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Unterwegs zum Lieblings-Platzerl auf dem Taubenberg: Weyarns Bürgermeister Leonhard Wöhr entspannt auf seinem E-Mountainbike, wenn ihm die Amtsgeschäfte mal ein paar freie Stunden gönnen.

Weyarns Bürgermeister im Halbzeit-Interview

Leonhrad Wöhr über seinen Job: „Bin das Mädchen für alles“

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Unsere Halbzeitbilanz mit Leonhard Wöhr drei Jahre nach der Wahl: Weyarns Bürgermeister darüber, wie sehr ihm seine Polizeiausbildung hilft und warum sich eine Bürgerin freut, wenn er keine Post bekommt.

Weyarn - Leonhard Wöhr (57) liest noch schnell ein Dokument, dann setzt er sich an den Tisch. Etwas müde sieht er aus, er sei ein Nachtmensch, der schon mal bis 3 Uhr durcharbeitet, erklärt er. Amtsmüde ist Weyarns Bürgermeister aber nicht. Ein Gespräch über Prestigeprojekte, Wachstum und Mädchen für alles.

Herr Wöhr, in Ihrer Freizeit radeln Sie gern zu Ihrem Lieblingsplatz am Taubenberg. Kommt man als Rathauschef dazu?

Wöhr: Der Dienst an sieben Tagen die Woche und zu allen möglichen Zeiten ist für einen Bürgermeister nichts Ungewöhnliches. Aber man kann nicht immer nur arbeiten. Ich habe wenig Freizeit. Deshalb starte ich mit meinem E-Mountainbike vor der Tür in Gotzing und fahre zwei Mal den Taubenberg hoch. Da ist nach 18 Uhr kein Mensch unterwegs, und ich komme zur Ruhe. Von meinem Lieblingsplatz am Ginderer-Hof halte ich immer inne und genieße die schöne Aussicht auf Wendelstein und Oberland.

Sie machen auch gerne Holz. Aus welchem Holz muss man als Bürgermeister geschnitzt sein?

Wöhr: Man braucht ein zähes Holz, gute Nerven, Geduld und eine stabile Gesundheit, um das Arbeitspensum zu bewältigen. Man muss auf sich aufpassen. Siehe Nachbargemeinde (Anm. der Red.: Wegen einer Herzerkrankung fiel Irschenbergs Bürgermeister Hans Schönauer mehrere Wochen aus).

Helfen Ihnen bei politischen Reibereien und Ärger mit Bürgern die Erfahrungen aus Ihrer Zeit als Polizist?

Wöhr: Was mir sehr hilft, ist meine Verwaltungsausbildung. Ich habe Erfahrungen im Umgang mit anderen Behörden und Mitarbeiterführung. Aus meiner Zeit im operativen Dienst habe ich meine Menschenkenntnis. Ich bin als Bürgermeister aber nicht der Aufpasser, sondern eher das Mädchen für alles(lacht).

Das heißt?

Wöhr: Auch wenn die Post streikt oder das Telefon ausfällt, rufen die Leute beim Bürgermeister an. Als ich einer Dame erzählte, dass im Rathaus auch keine Post ankommt, sagte sie: „Das freut mich.“

In den Gemeinderatssitzungen geht es ruhig zu. Liegt das auch an Ihrer sachlichen Art?

Wöhr: Ich bin bemüht, nicht zu polarisieren. Bei fünf Fraktionen kann ich mir das nicht leisten. Im Gemeinderat wird keine Parteipolitik gemacht, bei uns wird querbeet abgestimmt.

Ein emotionalerer Typ ist Ihr Vorgänger Michael Pelzer, von Sie ein paar Großbaustellen geerbt haben. Konnten Sie sich freischwimmen?

Wöhr: Damals habe ich viele Projekte zu Beginn der Umsetzungsphase übernommen. Das war viel Arbeit. Inzwischen wird der Klosteranger bebaut, die Grafwiese ist bebaut, das Gewerbegebiet beplant.

Bleibt also endlich Zeit für eigene Projekte?

Wöhr: Wir haben zum Beispiel den Breitbandausbau vorangetrieben. Das Heizkraftwerk ist gestartet und im Ausbau begriffen, die Feuerwehr Holzolling bekommt ein neues Auto, Sonderdilching schließt an unsere Wasserversorgung an. Die Aktivitäten sind vielfach keine öffentlichkeitswirksamen Prestigeprojekte, aber das brauche ich nicht. Für die Bürger sind die Sachen wichtig. Es gibt unzählige kleine Dinge, die sich rentieren. Zwei kleine Schritte summieren sich ebenfalls zu einem großen. Auch der Personalnachersatz für eine funktionsfähige Verwaltung bleibt zu bewerkstelligen.

Verstecken müssen Sie sich nicht. Ihre Gemeinde boomt, viele Leute ziehen her, das Gewerbe wächst, ein Edeka kommt. Höchste Zeit, sich auf die eigene Schulter zu klopfen?

Wöhr: Wer rastet, der rostet. Selbstzufriedenheit sollte man nie haben. Arbeit liegt noch mehr als genug an.

Besser laufen könnte:

Wöhr: Beim Bevölkerungszuwachs brauchen wir eine Konsolidierungsphase. Wir können nicht die Wohnraumnot für München regeln. Andere Gemeinden müssen ebenfalls ihre Hausaufgaben machen. Ich bekomme Bewerbungsmappen von Münchnern, die in Weyarn Immobilien suchen. Beim Gewerbe müssen wir unsere Potenziale realisieren.

