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Steininger und der damalige Bundespräsident Gauck

Karl Steininger

Der Hauptmann von Kleinpienzenau - Bayerns oberster Gebirgsschütze sagt Servus

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Die Heimat im Herzen,den Säbel immer griffbereit: Bayerns oberster Gebirgsschütze sagt Servus. Am Sonntag sind Wahlen – Landeshauptmann Karl Steininger, 78, wird nicht wieder kandidieren. Ein Besuch in Kleinpienzenau, Gemeinde Weyarn im Kreis Miesbach. 

Bad Tölz/Weyarn - Rückblickend betrachtet hat Karl Steininger, Bayerns oberster Gebirgsschütze, Dinge erlebt, für die man sonst sieben Leben braucht. Er hat Angela Merkel getroffen, alle Päpste der letzten Jahrzehnte, den japanischen Premierminister, mit Bundespräsident Gauck hat er Schnaps getrunken. Er war mit seinen Gebirgsschützen beim 75. Geburtstag von Kardinal Ratzinger in Rom, als sie so laut Salut geschossen haben, dass die vatikanischen Alarmanlagen plötzlich schrillten. Unvergesslich. 

Waffentransport zum Papst

Steininger höchstselbst hat dafür gesorgt, dass sie überhaupt schießen konnten. Die Karabiner der Gebirgsschützen mussten aus Sicherheitsgründen über Nacht in der Deutschen Botschaft verwahrt werden. Mit zwei Taxis haben sie die 30 Waffen dann abgeholt – und zur Geburtstagsfeier bringen lassen. „Die italienischen Taxifahrer haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen“, sagt Steininger, 78, und lacht. Man wäre gerne dabei gewesen, als diese Lederhosen, Stopselhut und Lodenjacken tragenden Vollblutbayern in der Heiligen Stadt nach einem Taxi Ausschau hielten, das sie zu Ratzinger und auch zu Johannes Paul II. bringt. Ein magischer Moment. Die Anbahnung eines heiligen Waffentransports, wenn man so will. 

Interview mit Steininger: "Der Herrgott meint’s mit uns Gebirgsschützen gut"

So was erlebt man als normaler Mensch nicht. Das erlebt man nur als Landeshauptmann der Gebirgsschützen. Außerdem trifft man einfach jeden, der auf dieser Welt was zu sagen hat. Karl Steininger aus Kleinpienzenau, Kreis Miesbach, hat Barack Obama die Hand geschüttelt. Er stand dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in München gegenüber. Steininger hat seinen Säbel gezückt, selbstverständlich ehren- und nicht kriegshalber. Dann sagte er, als er in seiner prächtigen Montur vor der Residenz wartete, den wunderbaren Satz: „Mit a bisserl Abstand, damit er sich nicht fürchtet.“ Willst ja selbst als oberster Gebirgsschütze den Putin nicht per Säbel erschrecken, sonst bayerisch-russische Staatskrise, aber wie. Die Gebirgsschützen mit ihren Orden und ihren Gewehren, sie sehen zwar schneidig und furchtlos aus, aber man muss keine Angst haben: Sie sind Heimatpfleger, christliche Traditionsbewahrer und inzwischen sogar eine staatstragende Institution. Kaum ein wichtiges Ereignis im Freistaat, bei dem sie nicht Salut schießen oder Spalier stehen. Als Stoiber dann seinen Gegenbesuch in Russland machte, ließ Putin das ganz große Besteck auffahren – seine Leibgarde empfing den bayerischen Ministerpräsidenten. „Ebenbürtig“, sagt Steininger. 

Neuwahlen in Bad Tölz

Karl Steininger, gelernter Landwirt, später Wirt und Bankdirektor, sitzt in seiner Stube und erzählt von seinen aufregendsten Momenten, um ihn herum Fotos von ihm, Urkunden, Heiligenfiguren, Schützenscheiben. Er ist seit 1994 Landeshauptmann, seine erste Rede hielt er beim Patronatstag in Lenggries. Er war furchtbar nervös, neben ihm saß Stoiber, der sagte: „Das kriegen wir schon hin.“ Und so kam es auch, 24 ehrenamtliche Dienstjahre liegen hinter Steininger. Am Sonntag sind Neuwahlen in Bad Tölz. Er wird nicht mehr antreten.Es gibt mehrere Kandidaten, die sein Erbe antreten wollen. Es ist kein kleines. 

