Die junge Künstlerin Agnes Wieser mit Pinsel und Gemälde in ihrem Atelier im Zuhaus auf dem elterlichen Hof in Kleinhöhenkirchen.
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Hat ihre Leidenschaft doch noch zum Beruf gemacht: Agnes Wieser im Atelier im Zuhaus. Das Malen begleitet die 30-Jährige von Kindesbeinen an.

Mit Mut auf neuen Wegen

Wie Agnes Wieser von der Behördenlaufbahn doch noch zum Künstlerleben kam

  • vonHeidi Siefert
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Agnes Wieser aus Weyarn hatte schon eine Behördenlaufbahn eingeschlagen. Doch das war ihr schnell zu eng. Sie hat sich ein Herz gefasst und macht nun das, was sie schon als Kind immer wollte: malen.

Kleinhöhenkirchen – Malen. Seit sie einen Stift halten kann, will Agnes Wieser nichts lieber als das. Jedem ihrer – vorzugsweise knallbunten – Gemälde sieht man diese Leidenschaft an. Aber auch die technische Fertigkeit. Eine Auswahl soll im Foyer des Holzkirchner Kultur im Oberbräu nach der Weihnachtspause wieder zu sehen sein, sofern es die Corona-Bestimmungen zulassen. „Bunt“ hat Wieser im Titel auf den Punkt gebracht, was dort an den Wänden hängt und in ihrem kleinen Atelier daheim in Kleinhöhenkirchen entsteht.

Tief steht die Sonne an diesen kurzen Dezembertagen. Das Eckzimmer im ersten Stock des Zuhauses beim Wieser Bauern ist in dieses besondere, sanfte Winterlicht getaucht. Auf einer Staffelei das großformatige Gemälde eines Mannes – eine Auftragsarbeit im Stil ihres rebellischen, tätowierten König Ludwig. Im Regal unzählige Farbtuben. Hinter einem schweren Vorhang jede Menge fertiger Bilder. „Überall lagere ich Bilder“, sagt die 30-Jährige lachend. Die Wände im Flur gleichen einer Galerie, ihr Auto ist ein Kunstwerk auf Rädern. Allerhand hat sie auch drüben im elterlichen Hof deponiert, wo alles begann.

Das Gefühl, eingeengt zu sein

Als drittes der sieben Kinder von Marianne und Rupert Wieser wuchs sie in einem kreativen Umfeld auf. „Der Papa schnitzte, die Mama kann gut zeichnen.“ Erstaunt habe sie als Kind zur Kenntnis genommen, dass das kein Beruf sei, und übte nach dem Abitur als eine der Besten an der Rainer-Werner-Fassbinder-Fachoberschule für Gestaltung in München zunächst eine „ordentliche“ Profession aus. In der Agentur für Arbeit in Holzkirchen zeigte sie Jugendlichen als Berufsberaterin ihre Ausbildungsmöglichkeiten auf. Eine Tätigkeit, die ihr Spaß machte, von der sie sich aber zunehmend eingeengt fühlte. Abgehalten vom tiefen Wunsch zu malen.

Ende 2017 ging die junge Frau mit dem offenen Lächeln in Teilzeit, arbeitete nur noch drei Tage. Im Frühling kehrte sie den zu starren Regeln im Amt ganz den Rücken. „Ich konnte einfach nicht anders“, erzählt sie, wie sie endlich den Mut fasste, sich ganz ihrer Leidenschaft zu widmen. Sicherheitshalber mit einem Bürojob nebenbei, den Wieser aber nie antrat, weil Corona dazwischen kam und der Vater so schwer daran erkrankte, dass er stationär behandelt werden musste. Aus dem Mithelfen am elterlichen Bio-Milchviehbetrieb wurde ein Teilzeitjob daheim.

Der Vater, wieder ganz genesen, lässt der Tochter größtmögliche Freiheit. Mit dem Malen als Beruf hat er sich arrangiert. Leichter fiel das der Mutter. „Die Mama ist da ganz cool“, sagt Agnes Wieser. „Sie geht davon aus, dass schon gelingt, was ich mach‘“, sagt die Tochter. „Das kann man schon brauchen, dass jemand an einen glaubt.“

So genießt sie ihre Flexibilität, den freien Kopf und dass sie „jede freie Sekunde mit Malen verbringen“ kann, weil auch Freund Martin, den sie bei einer ihrer Ausstellungen kennenlernte, Verständnis hat und sie unterstützt – „auch wenn er manchmal durch die Kunst a bissl zu wenig Aufmerksamkeit bekommt“.

Nur keine Zeit verplempern

Nur „keine Zeit verplempern“, ist ihre Devise. Zumal sie noch viel mehr davon brauchen könnte, um all ihre Ideen umzusetzen. Früh steht sie dafür auf, weil sich ohnehin jeder Tag zu kurz anfühlt für die fleißige Künstlerin. Schon als Kind hat sie genau beobachtet und viel probiert. Hat als Heranwachsende Skizzenbücher gefüllt statt Tagebuch zu schreiben und das fachliche Rüstzeug etwa bei einem Kirchenmaler und Restaurator sowie als Studentin der auf moderne Malerei spezialisierten Akademie der Bildenden Künste in Kolbermoor vertieft, wo sie unter anderem bei Professor Markus Lüperz „Malerei und Zeichnung“ belegte.

Gut realistisch zeichnen zu können, ist für Wieser Grundlage jeder abstrakten Darstellung. Besonders interessieren sie Menschen. Wie sie deren Wesen darstellt. „Das muss nicht immer lieblich sein“, sagt sie und zeigt an einer Folge von Fotos, wie so ein Bild entsteht. Manchmal auf einem anderen, das ihr nicht wert ist, es zu bewahren. Sonst auf einer neuen Leinwand, die sie mit Farbresten grundiert. Die nächste Schicht sind Skizzen, die sie teilweise mit Edding anfertigt. Hingekritzelte Gedankenstrudel, die an Wimmelbilder in Schwarz-Weiß erinnern. Dann kommt die Farbe. Immer selbst gemischt und aktuell vorzugsweise in Acryl.

Wieser trägt im wahrsten Sinn des Wortes dick auf. „Ich will Bilder malen, die einem auf gute Art und Weise was geben“, sagt sie und dass es nicht nötig sei, dass sie einen damit runterzieht. Auch dann nicht, wenn sie durchaus animieren, hinter die farbenfrohe Fassade zu schauen, wie bei der Reihe „Bunte Fantasien“, von denen einige im Oberbräu zu sehen sind: um „trotz oder gerade wegen Corona einen kleinen Gegenpol zu dieser bedrückenden Zeit zu schaffen“.

Die Ausstellung

„Agnes Wieser: Bunt“ ist bislang voraussichtlich ab 12. Januar 2021 in Holzkirchen im Foyer des Kultur im Oberbräu wieder zu sehen (Dienstag bis Samstag 11.30 bis 13 und 17.30 bis 19 Uhr). Immer zugänglich sind ihre beiden großen Köpfe an der von mehreren Künstlern gestalteten Wand zwischen Atrium und Bahnhofsgelände.

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