Das Wachstum in Weyarn hat seine Kehrseiten. Eröffnet im Frühjahr 2018 der Edeka, wird es eng für den Dorfladen...

Wöhr: Zweiter Bürgermeister Franz Demmelmeier unterstützt die Verantwortlichen des Vereins. Die sind in der Orientierungsphase.

Durch die Neubaugebiete kommen gut 400 Bewohner in den Ort. Kritiker befürchten mehr Verkehr.

Wöhr: Die Bewohner im Ortskern und an der Grafwiese sind zu einem erheblichen Teil bereits da. Es gibt eine eigenständige Erschließung für den Supermarkt und die Reihenhäuser- Diese Menschen müssen mit dem Auto also nicht in den Ortskern rein. Die Verbesserung der Parkplatzsituation am Rathaus bespreche ich gerade mit dem Deutschen Orden.

Was tun Sie, damit alt und neu zusammenwachsen?

Wöhr: Wir haben unsere Arbeitskreise und Vereine, die sich sehr bemühen. Ich bin bedacht, mit Neubürgern in Kontakt zu kommen. Das Steuerungsgremium hat dazu einen Neubürgerempfang des Bürgermeisters empfohlen, der zur Jahresmitte 2017 stattfindet.

Integriert werden müssen Asylbewerber. Sind die schon echte Weyarner?

Wöhr: Da ist immer eine gewisse Fluktuation da, aber der AK Asyl ist sehr engagiert. Es gibt viele Kinder bei uns, die schnell Bairisch lernen. Bei den Erwachsenen gelingt das nicht so einfach.

Haben Sie eine Lösung für anerkannte Flüchtlinge?

Wöhr: Wir haben Wohnraum gesucht: Fehlanzeige. Der Wohnungsmarkt ist angespannt. Aber das ist angesichts unserer hohen Unterbringungsquote aus meiner Sicht kein Thema, das wir alleine stemmen müssen.

Auch die Energiewende steht an, Weyarn will sich bis 2025 autark aus erneuerbaren Quellen versorgen. Schaffen Sie das?

Wöhr: Das ist schon eine Herausforderung. Der AK Energie will mit einer Halbzeitbilanz untersuchen, wo wir im Moment stehen. Ein Windrad ist unter aktuellen Rahmenbedingungen nicht realisierbar. Genau wie die Fotovoltaikanlage auf dem A 8-Lärmschutz. Unter anderem weil der Wall als Ausgleichsfläche dient, ist das Projekt nicht wirtschaftlich.

Bleibt die Wasserkraft an der Mangfall.

Wöhr: Da sind wir dran. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Apropos Wasser: Schon die jetzige Wasserschutzzone macht Probleme. Kommt die neue, müsste Weyarn ein eigenes Schutzgebiet ausweisen. Was erwarten Sie sich bei dem Thema von Landrat Wolfgang Rzehak?

Wöhr: Dass er mit großem Selbstbewusstsein und Gestaltungswillen gegenüber dem Landesamt für Umwelt in Hof auftritt.

Bei landkreisweiten Themen müssten Sie mehr Einblick haben. 2016 rückten Sie als Kreisrat nach.

Wöhr: Jetzt bin ich unmittelbarer am Geschehen. Es ist gut, wenn man gemeindliche Aspekte einbringen kann.

Welche Ziele verfolgen Sie im Kreistag?

Wöhr: Ich bin zugestiegen in ein bestehendes Koordinatensystem. Die wirtschaftliche Entwicklung im Landkreis ist mir wichtig, daher sitze ich gerne im Wirtschaftsausschuss.

Die Pläne für Weyarn?

Wöhr: Wir führen den Breitbandausbau fort. Ein Thema ist die Nachmittagsbetreuung der Schulkinder. Nachdem die EU das Einheimischenprogramm gelockert hat, müssen wir schauen, wie wir damit umgehen. Zudem prüfen wir sozialen Wohnungsbau und passen das Gewerbegebiet an. Das Vorgehen zum Bauhof hängt noch in der Luft.

Spielt die Bürgerbeteiligung noch eine wichtige Rolle? Von außen betrachtet brennen Sie dafür nicht so wie Ihr Vorgänger.

Wöhr: Mein politisches Engagement entstammt der Bürgerbeteiligung. Ich gehe häufig in AK- Sitzungen und immer zum Steuerungsgremium. Es liegt vielleicht daran, dass ich kein so emotionaler Redner bin. Die Gestaltung der Außenanlagen am Klosteranger lief über Bürgerworkshops. Da konnten wir den Investor davon überzeugen. Mittlerweile macht Quest nach guten Ergebnissen Reklame mit dem Beteiligungsprozess.

Pelzer war von 1990 bis 2014 Bürgermeister, also vier Amtsperioden. Wie viele wollen Sie machen?

Wöhr: Es kommt darauf an, ob meine Partei zufrieden mit mir ist und ob sie will, dass ich erneut kandidiere. Ich mache es auch von meiner Gesundheit abhängig. Wenn die Zeichen entsprechend stehen, überlege ich mir, ein Angebot für eine finale zweite Amtsperiode zu machen. Ich bin nicht amtsmüde, aber ich klebe auch nicht an meinem Stuhl.

Falls Sie nicht mehr dran kommen sollten, hätten Sie Zeit für Ihr Hobby Fotografieren. Welchen Schnappschuss wollten Sie mal machen?

Wöhr: Ich bin reiselustig und würde gerne vier Wochen mit dem Rad unterwegs sein. Ein Fotograf sollte seine Kamera immer dabei haben. Die schönsten Bilder sind die, die man nicht geplant hat.

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