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Die Aktion der Ministranten unterstützen (v.l.) die Ministrantenbetreuer Patricia Dax, Elke Arias, Petra Kleinschwärzer sowie (r.) Florian Rösch. Auch Pater Stefan Havlik ist involviert.

St. Peter und Paul

Namenschilder in Kirche: Ministranten sammeln Infos 

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Die Ministranten haben alle Namensschilder der Kirchenbänke in St. Peter und Paul fotografiert und die Bilder im Kreuzgang aufgehängt. Wer etwas dazu weiß, soll es dazu schreiben.

Bis heute nutzen einige Familien die Namensschilder der Kirchenbänke in St. Peter und Paul.

Weyarn – Eines haben sie alle gemeinsam: Sie haben einst in der Weyarner Pfarrkirche St. Peter und Paul gebetet und dem Gottesdienst gelauscht. Jeder auf seinem festen Platz. Der Josef Steininger, der Meierbauer von Holzolling, der um 1871 lebte. Der Johann Häbel, Wagner in Weyarn, der um 1836 lebte. Oder der Bruckmüller von Mühlthal.

Wer diese Personen waren, welche Familien, Höfe und Geschichten dahinter stecken, möchten die Weyarner Ministranten herausfinden. Denn: „Die Jungen wissen das oft gar nicht mehr“, sagt Pfarrverbandsratsvorsitzende Sabine Strauß. Deswegen haben die 23 Ministranten eine Aktion gestartet. Sie haben alle 320 Namensschilder der Kirchenbänke in der Pfarrkirche fotografiert, um sie zur archivieren und vor dem Verfall zu retten. Die Bilder hängen nun im Kreuzgang, Kirchgänger, die etwas dazu wissen, sollen die Infos daneben schreiben. Bislang kamen nur einige wenige der Bitte nach. „Die Kinder würden sich sehr über mehr Resonanz freuen“, sagt Petra Kleinschwärzer, Gruppenleiterin der Ministranten.

Weyarns Pater Stefan taucht in die Geschichte ein: Jeder Kirchgänger hatte damals seinen eigenen Platz in der Kirche, der ein Stuhlgeld kostete. Quasi ein Jahresbeitrag. „Heute vergleichbar mit einem teuren Mitgliedsbeitrag“, erklärt der Pater. „Damals gab es noch keine Kirchensteuer.“ Diese sei in der jetzigen Form erst im 20. Jahrhundert in Deutschland eingeführt worden. Heute entfällt das Stuhlgeld, weil es ein abgesichertes System gebe. „Die Kirche ist reich.“

Das Besondere der Weyarner Barockkirche sei, dass bei den durchgehenden Kirchenbänken der Mittelgang fehlt. Normalerweise gebe es eine linke und eine rechte Seite, auf der einen saßen die Männer, auf der anderen die Frauen. Letztere in der Regel dort, wo der Marien-Seitenaltar steht, erklärt der Geistliche.

In Weyarn aber nahmen die Männer in den vorderen zehn Reihen Platz, die Frauen in den hinteren zehn. „Es gab eine strenge Hierarchie.“ Und eine ausgeklügelte Heiratspolitik. Die Reichen und Bedeutsamen im Ort, die Großbauern und Mühlenbesitzer, lauschten dem Gottesdienst von den vorderen Rängen aus, die mehr Stuhlgeld kosteten. Auf den „billigen Plätzen“ hockten diejenigen, die in der Dorfhierarchie weiter hinten standen. „Sicher gab es Leute, die sich in die Seitenaltäre drückten.“ Aber auch Knechte und Mägde gehörten zur Familie und bekamen einen Platz. „Heute wollen die Männer hinten sitzen“, sagt der Pfarrer lachend. Nach dem Motto: „Im Krieg, im Kino und in der Kirche sind die besten Plätze hinten.“

Oft stand nur der Hofname auf den Schildern, nach dem Tod des Patriarchen rückte der jeweilige Erbe nach. Hinter dem Hofnamen Oswald Mittenkirche etwa stecke die Familie Rummel, weiß Strauß. Der Großbauer Josef Rummel sei vor der Gebietsreform mal Bürgermeister von Holzolling gewesen. Oft würden die Schilder noch von den Nachfahren genutzt. Auch Strauß macht das noch. Ihr Urgroßvater Georg Estendorfer, der Anfang des 20. Jahrhunderts Bürgermeister von Weyarn war, hatte seinen festen Platz. Seine Frau Maria musste ein paar Reihen hinter ihm sitzen – diesen Platz nutzt Strauß nun während der Gottesdienste. „Das hat Tradition bei uns in der Familie.“

Die ältesten Schilder sind laut Pater Stefan um das Jahr 1700 datiert, die jüngsten um die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Einige sind schon verwittert und nur schlecht lesbar. Eventuell könne man sie restaurieren. „Aber nur, wenn das gewollt ist“, betont Strauß. „Vielleicht hatten ja auch einige Bedenken, wenn sie was hinschreiben, dass man sie gleich um eine Restaurierung bittet.“ Die gesammelten Infos sollen dann in schriftlicher Form rausgebracht werden, meint Pater Stefan. Womöglich in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Geschichte.

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