Sepp Hatzl schaut Annalena Braun an der Hobelbank über die Schulter.
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So wird das gemacht: Sepp Hatzl schaut Annalena Braun an der Hobelbank über die Schulter.

Zum Start ins neue Ausbildungsjahr

Schreiner aus Leidenschaft: Azubi (16) und Altgeselle (60) erzählen, was sie an ihrem Beruf lieben

  • Sebastian Grauvogl
    vonSebastian Grauvogl
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Annalena Braun und Sepp Hatzl trennen genau 45 Jahre Berufserfahrung. Doch die neue Auszubildende und der Altgeselle haben auch etwas gemeinsam: die Leidenschaft fürs Schreinern.

Weyarn/Landkreis – Es gibt Momente in der Werkstatt, da kann sich Sepp Hatzl nicht auf die Zunge beißen. Zum Beispiel, wenn er hört, dass ein Kollege mit einem stumpfen Sägeblatt arbeitet. „Da muss ich einfach was sagen“, meint Hatzl und grinst verschmitzt. Dass ihm so etwas sogar dann auffällt, wenn er nicht selbst an der Maschine steht, liegt an seiner langen Erfahrung. Seit Beginn seiner Lehre vor 45 Jahren ist Hatzl bei der Schreinerei Zinsbacher in Stürzlham. Seitdem habe sich vieles verändert, teils „um 180 Grad“, wie der 60-Jährige erzählt. Eines aber brauche man auch heute noch: „Das Gespür fürs Material.“ Und natürlich viel Freude am Handwerk.

Letzteres hat Hatzl von seinem Opa mitbekommen. Bei Annalena Braun (16) war es die Mama, die das Interesse an der Arbeit mit Holz geweckt hat. Zum Beispiel, indem die beiden einen alten Schrank abgeschliffen und so restauriert haben. An der Mittelschule waren Mathe und Technik ihre Lieblingsfächer. Nach einem Praktikum stand für die 16-Jährige aus Niederhasling (Irschenberg) fest, dass sie Schreinerin werden will. Dass sie so nah an ihrem Wohnort eine Lehrstelle bekommen hat, freut Braun sehr. „Meine Zwillingsschwester ist für ihre Friseurausbildung nach Nürnberg gegangen“, erzählt sie.

Bevor sie regelmäßig selbst zu den Brettern greifen darf, muss Braun erst mal brav die Schulbank drücken. Im ersten Ausbildungsjahr verbringt sie die meiste Zeit in der Miesbacher Berufsschule. In den Ferien darf sie aber schon ab und zu in der Werkstatt für Möbelgestaltung und Innenausbau Hand anlegen, meint Chef Albert Zinsbacher junior. Fachkräftemangel ist übrigens ein Fremdwort für Zinsbacher: „Wenn man seine Lehrlinge anständig behandelt und bezahlt, findet man immer gute Leute“, sagt er.

Die neue Auszubildende hat schon ihr erstes Werk angefertigt. Hatzl hat mit ihr einen Bilderrahmen geschreinert. Er selbst hat sich sein Erstlingsstück bis heute aufgehoben. Im September 1975 baute er in der Werkstatt von Albert Zinsbachers Opa einen Schemel. Vom Hobeln bis zum Verzinken: Alles pure Handarbeit, berichtet der 60-Jährige stolz. Ein Aufwand, den man heutzutage allenfalls noch in ein Meisterstück steckt. So wie Hans Würmseer. Er werkelt gerade an einer Vitrine mit Schubladen – handverzinkt. Das, weiß Zinsbacher, ist im Alltag kaum mehr bezahlbar. „Mit der Hand schafft man zwei Schubladen am Tag, mit der Maschine 25.“

Dass dabei bisweilen mehr Verschnitt anfällt, spielt laut Hatzl keine Rolle. In seiner Lehrzeit habe man noch penibel darauf geachtet, bloß kein Material zu verschwenden. „Das war damals richtig teuer und wir mussten sparsam damit umgehen.“ Jede Leiste habe man aufgehoben. Eine Einstellung, die Hatzl nie ganz ablegen konnte – und die er auch heute noch dem Schreinernachwuchs vermittelt.

Doch der Einzug der Maschinen in die Werkstatt habe auch viele Vorteile gebracht, betont der 60-Jährige. Vor allem in Sachen Sicherheit. Weil es keine offenen Sägeblätter mehr gebe und so gut wie alles am Bildschirm eingestellt wird, könnten sogar neue Azubis wie Annalena Braun schon bald – zumindest unter Aufsicht – in der Produktion anpacken. „Die kennen sich mit Tablets eh gut aus, also kommen sie auch schnell mit den modernen Maschinen zurecht“, erklärt Zinsbacher.

