisch – sie können vor allem auch singen, selbst begleitet. In ihren Liedern thematisieren sie das Insektensterben („Stumm, stumm, stumm, kein Bienchen summt herum“) oder die, die in der Gesellschaft das Sagen haben („Alte, weiße Männer“), in (Selbst-)Gesprächen die mütterliche Betroffenheit angesichts dessen, was täglich auf der Welt passiert, oder den „kapitalistischen Warenkreislauf“, bei dem man Geld verdienen muss, um Dinge zu kaufen, die man dann nicht benutzen kann, weil man wegen der vielen Arbeit keine Zeit dazu hat. Diesen Spagat zwischen Betroffenheit und Komik schafften Wiebke Eymess und Friedolin Müller mit bewundernswert leichten und klugen Überleitungen. Fazit: Ein lustiges, liebenswertes und intelligentes Kabarett-Duo, welches das Publikum erst nach zwei Zugaben gehen ließ.

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Christine Merk

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