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Die Wirtschaft muss demokratischen Regeln folgen: nur eine der Schlussfolgerungen des Vortragsabends zum Thema Gemeinwohlökonomie im Gasthof in Neukirchen. Michael Pelzer (r.) begrüßte die zahlreichen Besucher.

Vortrag

Umdenken für eine enkeltaugliche Welt

Mehr als nur Theorie: Ein Vortragsabend in Neukirchen hat an verschiedenen Beispielen gezeigt, wie Gemeinwohlökonomie funktionieren kann.

Landkreis– Vor dem Rathaus in Kirchanschöring am Waginger See wächst kein Rasen, sondern eine Wiese mit Glatthafer und Salbei. Ein vielleicht winziges Detail in der Ökobilanz der Kommune und doch Sinnbild für ein Ziel, das sich die Gemeinde gesetzt hat: eine „enkeltaugliche“ Welt mitzugestalten. Um sich selbst auf dem Weg zu diesem Ziel Hilfe und Kontrolle zu geben, haben sich Bürgermeister Hans-Jörg Birner (CSU) und der Gemeinderat zur Gemeinwohlökonomie (GWÖ) entschieden – zu einem Wirtschaftsmodell, welches das Wohlergehen von Mensch und Natur an erste Stelle setzt.

Geprägt hat den Begriff der Österreicher Christian Felber. Gemeinsam mit Bürgermeister Birner war er nun auf Einladung des Vereins Kulturvision, des Kulturzentrums Weyhalla und der Regionalgruppe Mangfalltal im Gasthof in Neukirchen (Gemeinde Weyarn) zu Gast, um Praxis und Theorie der GWÖ vorzustellen. 230 Besucher, darunter auch einige Lokalpolitiker, lauschten den Ausführungen der Referenten.

Birner ist seit elf Jahren Bürgermeister in Kirchanschöring. Seit 2018 ist die 3500-Einwohner-Kommune die erste extern gemeinwohlbilanzierte Gemeinde in Bayern. „Der Prozess hat aber schon in den 1980er Jahren unter meinem Vorvorgänger begonnen“, erklärte Birner. Kirchanschöring habe seitdem bei Dorferneuerungs-Projekten viele Erfahrungen gesammelt mit Bürgerbeteiligung. Und Bürgerbeteiligung war auch gefragt, als im vergangenen Jahr innerhalb von sieben Monaten ein Gemeindeentwicklungskonzept erstellt wurde. Am Ende dieses Prozesses stand die GWÖ-Zertifizierung. Am Anfang hatten drei Fragen gestanden, sagte Birner: „Wie wollen wir leben? Was müssen wir dafür tun? Machen wir das auch auf die richtige Weise?“

Heute können Interessierte die erste Gemeinwohlbilanz auf der Homepage der Gemeindeverwaltung einsehen und bekommen einen Eindruck, was das alternative Wirtschaftsmodell bewirken kann. In Kirchanschöring gibt es bereits viele Projekte, die im Sinne der GWÖ sind, etwa ein Haus der Begegnung mit Wohnmöglichkeiten für Senioren oder einen Pflegeplan für die Grünflächen der Gemeinde. Man plant neue Wohngebiete nicht mehr nach dem Einfamilienhaus-Modell, sondern mit gemeinschaftlichen Baugruppen, die mit der Hälfte der Fläche auskommen und zugleich die Gemeinschaft fördern. „Kirchanschöring wird manchmal ein bisschen schief angeschaut“, sagte Birner schmunzelnd. „Und dann stellen die Leute fest, dass das ja gar nicht so schlecht ist, was wir machen.“

Das wünscht sich Felber auch für die Wirtschaft. „Umfragen zeigen, dass weltweit 60 bis 90 Prozent der Menschen überzeugt sind, dass wir keine enkeltaugliche Welt hinterlassen“, sagte er. Der studierte Politik- und Sprachwissenschaftler holte weit aus mit seinen Überlegungen, brachte die Besucher zum Nachdenken, zum Nicken, machte sie betroffen, etwa wenn er fragte: „Hatte irgendwer hier im Saal ein gutes Gefühl, als Bayer Monsanto geschluckt hat? Warum lassen wir das zu?“

Die Wirtschaft müsse demokratischen Regeln folgen, und nicht die Demokratie der Wirtschaft. „In keiner demokratischen Verfassung gibt es den Leitwert des Wettbewerbs.“ Wettbewerb motiviere zwar, doch Kooperation motiviere viel mehr, weil alle damit gewinnen, sagte Felber. Heute würden viele Kapitalismus und Ökonomie gleichsetzen. Das habe keine Zukunft. Erfolg messe sich nicht an Geld, sondern daran, ob Ziele erreicht wurden.

Nun müsse man das System so umstellen, dass die in den Verfassungen stehenden Ziele erreicht werden. In der Bayerischen etwa heißt es in Artikel 151: „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl, insbesondere der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle …“

Weitere Informationen

zur Gemeinwohlökonomie in Bayern gibt es unter www.ecogood.org. Eine Regionalgruppe gibt es bereits im Mangfalltal. Sie trifft sich das nächste Mal am Montag, 11.Februar, in der Weyhalla in Weyarn. Interessierte sind willkommen.

Christine Merk

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