Den Schritt zur industriellen Produktion wird der Familienbetrieb mit fünf Mitarbeitern aber nicht gehen, betont der Chef. Planung, Fertigung und Montage sollen weiter komplett unter einem Dach bleiben. „Bei uns kann jeder alles und es gibt so gut wie keinen Kundenwunsch, den wir nicht erfüllen“, sagt Zinsbacher stolz. Das ist auch einer der Gründe, warum Hatzl in seinen 45 Jahren Betriebszugehörigkeit nie an einen Wechsel gedacht hat. Ja nicht mal der Meistertitel reizte ihn. „Warum hätte ich den machen sollen, wo ich so doch auch alles das machen kann, was mir Spaß macht?“, fragt der Altgeselle.

Annalena Braun hat über solche Dinge noch nicht nachgedacht. Sie will sich erst mal voll auf ihre Ausbildung konzentrieren. Langweilig wird ihr da bestimmt nicht, meint die 16-Jährige. „Ich durfte sogar schon mal auf Montage zu den Kunden mit“, erzählt sie stolz. Dabei hat sie auch schon eine der Grundregeln der Schreinerei Zinsbacher gelernt: Immer, wenn man mit dem Chef unterwegs ist, muss man zwei Meterstäbe einpacken, erzählt Zinsbacher schmunzelnd und erklärt, warum: „Ich vergesse meinen nämlich immer.“

Trotz Corona: Ausbildung läuft in den Betrieben weitgehend normal – etliche Stellen noch zu haben

Ob Arbeitgeber und Bewerber zusammenpassen, zeigt sich oft erst beim persönlichen Kennenlernen. Das allerdings war durch die Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie in den vergangenen Monaten oftmals nicht möglich. Auch Berufsorientierungsveranstaltungen fielen den Infektionsschutzauflagen zum Opfer. Doch die Betriebe waren kreativ und nutzten die Chancen der modernen Technik, um ihre Ausbildungsplätze zu besetzen, berichtet die Handwerkskammer für München und Oberbayern. Nicht wenige hätten sogar Vorstellungsgespräche per Online-Meeting durchgeführt. Mit Erfolg: 387 neue Auszubildende sind am 1. September in den Handwerksbetrieben in den Landkreisen Miesbach und Bad Tölz-Wolfratshausen in die Lehre gestartet. Trotz Corona ein nur geringer Rückgang um 19 Azubis im Vergleich zum Vorjahr. Die meisten Lehrverträge seien heuer in den Berufen Kfz-Mechatroniker, Zimmerer und Schreiner abgeschlossen worden. Auch nach dem offiziellen Beginn des Ausbildungsjahrs gebe es gute Chancen auf eine Lehrstelle, erklärt Kreishandwerksmeister Martin Heimgreiter.

Auch die IHK für München und Oberbayern hofft, dass sich noch weitere junge Erwachsene für eine Berufsausbildung entscheiden. 225 neue Azubis hat die IHK in den Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistungen registriert – ein Minus von 12,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Als Gründe nennt IHK-Regionalausschussvorsitzende Petra Reindl weniger Schulabgänger, vor allem aber den Stillstand bei den Unternehmen während des Corona-Lockdowns. „Viele Vertragsabschlüsse haben sich verzögert oder kommen erst jetzt zustande“, erklärt Reindl. Zahlreiche Betriebe seien weiter auf der Suche nach Auszubildenden. Auch wenn in vielen Branchen – vor allem in Tourismus, Hotellerie, Gastronomie, Eventwirtschaft und Einzelhandel – noch die Bewältigung der Corona-Krise im Vordergrund stehe, sei den Unternehmern bewusst, „dass sie sich mit eigenen Fachkräften bestmöglich für die Zukunft aufstellen“. Drei von vier Ausbildungsbetrieben hätten in einer oberbayernweiten IHK-Umfrage bestätigt, dass die Ausbildung selbst unter Corona-Bedingungen normal weiterlaufe. „Gut ein Drittel ermöglicht seinen Azubis beispielsweise auch das Arbeiten im Homeoffice“, berichtet Reindl.

Laut Agentur für Arbeit sind derzeit noch rund 276 Ausbildungsplätze im Landkreis Miesbach unbesetzt. Dem gegenüber stehen 118 unversorgte Bewerber. Eigentlich eine gute Nachricht, findet Reindl: „Rein theoretisch hat damit jeder Bewerber mehr als zwei Lehrstellen zur Auswahl.“

sg

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