+
Eine Wohnwand aus Holz fertigt Beate Gröbmeyer in ihrer Schreinerei in Weyarn gerade an. Mit Schraubzwingen werden die geleimten Bretter zusammengehalten, bis sie trocken sind.  

Serie: Frauen in ehemaligen Männerberufen 

In Beate Gröbmeyers Werkstatt in Weyarn hängen Kerle an der Wand

  • schließen

Bretter, Sägen, Holzstaub und mittendrin Beate Gröbmeyer. Die 45-Jährige ist Schreinermeisterin. Ein Besuch in ihrer Werkstatt in Weyarn, in der die Gleichberechtigung sogar an der Wand hängt.

Weyarn – In der Schreinerei in Weyarn hängt ein Kalender mit nackten Frauen. Nicht weiter ungewöhnlich in einer Werkstatt. An der gegenüberliegenden Wand hängt noch ein Kalender, einer mit Männern darauf. Auch sie zeigen viel Haut. Beate Gröbmeyer lacht. „Einfach nur gerecht“, findet sie das. Ein Kalender für ihre beiden Mitarbeiter, einer für die Meisterin selbst.

Gröbmeyer (45), groß, schlank, mit Kurzhaarfrisur und Arbeitskleidung, sitzt in ihrem Büro. Zettel mit Zeichnungen und Zahlen liegen herum, Bleistifte, ein Meterstab und überall ein bisschen Holzstaub. Gröbmeyer ist Schreinermeisterin und hat den Betrieb ihres Vaters übernommen. Sie sagt: „Holz ist für mich das schönste Material, das es gibt.“

In der Werkstatt riecht es danach – wobei man das nach der Nase der Schreinermeisterin so nicht einfach sagen kann. „Je nachdem, was es für eine Holzart ist, hat sie ihren ganz eigenen Geruch.“ Mit dem Schmirgelpapier reibt sie über ein Brett, das an der Wand lehnt. Das war einmal eine Birke, sagt ihr die Schreinernase. Auf einen Versuch mit verbundenen Augen will sie sich aber lieber nicht einlassen – wohl auch, weil sich die Gerüche in der Werkstatt vermischen.

Krafttraining während der Lehrzeit

Vermischt haben sich in dem Berufsfeld mittlerweile auch die Geschlechter. Zwar überwiegt noch der Anteil der männlichen Schreiner. „Es sind aber auf alle Fälle mehr Frauen geworden.“ Schade findet Gröbmeyer, dass viele begabte Frauen nicht in dem Beruf bleiben. Einigen sei es körperlich doch zu anstrengend. Dass es das ist, streitet Gröbmeyer nicht ab. „Aber man lernt mit der Zeit richtig zu tragen“, sagt sie. Sogar extra Krafttraining hat Gröbmeyer während ihrer Lehrzeit gemacht.

Darüber nachgedacht, dass sie als Frau in einem Männerberuf arbeitet, hat Gröbmeyer nie. „Ich bin damit groß geworden“, sagt sie. „Es ist meine Leidenschaft.“ Dass das Wort Beruf von Berufung kommt, trifft auf sie zu hundert Prozent zu.

Besonders liebt Gröbmeyer zu sehen, was durch ihre Hände entsteht. Wenn sie an Häusern vorbeikommt, an denen sie das meiste selbst gemacht hat, verspürt sie großen Stolz. „Die schönste Belohnung ist, wenn ich in die strahlenden Gesichter der Bauherren blicke“, sagt Gröbmeyer und fährt sich lächelnd mit den Fingern durch die kurzen Haare. Dass sie eine Frau ist, habe bei einem Auftrag noch niemanden gestört. Die meisten kämen über Empfehlungen und wüssten, wer sie erwartet.

Kuriose Begegnungen gibt es trotzdem. Gröbmeyer erinnert sich an eine Preisverleihung vor einigen Jahren. „Da haben sie mich nicht erkannt, weil ich mein Arbeitsgewand nicht an hatte.“ Die Schreinermeisterin in Kleid und hohen Schuhen – kein gewöhnlicher Anblick. Selbst fühlt sich die 45-Jährige sowieso in T-Shirt und Arbeitshose am wohlsten. „Ich bin so froh, dass ich mit in der Früh keine Gedanken machen muss, was ich anziehe.“ Sie lacht. Maniküre, Make-up, aufwendige Frisuren – das braucht sie nicht.

Auszeit von der Werkstatt-Familie

Wenn Gröbmeyer doch mal Nagellack von einer Feier am Wochenende trägt, erntet sie von ihren beiden Mitarbeitern gleich ein Grinsen. Damit kann die Meisterin umgehen. „Wir sind hier wie eine Familie.“ Ab und an bildet Gröbmeyer auch aus. Der Abschied, wenn ein Lehrling nach sieben oder acht Jahren die Werkstatt verlässt, fällt ihr schwer. „Das ist schon komisch“, sagt sie. „Man gewöhnt sich so aneinander.“

Genau wie an das Arbeiten in einem männerdominierten Umfeld. Und wenn sie doch mal Erholung braucht, fährt Gröbmeyer an den Chiemsee zum Segeln. Eine Viertelstunde auf dem Wasser, und die Schreinermeisterin ist wieder bereit, Hand ans Holz zu legen. Ihre Berufung.

Zu unserer Serie: Wir stellen Frauen vor, die in Berufen arbeiten, die als Männerdomäne gelten. In den Porträts erzählen sie, warum sie sich gerade für den Job entschieden haben und ob die Geschlechterfrage dabei überhaupt eine Rolle spielt.

Lesen Sie zu dieser Serie auch:

Warum eine Friseurin heute Kapitänin am Schliersee ist

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Familie will Nachbarn Garage verbieten - und setzt sich durch
in Hof, aber zwei Welten, durch die eine harte Front verläuft: Eine Familie klagt gegen den Freistaat angeblich im Namen des Denkmalschutzes. Möglicherweise steckt aber …
Familie will Nachbarn Garage verbieten - und setzt sich durch
Beamter: Wie Cybermobbing Kinder in den Selbstmord treibt
Cybermobbing geht 24 Stunden, wird immer brutaler - und häufiger, auch in Holzkirchen. André Reinwarth (39), Jugendbeauftragter der Polizei Holzkirchen, warnt vor …
Beamter: Wie Cybermobbing Kinder in den Selbstmord treibt
Abkühlung gefällig? Alle Badeplätze im Landkreis auf einen Blick
Heiße Tage gab es bereits, die erste Hitzewelle steht noch aus. Damit Sie - wenn es soweit ist - Abkühlung finden, haben wir hier sämtliche Bäder im Landkreis …
Abkühlung gefällig? Alle Badeplätze im Landkreis auf einen Blick
Modedesignerin Katharina Probst aus Valley recycelt alte Kleider
Katharina Probst (31) aus Valley hat sich auf das Verwerten alter Kleider spezialisiert. Die Ergebnisse zeigt sie bei einer Modenschau beim ARTcycling-Festival im …
Modedesignerin Katharina Probst aus Valley recycelt alte Kleider

Kommentare