Die Gebirgsschützen haben 12.000 Mitglieder in 47 Kompanien von Garmisch bis Bad Reichenhall, im Jahr hat er 140 Termine. Oder wie es in der Sprache der Gebirgsschützen heißt: „Ich“, sagt Steininger, „ruck im Jahr 140 Mal aus.“ Manchmal wird er auch von Bayerns wichtigsten Menschen um Rat gefragt. 2006 hat der damalige CSU-Generalsekretär Markus Söder um ein Treffen gebeten, um mehr über das Wesen des Gebirgschützentums zu lernen. Steininger und Söder haben sich dann im Weyarner Altwirt getroffen. Der scheidende Landeshauptmann kann sich noch gut erinnern. „Söder hat mich gefragt, wie man Mitglied werden kann“, erzählt er. „Da habe ich geantwortet: ,Da brauchst einen Bürgen und einen ausgezeichneten Leumund‘.“ 

Ein evangelischer Ministerpräsident wird mittlerweile akzeptiert

1632 haben die Gebirgsschützen die Heimat gegen einfallende Protestanten verteidigt – im Jahr 2018 nach Christus akzeptieren sie mit Söder sogar einen evangelischen Ministerpräsidenten. Der Fortschritt geht auch an den Gebirgsschützen nicht vorbei. Nur bei einer Sache, da sind sie streng wie vor 500 Jahren – bei Frauen. Sie können kein Mitglied werden. Für sie gibt es andere, durchaus kriegsentscheidende Rollen. Ledige Damen rücken als dirndltragende Marketenderinnen mit aus – und versorgen die Männer bei Bedarf mit einem stärkenden, alkoholischen Getränk. Steininger sagt: „Wenn’s hoaß is und du trinkst so a Stamperl Schnaps, des is genauso guad wiara Glasl Wasser. Des mogst ned glaubn.“ 

Kleine Anekdote am Rande: Als die Gebirgsschützen 2012 mit einem Sonderzug mit 1000 Plätzen nach Rom gefahren sind, um Papst Benedikt zum 85. Geburtstag zu gratulieren, war das Bordbistro kurz hinter Salzburg leer getrunken. Dabei hat Steininger die Betreiber des Bistros schon frühzeitig gewarnt: „Sie müssen damit rechnen, dass da was getrunken wird.“ Aber zum Glück ist die Proviantbeschaffung eine der großen Stärken dieser von Steininger befehligten Männer. Kurzerhand wurden mehrere nächtliche Zwischenhalts auf dem Weg zum Papst eingelegt. Ein Gebirgsschütze konnte damals sein Glück kaum fassen: „Jetzt ham’s scho wieder a Tankstelln leer gekauft“, sagte er im Angesicht dutzender Paletten österreichischen Büchsenbiers. 

Berlin? „Nur, wenn i schießen darf!“

Es ist vielleicht nur ein klitzekleines bisschen übertrieben, aber die großen Ämter in Bayern werden nur im Einverständnis mit den Gebirgsschützen vergeben. Söder hat es gerade zum Ministerpräsidenten geschafft, wer weiß, wo er ohne das Gespräch im Weyarner Altwirt heute stünde. Und auch Horst Seehofer hat Steininger vor kurzem erst gefragt: „Und kommst mit nach Berlin?“ Steininger hat geantwortet: „Nur, wenn i schießen darf.“ Was wohl ein höfliches Nein war. Steininger, übrigens ein glühender Fan des FC Bayern, bleibt der bayerischen Heimat treu. Er kann gar nicht anders. Aber ein paar Mal musste er sich in den letzten Jahren auch furchtbar aufregen. Der Bad Endorfer Pfarrverbandsrat hat 2013 beschlossen, dass die Gebirgsschützen nur noch unbewaffnet an der Fronleichnamsprozession teilnehmen sollen. „Dann dürfen Kinder auch nicht mehr fernsehschauen“, entgegnete Steininger. 

Das drohende Verbot war ein direkter Angriff auf eine jahrhundertealte Tradition, schließlich wurden die mörderischen Panduren im Österreichischen Erbfolgekrieg anno 1742 auch nicht mit Hilfe von Gesprächskreisen aus dem Oberland vertrieben. Sie haben sich dann darauf geeinigt, dass die Gebirgsschützen ihren Karabiner zur Prozession mitbringen dürfen – aber mit einer Einschränkung. Sie müssen so mitmarschieren, dass sie das Allerheiligste, die Monstranz, nicht mit ihren Waffen verdecken. Katholizismus sticht wehrhaftes Brauchtum. Eine praktische, bayerische Lösung. Ein anderes Mal hat ein Ministerialbeamter vor Gericht geklagt, weil er angeblich einen Gehörschaden erlitten hat, als die Gebirgsschützen das Oktoberfest in Berlin mit Salutschüssen eröffneten. Auch zu diesem Fall hat Steininger eine klare Meinung: „Wenn er schon so empfindlich ist, dann hätte er halt Oropax verwenden oder sich die Ohrwaschln zuhalten sollen.“ 

Es ist ein Mann mit Haltung, Haferlschuah und einer gewissen Dickschädeligkeit, der am Sonntag die große Bühne verlässt. Aber natürlich bleibt er weiter Gebirgsschütze. Das ist nichts auf Zeit, das ist was fürs Leben

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